Eine Ökologie des Akustischen

von Lars-Andre Nießen

Klang nimmt in der Kommunikation von Stimmung, Bedeutung und Kontext eine zentrale Rolle ein. Jeder dürfte es schon erlebt haben, dass uns sowohl in der Realität als auch in virtuellen Welten das Hören einer Soundscape, d. h. einer spezifisch beschaffenen akustischen Umgebung, gedanklich oder körperlich beeinflusst hat. Medial konstruierte Soundscapes, etwa in Filmen oder Hörspielen, vermögen uns in Windeseile an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit zu versetzen. Phänomene wie diese können sowohl unbewusst als auch beim bewussten Hinhören auftreten. Die Bewusstwerdung von klingenden Umgebungen ist Dreh- und Angelpunkt der akustischen Ökologie. Angestoßen wurde diese Forschungsrichtung vom kanadischen Komponisten und emeritierten Professor für Kommunikationswissenschaft Raymond Murray Schafer in den späten 1960er-Jahren. Ausgehend von der Dominanz einer Kultur des Sehens formulierte er die Sorge um immer weiter abnehmende auditive Fertigkeiten. Eine Lösung für das Problem erblickte er darin, spezielle Formen der Gehörschulung im Curriculum von Bildungsinstitutionen zu verankern und so die sonologische Kompetenz und das Klangbewusstsein der Gesellschaft zu schärfen. An der Simon Fraser Universität in der Nähe Vancouvers initiierte Schafer das World Soundscape Project, ein international ausgerichtetes Forschungsvorhaben, das sich ganz der Dokumentation und Analyse akustischer Umwelten widmete. Entsprechende Ergebnisse machte er 1977 in seinem wohl bekanntesten Buch The Tuning of the World publik, in dem er unter anderem vorschlug, dass der Mensch seine akustischen Lebensräume gleich einer musikalischen Komposition behandeln und verantwortungsvoll gestalten sollte.

Die Soundscape und ihre Eigenschaften

Ist heutzutage von Soundscapes die Rede, sind damit zuweilen auf Naturaufnahmen basierende Klangkompositionen gemeint. Doch als Schafer den Begriff prägte, bezeichnete er damit viel grundlegender die Charakteristik bereits existenter tönender Umgebungen. Schafer und seine Mitarbeiter wollten die umgebungsbestimmenden Klangereignisse analytisch beschreiben und definierten dazu drei Klangtypen, die in einer Soundscape auftreten können: den Grundlaut (Keynote), den Signallaut (Sound signal) und den Orientierungslaut (Soundmark). Der erste Klangtypus bezeichnet konstant vorhandene Hintergrundgrundgeräusche in Analogie zur musiktheoretischen Funktion des Grundtons, welcher die Tonalität eines Stückes bestimmt. Der zweite Klangtypus umfasst vordergründige Geräusche, die die Aufmerksamkeit des Hörenden binden (z. B. Kirchenglocken und Sirenen). Orientierungslaute, die besonders für Gemeinschaften von Bedeutung und regionalspezifisch sind, wurden – in Anlehnung an Landmarken – Soundmarks genannt. Sie bilden den dritten Klangtypus (z. B. Glockenklänge von Weidetieren und traditionsbasierte Klänge). Das Zusammenspiel dieser Klangereignisse ermöglicht die Identifizierung einer ortsgebundenen Soundscape, ähnlich der Identifikation von Ortschaften anhand der lokalen Architektur oder Kleidung.

Seit Beginn der industriellen Revolution seien diese charakteristischen Soundscapes nach und nach in homogenem Lärm untergegangen. Der angenommene Kontrast zwischen präindustriellen und postindustriellen Soundscapes führte Schafer zu einer weiteren Unterscheidung, und zwar in Hi-Fi- und Lo-Fi-Soundscapes.

Hi-Fi-Soundscapes zeichnen sich ihm zufolge dadurch aus, dass Klänge einander wenig überlagern und einen distinkten Vorder- und Hintergrund bilden, wodurch sie als eigene Entitäten wahrgenommen werden können. Schafers Analysen, aber auch spätere Untersuchungen von Naturforschern wie Bernie Krause, deuten darauf hin, dass über längere Zeiträume Frequenznischen entstehen, die von unterschiedlichen Lebewesen besetzt werden. Durch urbane Expansion laufen Tierpopulationen Gefahr, vertrieben zu werden oder auszusterben, da der Stadtlärm die spektralen Nischen für Paarungsrufe sowie weitere Kommunikationslaute übertönt. Wegen der Distinktheit von Schallereignissen in Hi-Fi-Soundscapes lassen sich nahezu alle Frequenzen deutlich vernehmen. Der akustische Horizont ist vergleichsweise weit.

In Lo-Fi-Soundscapes hingegen finden sich viele Klänge maskiert, sodass wichtige akustische Informationen verloren gehen und sich dadurch der Hörraum stark verkleinert – bis hin zur vollständigen Isolation des Hörenden von seiner Umgebung. Im ungünstigsten Fall verwandelt sich alle akustische Information in Anti-Information, oder einfach gesagt: in Lärm. Während Hi-Fi-Soundscapes also bezüglich Lautstärke, Spektrum und Rhythmus ausgeglichen sind, errichten Lo-Fi-Soundscapes eine isolierende, vor allem tieffrequente Geräuschwand.

Bernie Krause über Soundscapes und Tierstimmen:

Die Soundscape in der Gesellschaft

Aus Sicht der akustischen Ökologie ist Klang Träger von Informationen und Mediator zwischen Individuum und Umwelt. Je weiter sich die Soundscapes industrialisierter Landstriche in Richtung Lo-Fi bewegen, desto weniger Bewusstsein gibt es für die klanglichen Details der Umgebungen und desto eindimensionaler erscheinen sie, bis sie sich nur noch entlang von Gegensatzpaaren wie laut – leise, wahrnehmbar – nicht wahrnehmbar oder gut – schlecht unterschieden lassen. Je mehr Natur der Industrialisierung und Urbanisierung zum Opfer fällt, desto weniger Bedeutungen halten akustische Umgebungen bereit. Somit nimmt es nicht wunder, dass Menschen beispielsweise mittels Doppelverglasung (bauliche Isolation) oder stationären und mobilen Musikabspielgeräten (Isolation durch Musik als virtuelle Soundscape) nach Wegen suchen, ihre akustische Umwelt zu kontrollieren und durch eigene Hi-Fi-Soundscapes zu ersetzen. Psychologisch gesehen eröffnet sich durch Musik, wenn man sie als eine Art Audioanalgetikum nutzt, die Möglichkeit zur Wiederherstellung von Emotionalität, da in Lo-Fi-Soundscapes die Gefühlsexpression gehemmt ist und stressbedingte Erkrankungen gefördert werden. Unter Verwendung technisch gespeicherter Musik wird die akustische Umgebung aber auch zur Ware. Angesichts der weltweiten Distribution von Sprache und Musik durch Sendeanstalten sprach Schafer von einem akustischen Imperialismus und erfand zur Beschreibung der Dissoziation zwischen ursprünglichem Klang und seiner Reproduktion den Begriff der Schizophonie. Befragungen zufolge seien technisch reproduzierte und verstärkte Klänge, gefolgt von Verkehrslärm, eine wesentliche Ursache für persönliche Frustration und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Schafer nahm an, dass zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft ein Lautstärkekampf herrscht, welcher wiederrum als Lärmgenerator wirkt, sodass die Umgebungslautstärke pro Jahr um 0,5 bis 1 dB steigt. Bis heute setzt sich Schafer für eine Verfeinerung der Hörfähigkeit sowie die Wertschätzung von Naturgeräuschen ein. Er plädiert für eine gezielte Gestaltung urbaner Lebensräume, die die Hörkompetenz von Individuen begünstigt und der lärmbedingten Energieverschwendung entgegenwirkt.

Murray Schafer über seine Tätigkeit als Komponist und die (akustische) Umwelt:

Verwendete Quellen:
– Kendall Wrightson, An Introduction to Acoustic Ecology, Soundscape: The Journal of Acoustic Ecology 1/1 (2000), S. 10-13.
– R. Murray Schafer, The Soundscape: Our Sonic Environment and the Tuning of the World, Rochester 1994 (1977).

Omnipräsound

von Janika Achenbach

Auf dem Weg nach Hause in der Straßenbahn. Gerade war Sound Studies-Kurs. 20 Minuten für mich, meine Kopfhörer und Spotify. Herrlich!

Später dann ist Filmeabend mit Mikrowellenpopcorn. Als ich die Steckdosenleiste anschalte, geht nicht nur die Mikrowelle an, sondern auch das Radio. Dort verspricht mir der Moderator den Sound der 80er, gefolgt von Sound of Silence und dem unverwechselbaren Sound eines Künstlers. Mit Popcorn bewaffnet also zurück Richtung Fernseher. „Oh, ProSieben“, bemerke ich die Senderauswahl meiner Mitbewohnerin, ohne das Bild gesehen zu haben. „Ja, da kommt ein guter Film.“ Gelangweilt von dem Film – es passiert aber auch wirklich nichts Spannendes, und alles dauert so lange! – widme ich mich meinem Handy und bemerke etwas später, dass Werbepause ist. Den Blick nicht vom Handy gewandt, weiß ich trotzdem, wo und was ich kaufen soll: ein Heimkino-Soundsystem oder einen Computer mit Intel-Prozessor. Brauche ich gerade nicht, danke. Im Abspann des Films tauchen Regisseur, Drehbuchautor und Sounddesigner auf. Im Vorspann zur folgenden Serie, die ich im Schlaf an ihrem Sound erkennen würde, höre ich die Handschrift des Sounddesigners ganz bewusst heraus.

Sound ist omnipräsent in unserem Alltag. Die Bedeutungen des Begriffes sind vielfältig. Je nach Kontext kann Sound verstanden werden als:

– Schall allgemein;
– Tonebene der elektronischen Medien;
– Geräusch- oder Klangeffekt;
– spezifisch gestalteter Klang einer Ware, eines Industrieprodukts, einer Marke oder eines Unternehmens;
– akustischer Indikator für technische Verfahrensweisen (z. B. Röhren-Sound);
– charakteristische Klangfarbe oder Klangqualität von Musik;
– qualitatives Bewertungskriterium akustischer Vorgänge überhaupt.

Es beschäftigen sich verschiedene Fachrichtungen mit Sounds, darunter Musikwissenschaft, Medienwissenschaft, Psychologie, Ökonomie oder die Ingenieurwissenschaften. In der Musikwissenschaft spielt die Diskussion des Sounds eine immer größere Rolle, seitdem elektronische Gestaltungsmöglichkeiten für Musik bestehen. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Bereich des Jazz und bezeichnet dort den ‚unnachahmlichen‘ Klang eines Künstlers. Auch im heutigen Sprechen über populäre Musik lässt sich diese Verwendungsweise genreübergreifend beobachten. Doch längst hat die Rede vom Sound das Feld der Musik verlassen. In der Medienwissenschaft findet eine Verschiebung von der rein visuellen zur audiovisuellen Betrachtungsebene statt. Bei der industriellen Fertigung verschiedenster Geräte sollen Sounds deren Benutzung vereinfachen und unterstützen. Das Akustikdesign ist darauf aus, die akustischen Eigenschaften eines Raumes zu verbessern und damit das Wohlbefinden beim Aufenthalt zu steigern, etwa in einem Geschäft zur Maximierung der Einkaufsbereitschaft. Ebenfalls psychologisch relevant sind die Auswirkungen gegenwärtiger Soundscapes – inklusive Lärm – auf den Menschen. Die Soundscape-Forschung bzw. akustische Ökologie ist ein transdisziplinäres Forschungsgebiet. Es befassen sich Geographen, Historiker, Soziologen, Psychologen, Pädagogen, Musikwissenschaftler, Akustiker, Kulturwissenschaftler, Ethnologen, Architekten, Stadtplaner und andere Fachleute mit Wandel, Gestaltung und Analyse der uns umgebenden akustischen Umwelten. Um die Lärmbelastung zu minimieren, gibt es Überlegungen, die vorhandenen Klänge gezielt zu gestaltet, keinen unnötigen Schall zu produzieren und die Lautstärke des vorhandenen Schalls einzudämmen.

Dem hörenden Menschen erscheint die auditive Wahrnehmung als grundlegend. Hören ist das Instrument räumlicher Ortung und Orientierung. Deswegen sind Warnvorrichtungen wie Sirenen und Martinshörner wichtige Mittel der akustischen Kommunikation. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass der Begriff des Hörens verschiedene Facetten aufweist. Allein der Unterschied zwischen Hören und Zuhören, obwohl lediglich durch zwei Buchstaben markiert, ist nicht marginal. Das konzentrierte, aktive Zuhören fällt vielen Menschen immer schwerer, was an den Sendeformen der Massenmedien liegen mag. Im Diskurs gibt es die Unterscheidung zwischen wertvollem Hören (gewolltem Zuhören) und nicht-wertvollem bzw. erzwungenem Hören. Musik ist immer und überall verfügbar und wird somit auch viel gehört. Doch geschieht dies häufig nicht aktiv, sondern eher nebenbei. Rundfunk, Fernsehen und andere Mediendispositive konstituieren einerseits unsere akustische Realität. Andererseits ermöglichen sie die Flucht aus ihr. So kann durch Kopfhörer ein privater akustischer Raum geschaffen werden, der die Außengeräusche weitgehend ausblendet.

Medienhistorisch betrachtet war das Radio soundmäßig lange Zeit weiter als das Fernsehen, zum Beispiel im Hinblick auf die Verwendung stereophoner Sendeformate. Seitdem Fernsehgeräte weitaus bessere Möglichkeiten der Klangwiedergabe besitzen, sind die Gestaltungsoptionen vielfältiger geworden. Heutzutage zeichnen Sounddesigner für die klangliche Einrichtung verschiedener Medien wie Hörspiel, Film oder Videospiel verantwortlich. Praktisch beschäftigen sie sich unter anderem mit der Frage, wie Sounds Emotionen beeinflussen, visuelle Reize verstärken oder auch abschwächen können.

Verwendete Quelle: Frank Schätzlein, Sound und Sounddesign in Medien und Forschung, in: H. Segeberg und F. Schätzlein (Hg.), Sound. Zur Technologie und Ästhetik des Akustischen in den Medien, Marburg 2005, S. 24-40.