Tagungsbericht: Outcasts in der Edo-Zeit – eine Definitionssache

Das diesjährige Symposium der Japanologie Köln fand unter dem Titel „Im Schatten der Gesellschaft, im Zentrum der Kultur? – Zu Bedeutung und Einfluss der Outcasts auf das Leben der Edo-Zeit“ am 18. und 19. November 2017 statt. Die Fragestellung nach dem kulturellen und gesellschaftlichen Beitrag der Outcasts hatte zum Ziel, die angebliche Peripherie der Edo-Gesellschaft in ihren unterschiedlichen Facetten zu betrachten und nach Möglichkeit eine Gesamtschau dieser Gruppe zu bieten. Dazu konnten zahlreiche ExpertInnen gewonnen werden, einen Vortrag in Köln zu halten.

Bereits am ersten Tag des Symposiums stellte sich heraus, dass die Definition der „Outcasts“ alles andere als einfach ist. Weder sind die stigmatisierten Gruppen der eta und hinin in sich homogen, noch sind alle ihre Mitglieder zwingend arm oder gesellschaftlich abgehängt. Vielmehr zeugen die externen und internen Reglementierungen davon, dass sie einen wichtigen Anteil im Gesellschaftsgefüge der Edo-Zeit eingenommen haben mussten.

Edo kiriezu, 1851

Zudem zeigte sich, dass es noch andere Gruppen gab, die als Outcasts bezeichnet werden können und weder zu den hinin noch zu den eta gehörten, z.B. die Bergleute, Wohnsitzlose oder Strafgefangene. Auch sie waren scheinbar an den Rand der Gesellschaft gedrängt, trugen aber auf ihre Weise zum wirtschaftlichen Wohlstand und zur Stabilität der Gesellschaft bei.

Während sich der erste Tag des Symposiums mehr der gesellschaftlichen Ordnung und Verortung der Outcasts widmete, stand der zweite Tag im Zeichen der Repräsentation der Outcasts auf Karten, Bildern, Theaterbühnen und schließlich auch auf Fotografien in der Meiji-Zeit. Hier wurde deutlich, dass die Outcasts keinesfalls eine ignorierte oder stigmatisierte Minderheit waren – vielmehr weckten sie verschiedene Sehnsüchte bei den Betrachtern, sei es aus gruseligem Voyeurismus, heldenhafter Verehrung oder einfach nur sinnlicher Begierde.

Und wozu war das nun gut? Das Zusammenkommen von ExpertInnen mit den unterschiedlichsten Fachgebieten ermöglichte erstmals eine kritische Bestandsaufnahme der bestehenden Forschung und eine Neuperspektivierung durch den transdisziplinären Austausch. So waren neben den Vorträgen vor allem die Gespräche während der Diskussionsrunden und in den Pausen geprägt von der Erkenntnis, dass es zwischen den einzelnen Gruppen weit mehr Überschneidungen und Verbindungen gab, als bislang angenommen.

Ein komplexes, ausdifferenziertes Beziehungsnetz wurde in Umrissen sichtbar, das längst nicht nur die Ränder, sondern weite Teile des edo-zeitlichen Gesellschaftsgefüges erfasste und nachhaltig prägte. Aber wie eine Vortragende treffend sagte: Es gibt noch viel zu lernen und genauer zu erforschen, um die verschiedenen Gruppen in ihrer Komplexität zu erfassen, ihre Charakteristika zu beschreiben und letztendlich zu einer genaueren Definition der „Outcasts in der Edo-Zeit“ zu gelangen. Ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung ist auf jeden Fall mit dem Symposium gemacht worden.

 

Das vollständige Programm kann auf der Homepage der Japanologie Köln eingesehen werden.

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