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Zusatzaufgabe 2

11. Februar 2017 - Lernblog, Shelf life, Studienleistungen, Zusatzaufgabe 2

Da es für mich wenig Sinn ergibt, einzelne inhaltliche Aspekte aus den Texten zusammenzufassen, möchte ich im Folgenden meine abschließenden Gedanken zu dem Seminar festhalten.

Die größte Erkenntnis des Seminars ist für mich, dass die behandelten Themenfelder Migration, Mobilität, Raum, Flucht etc. sehr schwierig einzugrenzen sind. Auch wenn mir das bereits vor dem Seminar bewusst war, haben mir die Auseinandersetzungen mit den Texten in den Sitzungen immer wieder deutlich gemacht, wie komplex die Thematiken sind.

Auch wenn wir viele Texte gelesen und ich einen vertieften Einblick in die Entwicklungen seit den 1990er Jahren gewonnen habe, ist das Feld weit und befindet sich in einem stetigen Prozess der Weiterentwicklung. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist für mich, dass die Beschäftigung mit Literatur zu dem Thema zwar sinnvoll und unerlässlich ist, einen aber noch längst nicht zum (allwissenden) Experten macht, weil keine Theorie und auch nicht die Kombination aus mehreren es leisten kann, alle Migrationsbewegungen und Herausforderungen, die mit Arbeiten rund um den Themenkomplex verbunden sind, zu erfassen. Einzelne Strömungen haben ihre Berechtigung und sind sicherlich ein Zugewinn für das Forschungsfeld, allerdings habe ich gelernt sie nicht als allgemeingültig zu betrachten, sondern als Puzzleteile. Das soll nicht relativieren, dass die einzelnen besprochenen Konzepte (Globalisierung, Transnationalismus, Translokalität etc.) sich etabliert haben, weil sie relevante Aspekte erfassen.

Durch die Diskussionen in den Sitzungen habe ich meine Perspektive etwas verändert. Während ich vor Beginn des Seminars davon ausgegangen bin, einzelne Theorien „lernen“ zu können, denke ich jetzt, nachdem einige Konzepte viel Gesprächsbedarf geliefert haben, dass die Theorien aus der Perspektive der jeweiligen Zeit heraus gelesen werden müssen und nicht alle Fragen beantworten können.

Auch das Schreiben der Blogeinträge hat mir dabei geholfen, mich intensiv mit den Texten auseinanderzusetzen und die Sitzungsinhalte zu reflektieren. Der gesamte Seminaraufbau mit Moderationen, kurzen Referaten und einem Großteil studentischer Beiträge in Diskussionen hat mir gut gefallen, weil er eine Alternative zu 90-minütigen Referaten oder Textbesprechungen geboten hat, die ich aus anderen Seminaren kenne. Darüber hinaus hat die Kombination aus der persönlichen Beschäftigung mit den Pflichttexten in den Blogeinträgen und das Zusammentragen der Gedanken mit den Kommiliton*innen in den Sitzungen zur Reflexion und weiterführenden gedanklichen Auseinandersetzung mit bestehenden Konzepten geführt. Ich fand besonders ertragreich, dass wir die einzelnen Konzepte intensiv diskutiert haben und dabei auch (negative) Kritik üben durften.

Abschließend nehme ich aus dem Seminar mit, dass ich mich weiterführend mit wissenschaftlicher Literatur zum Beispiel zum Thema Flucht beschäftigen möchte. Ich denke dieses Themenfeld wird vor dem Hintergrund aktueller globaler und lokaler politischer und sozialer Bewegungen in den nächsten Jahren stetig erweitert und ich finde es wichtig, neben der alltäglichen medialen Berichterstattung auch wissenschaftliche Literatur hinzuzuziehen, um mir eine fundierte Meinung zu bilden. Im Laufe des Seminars habe ich durch das Lesen der vielen Quellen einen leichteren Zugang zu wissenschaftlicher, besonders englischer Literatur gewinnen können.

Allerdings bleibt für mich auch eine Verunsicherung, die damit einhergeht, dass mir die Beschäftigung mit Migrationsbewegungen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive immer noch ein wenig schwammig vorkommt.

Insgesamt hätte ich mir einen größeren Praxisbezug gewünscht, durch den sich manche Verwirrungen vielleicht aufgeklärt hätten. Zum Beispiel hätte ich es super gefunden, wenn wir den Vortrag von Ludger Pries im Seminar besprochen hätten und ihn als Aufhänger genommen hätten, konkreter auf Fluchtbewegungen in Deutschland einzugehen.

Dadurch, dass die gesamte Beschäftigung mit der Thematik auf einer sehr theoretischen und zum Teil abstrakten Ebene stattgefunden hat, sind bei mir ein paar Fragen offen geblieben.

Ich habe mich zum ersten Mal mit dem Konzept der Translokalität beschäftigt und war direkt davon begeistert, nationalstaatliche Grenzen als Bezugsrahmen für Migration zu überdenken und translokale Verbindungen zwischen verschiedenen Orten als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit globalen Verflechtungen zu nehmen, die allein durch einen Fokus auf Globalisierungsprozesse nicht erklärt werden können. Wir Kursteilnehmer*innen sind uns alle einig, dass die Einteilung der Welt in nationalstaatliche Kategorien, die auch Gupta und Ferguson bereits 1999 in ihrem Artikel „Beyond Culture“ thematisieren und als Ergebnis der Konstruktion einer „natürlichen“ geografischen Ordnung bezeichnen, längst überholt ist und eine offenere, mehr Dynamiken zulassende Perspektive erforderlich ist. Aus einer theoretischen, wissenschaftlichen Perspektive klingt das einleuchtend.

Leider ergibt sich aber eine große Diskrepanz, wenn ich die aktuellen Entwicklungen miteinbeziehe, die sich zurzeit weltweit in der Verbreitung rechtspopulistischer Ideologien wiederfinden. Schauen wir uns einige europäische und anglo-amerikanische politische Bewegungen an – zum Beispiel Trumps migrationspolitische Bestrebungen („muslim ban“) oder das Parteiprogramm der AFD in Deutschland, das der Front National in Frankreich, das der FPÖ in Österreich (ich könnte die Liste beliebig weiterführen) – wird unmissverständlich deutlich, welche verheerenden Auswirkungen nationalstaatliche Kategorien für die faktische Realität von Migrationsbewegungen und deren Restriktion haben.

Es frustriert mich, dass kulturwissenschaftliche Erklärungen – so viel Sinn sie auch ergeben, wenn man sich intensiv einarbeitet – in alltäglichen Diskussionen immer wieder verteidigt werden müssen und zum Teil nur schwer haltbar sind.

Da stellt sich für mich die weiterführende Frage, wie wir als Ethnolog*innen dazu beitragen können, dass Migration nicht mehr als zu bekämpfende Bedrohung wahrgenommen wird, sondern als Realität akzeptiert werden kann.

Welche Funktion haben kulturwissenschaftliche Theorien, wenn sie in der „echten“ Realität so wenig Beachtung finden? Befinden wir uns als Wissenschaftler*innen nicht doch nur in einer Blase, sind wir zu naiv und blenden damit die uns umgebenden Fakten aus oder müssen wir weiter darauf beharren Grenzen zu überwinden, um ein Umdenken voranzutreiben?

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