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Zusatzaufgabe 2

11. Februar 2017 - Blog, Lernblog, Studienleistungen, Zusatzaufgabe 2

Im Hinblick auf die Zusatzaufgabe 1, in der ich beschrieben habe was ich von dem Seminar erwarte und erhoffe, kann ich jetzt zum Ende des Seminars ein positives Resultat ziehen. Ich fragte mich, was die Konzepte Translokalität und Transnationalismus bedeuten, welche Veränderungen durch die global vernetzte Welt entstanden sind und was generell hinter den Worten Diaspora, Migration und Flucht steckt. All diese Themen wurden insbesondere in der Literatur diskutiert und in Referaten vertieft. Die Fülle an verschiedenen Wörtern zu dieser Thematik verwirrte mich teilweise: Wie kann zur Migration geforscht werden, wenn es so viele parallel verwendete Konzepte gibt, die gegensätzliche Auffassungen vertreten?

Es kam zum Vorschein, dass Migration viele Forschungsgebiete umfasst und nicht mehr allein nach Gründen für Migration gesucht wird. Auch die Frage nach der Identität der Migranten wurde aufgegriffen. Das Thema Migration stellte sich als höchst dynamisch vor, weshalb Konzepte stetig erneuert und überdacht werden.

Im Folgenden möchte ich auf die verschiedenen Themenkomplexe eingehen und die für mich wichtigsten Erkenntnisse beleuchten.

Wichtig empfand ich es, dass zu Beginn die Worte Flüchtling und Migrant voneinander abgegrenzt wurden und für sich definiert wurden, da sie insbesondere in den Medien häufig mit der gleichen Bedeutung verwendet werden und somit in der Forschung eine klare Abtrennung erfolgen muss. „Migrant“ als jemand der in ein anderes Land abwandert, beziehungsweise in einem anderen Land lebt, als er geboren wurde. „Flüchtling“ als eine Person die aus politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder ethischen Gründen ihre Heimat verlassen hat oder verlassen musste. Eine neue Bezeichnung war für mich „Internally Displaced Person“. Das die auch genannten Binnenflüchtlinge, welche gewaltsam vertrieben wurden und im Unterschied zu Flüchtlingen im rechtlichen Sinne keine Staatsgrenze überschritten haben, im Jahr 2014 19,3 Millionen Personen betrug, erstaunte mich, wo die Berichtserstattung ausschließlich von Flüchtlingen spricht. Den Einbezug der Internally Displaced Persons in die Migrationsforschung sehe ich unabdingbar. Hier könnte die Frage gestellt werden, ob der Personengruppe das Konzept der Transnationalität oder der Translokalität zugeordnen werden kann. Die Zahlen der Weltbank in der ersten Sitzung verdeutlicht die großen Mobilitätsbewegungen auf der ganzen Welt und zeigt, dass die europäischen Länder nicht die Hauptzielländer der Flüchtlinge sind.

Die theoretischen Erklärungsansätze für das komplexe Phänomen der Migration wurden in einer weiteren Sitzung beschrieben. Eine Erkenntnis aus den unterschiedlichen Theorien ist meines Erachtens, dass keine Erklärung für Migration als „falsch“ erklärt werden kann.  Ob ein Grund für Migration beispielsweise die zwischenstaatlichen Lohnunterschiede sind oder Arbeitsplätze an Migranten vergeben werden die die Einheimischen ablehnen, ist für die spezifische Forschung insofern relevant, dass bestimmte Entscheidungsvariablen in den Mittelpunkt gerückt werden. Jedoch könnte bei der Einzelbetrachtung andere wichtige Aspekte vernachlässigt werden. Es sollte beachtet werden, dass unterschiedliche Erklärungsansätze einander ergänzen können. Dass Erklärungsansätze auf Phänomene in bestimmten Ländern zurückzuführen ist, sollte nicht außer Acht gelassen werden. Es müsste überprüft werden, inwiefern die Theorien auf andere Herkunftsländer eingegangen werden. An dieser Stelle bleibt die Frage offen, ob von allgemeingültigen Theorien über internationale Migration gesprochen werden kann.

Ein weiterer neuer Themenbereich stellte für mich „Raum und Spannungsfeld Global-Lokal“ dar. In anderen Seminaren der Ethnologie wurde die Frage nach dem Raum schon häufiger gestellt. In unserem Seminar wurde mir mit der Auseinandersetzung deutlich, wie problematisch das Konzept „Territorium“ ist. Wie selbstverständlich es gehalten wird, dass jedes Land seine eigene Kultur und Gesellschaft repräsentiert. Wie beispielsweise die „Deutschen Werte“ als rassistische Begründung genutzt werden. Problematisch wird es bei der Betrachtung von Grenzbewohnern dieser Territorien. Ihre Werte, Normen und Einstellungen wurden von mindestens zwei Kulturen geprägt. Kultur und Standort sind in diesem Falle voneinander getrennt. Ähnliche Merkmale weisen Wanderarbeitnehmer, Nomaden oder Personen in transnationalen Kontexten auf. Ein weiteres Problem für dieses Konzept stellt der „multiculturalism“ dar, das heißt, in einem territorialen Raum bestehen mehrere Kulturen gleichzeitig. Zudem sind die sozialen und kulturellen Wandel innerhalb vernetzter Räume zu beachten.

Heutzutage ist es schwer aufgrund der Globalisierung einzelne Eigenschaften einem bestimmten Raum zuzuordnen. Kultureller Wandel lässt sich auf hohe Mobilität zurückführen. Die moderne Technik hat die Mobilität vereinfacht.  Je mobiler die Menschen sind, desto eher verschwimmen Grenzen. Diese Phänomene, die Bewegungen über Räume hinweg und soziale Beziehungen und Verbindungen vereint, werden mit dem Begriff „Time-Space-Compression“ zusammengefasst.

An dieser Stelle kann das Phänomen beschrieben werden, welches ich in der ersten Zusatzaufgabe benannt habe. Die Migranten konstruieren eine neue Welt nach ihrer Erinnerung, in der die Veränderungen der Heimatländer nicht mit einbezogen werden.

Wie Mobilität erfahren wird, hängt auch von den sozialen Hintergründen ab. So erleben Flüchtlinge die Time-Space-Compression ganz anders als zum Beispiel Akademiker die in zwei Ländern arbeiten.

In Bezug auf das Verständnis kultureller Unterschiede kann man diese nicht auf unterschiedliche Territorien festlegen. Ein WIR lässt sich nicht einfach definieren. Wer gehört zum Wir und wer sind die Anderen?

Insgesamt lässt sich zu diesem Themenbereich sagen, dass sich im wissenschaftlichen Diskurs die Definition von Orten verändert hat. Orte werden nicht mehr als unbeweglich, sondern als beweglich angesehen. Die Wahrnehmung von sozialen Räumen ist sozial konstruiert.

Auch das Konzept der Diaspora beschäftigt sich mit dem Begriff „Heimat“, da sie als Auswanderer oder Vertriebene aus dem Heimatland definiert werden. Überrascht hat mich nicht die Ansicht, dass eine Rückkehr der Diaspora ins Heimatland, trotz Wunsch, unwahrscheinlich ist. Als wichtig habe ich die konkrete Definition von Diaspora empfunden, da die Personengruppe in unterschiedlicher Literatur immer wieder auftaucht und ich mir bisher nicht sicher war, wie man die Definition eingrenzen kann. Die vielen Merkmale (Zerstreuung aus einem gemeinsamen Zentrum in zwei oder mehr fremde Regionen, die gemeinsame Erinnerung oder einen Mythos an das Heimatland, das Gefühl im neuen Land nicht vollständig akzeptiert zu werden, betrachten des Ursprungslands als wahres Zuhause, Glaube, dass sie an der Erhaltung oder dem Wiederaufbau ihres Ursprungslandes teilhaben müssen sowie Verbundenheit zum Heimatland trotz physischer Abwesenheit) trifft auf meine persönlichen Erfahrungen mit Migranten.

Die Abgrenzung von Transnationalismus und Translokalität hatte ich mir, schon aufgrund des Seminartitels, gewünscht. Meines Erachtens war es wichtig, beide Ansätze zu definieren: Transnationalismus als Forschungsperspektive, die sich auf kulturelle, kommunikative und berufliche, gesellschaftliche Verflechtungen über nationale Grenzen hinweg beziehen. Ein für mich ganz neuer Ansatz, Translokalität, stellt die Nationalstaatlichkeit insofern in Frage, dass in translokalen Beziehungen die Akteure nicht an Staatsgrenzen gebunden sind, sondern sich von ihnen löst. Der translokale Ansatz versucht die sozial-räumlichen Wechselwirkungen zwischen Orten, Institutionen und Akteuren zu verstehen.

Was mir im Seminar insgesamt gefehlt hat, war der Zugang zum aktuellen Geschehen. Im Text „from immigrant to transmigrant“ schildern die Autoren, dass sie den Grund für transnationale Migration in drei Faktoren sehen. Global veränderte Kapitalströme haben zu verschlechterten sozialen und ökonomischen Bedingungen geführt sowie Rassismus und Chancenungleichheit verstärkt. An dieser Stelle wäre der Bezug auf aktuelle Geschehnisse spannend gewesen. Welche weiteren Prozesse entstehen durch diese Geschehnisse und wie verändern sie transnationale sowie translokale Prozesse? Wie sollen, trotz der Bedeutung der Nationalstaaten in den aktuellen Entwicklungen, Staatsgrenzen nicht berücksichtigt werden?

Was sich insgesamt durch die Inhalte und Texte des Seminars gezogen hat, ist die zunehmende Betrachtung von Migranten als Gefahr. Gegensätzlich zu dieser Annahme wurde häufiger erwähnt, dass Migranten besonders in ihren Herkunftsländern positiv angesehen werden, da die zurück gebliebenen Angehörigen auf Geldsendungen hoffen (remittances). Hier könnte man weiter fragen, inwiefern diese Ansicht verallgemeinert werden kann. Zudem müssen unterschiedliche Migrationsformen voneinander abgegrenzt werden.

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