In den 1990er Jahren wurde der J-Horror-Boom über die Landesgrenzen hinweg zu einem weltweit bekannten Phänomen, das amerikanische Adaptionen japanischer Filme wie The Ring (2002), The Grudge (2004) oder Dark Water (2005) hervorbrachte. Seit einigen Jahren erfährt das Horror-Genre in Japan einen weiteren Aufschwung, der als „Horror-Boom der Reiwa-Zeit“ (Reiwa no horâ bûmu 令和のホラーブーム) bekannt geworden ist. Dabei ist die Erzählung unheimlicher Geschichten in Japan keineswegs ein Phänomen der Moderne und bereits seit mindestens der Edo-Zeit als beliebter Zeitvertreib bekannt. Wo zunächst angenommen wurde, dass Volks- und Aberglauben eher im ländlichen Raum angesiedelt seien, zeigen urbane Mythen (toshi densetsu 都市伝説), dass auch der städtische Raum genügend unheimliches Material hervorbringt, und somit auch neue Ansatzpunkte für dessen Erforschung.
Innerhalb der urbanen Legenden bieten sogenannte „Schul-Spukgeschichten“ (gakkô no kaidan 学校の怪談) ein zentrales Subgenre. Diese Erzählungen zirkulieren primär unter Kindern und Jugendlichen und entfalten ihre Wirkung im spezifischen sozialen Gefüge der Schule. Ursprünglich wurden die Geschichten in mündlicher Form überliefert. Mediale Adaptionen wie die Mangareihe Ghost Stories (mit japanischem Originaltitel ebenfalls gakkô no kaidan 学校の怪談) und die gleichnamige Animeserie kanonisierten sie zu Beginn der 2000er-Jahren bis zu einem gewissen Grad. Bereits die Frage nach der Produktion solcher Erzählungen, die ebenfalls im Rahmen des Horror-Booms der 1990er-Jahre einen Aufschwung erlebt hatten, verweist auf ihre soziale Funktion. Denn das Erzählen solch schulischer Spukgeschichten ist weniger auf einen tatsächlichen Glauben an Übernatürliches zurückzuführen als auf kommunikative Dynamiken innerhalb von Gruppen, die durch das sichere Erleben von Angst in geschütztem Rahmen ihren Zusammenhalt stärken können. Das Erzählen wird dabei zu einer Praxis der sozialen Positionierung.
Gerade der schulische Raum eignet sich hierfür besonders, weil er einerseits hochgradig reglementiert ist, andererseits aber temporäre Zonen des Unkontrollierten erzeugt: leere Klassenzimmer nach Unterrichtsschluss, dunkle Treppenhäuser oder Toilettenanlagen. Die Historie zeigt, dass genau diese liminal spaces, also Grenzbereiche, häufig Schauplatz von Horror- und Spukgeschichten sind. Ein Treppenhaus, dessen Stufenanzahl sich verändert. Eine Schultoilette, in der Geister erscheinen, oder der Klang von Instrumenten aus leeren Musikzimmern. Die Schule erscheint in dieser Funktion nicht als Bildungsinstitution, sondern als Raum, in dem Unsicherheit produziert und kollektiv verhandelt wird. Die Weitergabe von Geistergeschichten fungiert so als soziale Handlung, durch die Gemeinschaft erzeugt wird.
Diese Perspektive verschiebt zugleich den Blick auf die Ästhetik des Unheimlichen. Ein Gefühl von Horror entsteht in den Kontexten urbaner Legenden nicht primär durch Monster, sondern durch räumliche und atmosphärische Verschiebungen. Das Unheimliche zeigt sich dort, wo alltägliche Räume ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Gerade japanischer Horror operiert häufig mit der Irritation vertrauter Umgebungen: Schulen, Wohnviertel oder Bahnhöfe werden dort nicht zerstört, sondern subtil entfremdet. Diese Logik unterscheidet sich von vielen westlichen Horrorkonventionen, in denen das Bedrohliche oft als äußerer Einbruch in Form von z. B. Seuchen, Weltuntergangsszenarien oder Außerirdischen erscheint. Im Kontext der Schul-Spukgeschichten entsteht das Grauen dagegen aus der Nähe zum Alltäglichen selbst. Durch dessen Entfremdung, die den Zugang zum Unheimlichen eröffnet, wird die Schule zu einem Ort, an dem Mysteriöses oder Paranormales geschehen kann und so ein Bruch der Realität stattfindet. Die Schule wird nicht zum „anderen“ Ort, sondern offenbart ihre verborgene Instabilität.
Dieses Konzept der liminal spaces findet insbesondere im Horror-Boom der Reiwa-Zeit seine Anwendung. Die in Japan aktuell beliebten „Mockumentaries“, die im Stile einer echten Dokumentation über mysteriöse Vermisstenfälle produziert werden, Thriller und Horrorgeschichten aus dem Genre des sogenannten hitokowa ヒトコワ („furchterregende Menschen“, wie z. B. Stalker oder Serienmörder) oder Anomaliespiele wie der globale Indie-Spielehit „Exit 8“ (hachi-ban deguchi 8番出口) machen diese subtile Verschiebung des Alltäglichen besonders deutlich. Abweichungen von der Normalität erzeugen hier jene Atmosphäre der Instabilität, die die Grenzen der Realität verzerren und so zu einem Gefühl von Horror beitragen.















