Ab in die starken Arme: Von der versuchten Flucht aus der Angst in die Wärme.

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Von Cordelia Schlederer

In einer Angstsituation werden Freunde zu Feinden, Gewissheit wird zu Ungewissheit. Wem kann man noch trauen? Aber vor allem: Was ist das für eine Angst, die uns alle umtreibt und wo kommt sie her?

Wer hat Angst vor was eigentlich? Diesen Fragen nähert sich „M(1) – eine Stadt sucht einen Mörder“. Es handelt sich hierbei um den ersten Teil eines Triptychons, um ein in der Corona-Zeit entstandenes Hörspiel des Residenztheaters München und des Bayrischen Rundfunks. Denn: „Der Virus ist unter uns.“ Und weil deshalb kein Stück im Theater aufgeführt werden kann, nutzt „M(1) – eine Stadt sucht einen Mörder“ die Plattform Radio zur Veröffentlichung und zur Auseinandersetzung mit den realen und behaupteten Ängsten unserer Zeit.

Direkt zu Beginn der knapp 50-Minuten langen Audiodatei flüstert eine Stimme, die sich als die des Autors Schorsch Kamerun vorstellt, den Zuhörenden komplizenhaft ins Ohr. Beschrieben wird eine Bandbreite an Ängsten und Gefahren, bis die Stimme, nach dem Versprechen, auch wieder aufzutauchen, mit einem unheimlichen Geräusch erstirbt.

Die Haupthandlung ist eingebettet in eine imaginäre Krisensitzung von verschiedenen Akteur*innen, die über einen Mordfall beraten. Sie sind sehr abstrakt gefasst, so sitzen am Tisch die Unterwelt, der Schrecken und das Mysterium. Wer an der Sitzung zudem teilnimmt, sind die sogenannten „Experten“. Diese heben sich von den „normalen“ Mitgliedern der Sitzung ab. Wie in unserer Realität, in der Netz-Konferenzen als Tool genutzt werden, Politiker*innen in virtuellen Räumen über Lösungsstrategien nachdenken. 

Immer wieder wird man zurückgeholt in die Handlungsebene der Online-Krisensitzung. Dies wird zum einen deutlich durch eine Titelmelodie, die an Aufzugmusik erinnert, und zum anderen durch die Stimme des Moderators, der zum Teil die Gesprächsthemen der Akteur*innen vorgibt. Somit fungiert er gleichzeitig nicht nur als Moderator der Sitzung, sondern moderiert auch das gesamte Hörspiel. Ein weiteres wiederkehrendes Element stellen Interviewschnipsel mit einem Geflüchteten dar. Er erzählt von seiner Flucht und seinen persönlichen Erfahrungen mit dem deutschen Staat. Zäsuren bieten kurze musikalische Einspieler, Sirenengeräusche oder der Klang einer Megafon-Ansage. Die Verstärkung von Interview- und Geräuschebene evoziert ein Gefühl der Angst, des Misstrauens, der Unordnung, des Chaotischen. Die Durchsagen ordnen das Chaos, die Sirene verweist auf ein Unfallgeschehen.

Wie wirkt sich Angst auf eine Gesellschaft aus? Grenzen, Ordnung und Regeln, das sind Bestandteile einer Gesellschaft. Wenn diese aus dem Gleichgewicht geraten, entsteht Irritation. Eine Ungewissheit breitet sich aus, Vertrauen ist nicht mehr selbstverständlich. Angst und Panik werden geschürt. „You can’t trust your neighbour.“ Alles ist anders. Alles wird in Frage gestellt. Wieso noch dem Nachbarn vertrauen? Was macht also eine Gesellschaft in Zeiten der Ungewissheit aus? Was bleibt, wenn fundamentale Elemente nicht mehr so funktionieren?

In „M(1) – eine Stadt sucht einen Mörder“, setzt die Ausnahmesituation der Gesellschaft ein durch die Suche nach einem Mörder, der nicht gefasst werden kann. Und während in „M(1)“ ein Mörder gesucht wird, sucht unsere Gesellschaft jemanden, der für die Pandemie verantwortlich gemacht werden kann. So werden Freundschaften zu Feindschaften, die gesellschaftliche Spaltung schreitet voran. In „M(1)“ wird der Mörder auch „die Bestie“ genannt. Stellt Corona die Bestie unserer Gesellschaft dar?

In Zeiten der Unordnung beschreibt das Hörspiel als eine Reaktion vieler Menschen die Suche nach der starken Führung, die eine Richtung vorgibt. „Nichts wie ins Warme, ab in die starken Arme“ wird Mantra-artig wiederholt und somit der Wunsch nach trügerischer Sicherheit betont.

„M1“ eröffnet eine Vielzahl verschiedener Perspektiven auf das Thema Gesellschaft und Staat in der Krise. Das Hörspiel erzeugt eine Atmosphäre der Angst, verwirrt, führt zu Unbehagen. „Wer hat Angst vor was eigentlich“ bleibt als Frage zurück. Ebenso wie ein mulmiges Gefühl bei den Zuhörer*innen.

https://www.residenztheater.de/stuecke/detail/m-eine-stadt-sucht-einen-moerder

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