„The Practice Of Emptying Space” – Kämpfen in Zeiten der leeren Räume

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von Helena Baur

Politiker*innen auf der ganzen Welt bedienen sich vielfach eines simplen wie bedeutungsschweren Bildes: la lutte contre COVID-19, unser Kampf gegen das Virus, fighting corona … Um das Motiv des Kämpfens geht es auch in der neusten Produktion von Ira Brand, Performance-Künstlerin, Schriftstellerin und Kuratorin. Allerdings wird hier gekämpft, um zu kämpfen – nicht um zu gewinnen.

Im Rahmen des Festivals „Theaterformen“ präsentiert sich ihre ursprünglich eingeladene Arbeit „Ways To Submit“ nun Corona-tauglich online. Ein veränderter Titel lässt es schon vermuten: Bei „The Practice Of Emptying Space“ handelt es sich nicht bloß um eine Übersetzung der Produktion ins Digitale. Vielmehr nutzt Brand die veränderten Rahmenbedingungen für eine Reflexion der Performance und eine künstlerische Auseinandersetzung mit den aktuellen, pandemiebedingten Lebensumständen.

Die diesjährige Ausgabe des Festivals setzt auf hybride Formen: Einige Performances finden vor Ort in Braunschweig statt, andere reisen als Theater-Per-Post bis in den Briefkasten der Zuschauer*innen und wieder andere wandern in virtuelle Welten. Dass für Brands Konzept eine Präsenzvorstellung mit Publikum unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen nicht zur Debatte stand, erklärt sich fast von selbst: Thematisch eingebunden in Fragen nach Machtverhältnissen, Dominanz und Unterwerfung, lädt die Performerin die Zuschauer*innen in „Ways To Submit“ zu einem je dreiminütigen Kampf mit ihr auf der Bühne ein – Körperkontakt pur.

Die in diesem Setting bereits durchgeführten Performances, besonders unvorhersehbar durch das immer anders interagierende Publikum, wurden aufgenommen. Eine etwa 25minütige Audiodatei (Sounddesign: Yas Clarke) und dreizehn eindrucksvolle fotografische Momentaufnahmen stiften zwei der drei Teile des nun online abrufbaren Stücks. Die dritte Säule bildet ein „Textfragment“, ein Essay von Ira Brand. In englischer oder deutscher Sprache (Übersetzung: Anna Johannsen) liest man von Kämpfen aus vergangenen Performances, von verschwindenden Menschen, ikonischem Corona-Alltag mit Zoom-Sitzungen, dem Verlangen nach körperlicher Nähe zu anderen Menschen und von leeren Räumen.

Auf den online in einer Galerie abrufbaren Fotografien, die das Lachen, die heftigen Atemgeräusche und die dumpfen Schläge auf der Audiospur visuell ergänzen, wirken die „Duette“ mal tänzerisch, mal energisch, hier vertraut, da feindlich. Aus den Fotografien wurde jeweils die Person, die mit Ira Brand „kämpft“, ausgelöscht und ausgebleicht, ist nur noch als weiße Silhouette erkennbar. „It feels close to erotic to pay such precise attention to the edges of another person.” Dem Bild des Kämpfens ist hier weniger ein gewaltvolles Gegeneinander, denn ein ästhetisches Miteinander inne. „The Practice Of Emptying Space“ weist auf die Entleerung sämtlicher Bereiche unter den aktuellen Umständen hin: leere Plätze in den Städten, geleerte Terminkalender, diese neuartige Lücke zwischen dem kleinen Ich und der sonst omnipräsenten Öffentlichkeit und nicht zuletzt das entleerte Gegenüber, das besonders in den Fotografien symbolisch Gestalt annimmt.

In der der Gesprächsreihe „The One Thing That Helped“ erzählt die Performerin von der einen Sache, die ihr im persönlichen Umgang mit der Krise geholfen hat: ihrem Schreibtisch. In freundlicher, respektvoller „Theaterformen“-Atmosphäre berichtet sie im Dialog mit Kuratorin Martine Dennewald von ihrem Heimarbeitsplatz, auf dem jetzt überall Ideen herumliegen, und von der Einrichtung ihres Wohnzimmers, ihrem Lebensraum in Zeiten von Corona.

Im diesjährigen Festivalprogramm, so Dennewald, ist Brands Arbeit einer von nur zwei Beiträgen, die sich mit Verlusten und Einschränkungen der analogen Kunst im digitalen Raum beschäftigen. Die anderen seien im Grundton deutlich positiver und sähen die Ausweichformate unter Umständen sogar als Bereicherung. Auch wenn Ira Brand kurz von ihren anfänglichen Bedenken erzählt, das Publikum könnte längst genervt sein von negativen Tönen – durch die persönliche Färbung, die der Essay dem Stück gibt, und durch die ästhetisch inspirierenden Fotografien besticht „The Practice Of Emptying Space“ mit seiner bedauernden, aber keinesfalls hoffnungslosen Stimmung, mit Charme und Tiefgang, und macht Vorfreude auf Zeiten, in denen Körperkontakte wieder ohne Einschränkungen möglich sind. Bis dahin regt die Performance auch dazu an, darüber nachzudenken, wie man die neuen „empty spaces“ anders gestalten und füllen möchte.

https://www.theaterformen.de/en/programme/the-practice-of-emptying-space

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