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Zusatzaufgabe 2

11. Februar 2017 - Lernblog, Studienleistungen, Zusatzaufgabe 2

Nach der Lektüre und Reflexion der Seminartexte: Welches sind die für Sie wichtigsten Erkenntnisse aus den im Seminar geführten Diskussionen bzw. den gelesenen Texten? Welche Fragen bleiben offen? Welche Anschlussperspektiven ergeben sich für Sie?

Die Themen des Seminars befanden sich alle unter dem Schirm von sozial-räumlichen Beziehungen. Ein wichtiger übergeordneter Aspekt des Seminars war die Betrachtung nach dem Handeln von Menschen in unterschiedlichen Räumen. Ein wichtiger Unterschied, der sich mir durch die Diskussionen erschlossen hat, ist der Unterschied zwischen Translokalität und Transnationalismus. Translokalität als Begriff war mir zuvor recht unbekannt. Ich hatte den Begriff gehört, aber nie ausführlich darüber gelesen oder ihn verstanden. Der Begriff und das Konzept dienten uns während der Sitzungen als Überkategorie. Er stellt die National-staatlichkeit des Transnationalismus-Begriffs in Frage, die dem transnationalen Ansatz als Grundlage dient; hier werden soziale Gruppen in diesem Rahmen betrachtet. Der translokale Ansatz bietet die Perspektive Beziehungen und Akteure zu betrachten, die außerhalb von einem nationalstaatlichen Kontext agieren. Grundsätzlich ist der Begriff noch nicht komplett ausgearbeitet und es gibt momentan keine*n Wissenschaftler*in, die/der speziell zu Translokalität forscht. In den nächsten Jahren wird dies jedoch wahrscheinlich geschehen. Der Ansatz der Translokalität kann als überbegriffliche Weiterführung des Transnationalismus gesehen werden und wird von manchen Wissenschaftler*innen (wie beispielsweise von Herrn Greiner) ausschließlich genutzt. An diesem Beispiel ist schön zu sehen, dass theoretische Konzepte dynamisch und veränderbar sind. Sie müssen durch Diskussionen und Kritik weiterentwickelt werden.

Ein für mich weiterer interessanter Punkt wurde in der Stunde zum Thema Diaspora deutlich. Dort diskutierten wir über verschiedene Definitionen von Diaspora und wie sie von verschiedenen Wissenschaftler*innen auch aus eigenen Erfahrungen heraus formuliert worden sind. Definitionen reichen wie so oft von sehr engen zu sehr weiten Begriffserklärungen. Diese Stunde hat mir jedoch erneut klar vor Augen geführt, dass es nicht die eine richtige Definition gibt und geben kann. Dies bezieht sich auch auf andere Begriffe. Auch wenn von einem Autor oder einer Autorin ein Idealtyp ausgearbeitet wurde, gibt es Abweichungen und Sonderfälle, die vom Verfasser akzeptiert werden, wie beispielsweise im Fall der Definition von William Safran.

Ich interessierte mich, neben der allgemeinen Wichtigkeit von Migration für die Ethnologie, vor allem aus aktuellem Anlass durch die Geflüchteten für das Seminar. Dabei interessierten mich vor allem die Gründe und Umstände von Migration. Speziell auch die Schwierigkeiten einer Umsiedelung in ein neues Land/Gebiet, sowie die neuen Umstände und die damit verbundene Umstellung. Fragen, die sich mir am Anfang des Seminars stellten, waren folgende: Wie gehen Menschen mit ihrer neuen Umgebung um? Wie verläuft die Integration auf Seiten der Migrierten und auf Seiten der Menschen in der neuen Umgebung? Wie viel (materielle und immaterielle Dinge) lassen die Menschen in ihrer alten Heimat zurück? Welche Erwartungen und Wünsche haben sie an ihr neues Leben und wie treffen sich diese mit den neuen Lebensrealitäten der Menschen? In der Stunde zum Thema Flucht, Vertreibung und Umsiedelung ging es vor allem um den darauf bezogenen Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit und die Rolle der Ethnologie in der Öffentlichkeit. Leider sind dadurch die Fragen, die sich eher auf die emische Perspektive der Flüchtenden beziehen, in den Hintergrund geraten und wurden kaum beleuchtet. Hierfür hätten vielleicht zwei Sitzungen zum Thema Flucht, Vertreibung und Umsiedelung stattfinden müssen, um mehr Zeit für beide Perspektiven zu haben. Die Debatte um den Sprachgebrauch und die damit verbundene Konnotation ist auf der anderen Seite ein sehr wichtiges und spannendes Thema. Flüchtlingswellen und Flüchtlingsströme erzeugen automatisch negative Konnotationen einer Naturkatastrophe. Durch diese Assoziationen wird zumindest das Unterbewusstsein negativ auf Migration oder Flüchtende eingestellt und betrachtet sie als Problem. Nach Elizabeth Colson und ihrem Artikel Forced Migration and the Anthropological Response (2003) werden Menschen außerdem in der ganzen Fluchtdebatte entmenschlicht. Sie werden kaum mehr als individuelle Menschen wahrgenommen. Sie sind nur durch ihre Notlage bekannt und werden somit ausschließlich als Opfer wahrgenommen (Colson 2003). Hier bleibt die Frage ob und wie sich „die Ethnologie“ stärker in solche Debatten einbringen sollte; oder ob sie sich allgemein bei Problematiken stärker in der Öffentlichkeit positionieren sollte. Für mich bleibt auch die Frage, wie man als Individuum ein Umdenken fördern kann, damit Migration und spezieller Flucht nicht als problematisch wahrgenommen werden.

Die Sitzung zum Thema Migration, ländlicher Raum und Umwelt empfand ich außerdem als sehr interessant. Es ging vor allem um die Auswirkung vom Klimawandel auf Migration und die Wahrnehmung von Migration. Als Grundlage der Sitzung diente der 2009 entstandene Text Crisis or adaptation? Migration and climate change in a context of high mobility von Cecilia Tacoli. Migrationsbewegungen werden durch den Klimawandel und Veränderungen in der Umwelt beeinflusst. Interessant war jedoch zu sehen, dass sich die Veränderung der Umwelt hauptsächlich auf Kurzstreckenmigration auswirkt und internationale Migration nur einen kleinen Teil der weltweiten Bewegungen darstellt. Außerdem war der Blickwinkel spannend, dass nicht alle Menschen, die in von der Umwelt beeinflussten Gebieten leben, zwangsläufig migrieren. Dem entgegen stehen Zahlen von Studien, die eine wenig differenzierte Sichtweise wiedergeben. Sie setzen die Zahl der vom Klimawandel beeinflussten Menschen mit den dadurch Migrierenden gleich. Hier spielen jedoch viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Die Handlungsmacht der Menschen in Problemgebieten wird kaum bedacht. Finanzielle oder soziale Faktoren, wie Bildung, Existenz sozialer Netzwerke etc., spielen eine ebenso wichtige Rolle in der Entscheidung für oder gegen eine Migration. Außerdem hängt die Dringlichkeit einer Umsiedelung auch davon ab, wie Gemeinden und Regierungen auf Umwelt-veränderungen reagieren; ob sie beispielsweise ihre Landnutzung anpassen oder Änderungen in der Infrastruktur vornehmen (Tacoli 2009). Migration allgemein wird heute zunehmender als Anpassung und Ermöglichung gesehen. Sie wird nicht mehr nur als Problem, sondern auch als Lösungsweg aufgefasst. Dieses Umdenken muss jedoch dringend noch weiter vorangetrieben werden. Weiterhin spannend war die Frage nach der Auswirkung von Migration auf die Umwelt. Die Frage somit andersherum zu stellen, bot einen Perspektivwechsel. Zu nennen wären beispielsweise eine soziale Schichtenbildung, eine veränderte Landwirtschaft und eine veränderte Infrastruktur.

Abschließend lässt sich sagen, dass ich das Seminar sehr interessant fand und viel gelernt habe. Ich hätte mir zwei Sitzungen zum Thema Flucht, Vertreibung und Umsiedelung gewünscht und eine ausgedehntere Anwendung des praktischen Teils. Dieser ist leider etwas ausgeblieben, in dem man die theoretischen Begriffe hätte anwenden können. Auf der anderen Seite bot sich dadurch die Möglichkeit der genaueren Betrachtung theoretischer Ansätze und ihrer kritischen Hinterfragung.

 

Quelle:

Colson, E. (2003). Forced Migration and the Anthropological Response. Journal of Refugee Studies, 16(1), 1-18.

Tacoli, C. (2009). Crisis or adaptation? Migration and climate change in a context of high mobility. Environment and Urbanization, 21, 513-525.

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