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Zusatzaufgabe 2

10. Februar 2017 - Lernblog, Studienleistungen, Zusatzaufgabe 2

Was mir bereits vor dem Seminar bewusst war, durch die Texte und die Diskussionen im Kurs aber noch einmal umso deutlicher wurde, ist die Komplexität der Themen Migration, Mobilität und Raum sowie alles, was dazu gehören mag.

Komplex sind diese Themen zunächst insofern, als widersprüchliche Entwicklungen mit der zunehmenden Vernetzung der Welt einhergehen. Einerseits scheint die Welt zusammenzuwachsen und durch die neuen Möglichkeiten der Mobilität, eine neuartige Schnelllebigkeit anzunehmen. Andererseits existiert jedoch auch die Sehnsucht nach Ordnung, Beständigkeit und räumlichen Zusammenhängen, welche sich unter anderem – wie Massey behauptet – gar in rückschrittlichen Entwicklungen, wie etwa Formen des Nationalsozialismus, manifestieren kann.

Neue Technologien, eine verbesserte Infrastruktur und die neuen Medien erleichtern Mobilität und das Aufrechterhalten von transnationalen Verbindungen. Sheller und Urry sprechen gar von einem neuen Paradigma der Mobilität. Auch wenn sich über diese Ansicht streiten lässt, so spielt Mobilität doch eine große Rolle im Leben von uns allen. Nicht nur Personen, auch Güter und Ideen bewegen sich über nationale Grenzen hinaus und nehmen somit auf das Leben aller Einfluss – auch auf das derer, die selbst nicht mobil sind. Dennoch ist in diesem Kontext – so macht Massey darauf aufmerksam – die ungleiche Machtverteilung hinsichtlich Mobilität zu berücksichtigen. Generell erleichtern neue Technologien zwar Mobilität, dennoch haben jedoch verschiedene soziale Gruppen einen unterschiedlichen Zugang zu dieser. So gibt es beispielsweise die sogenannten Jet-Setter, die im Umgang mit Mobilität in gewisser Weise in einer Position der Kontrolle sind und die Vorteile eines mobilen Lebens für sich bestmöglich zu nutzen wissen. Demgegenüber stehen aber beispielsweise wiederum Flüchtlinge, die zwar ebenfalls mobil sind, deren Mobilität jedoch in keiner Weise mit der westlicher Akademiker zu vergleichen ist. Letztlich ist ebenso auf diejenigen zu verweisen, die nicht beziehungsweise weniger mobil sind und auch gar nicht die Möglichkeiten der heutigen Zeit nutzen können und ihr eigenes Land womöglich gar noch nie verlassen haben.

Auch wenn diese soziale Differenzierung in jedem Fall zu berücksichtigen ist, so kann man doch gerade aufgrund der neuen technologischen Möglichkeiten prinzipiell von einer zunehmenden und schnelleren Mobilität sprechen. Als Folge dieser scheinen zuvor gesetzte, angenommene fixe Grenzen allmählich zu verschwimmen und die Welt – wie bereits darauf hingewiesen – vermeintlich zusammenzuwachsen. Dies mag auch insofern richtig sein, als verschiedene Orte und Menschen trotz ihrer Entfernung durch zahlreiche Verknüpfungen miteinander verbunden sind.

Das Leben von Migranten kann schon längst nicht mehr nur im Zielland verortet werden. Es handelt sich in den meisten Fällen nicht um Personen, die entwurzelt sind und ihr Heimatland vollständig zurücklassen. Stattdessen halten sie starke Verbindungen über nationale Grenzen hinaus aufrecht und spannen somit komplexe Netzwerke. Olwig beispielsweise beruft sich in diesem Kontext auf bestimmte Institutionen – den von ihr benannten cultural sites –, welche die gegensätzlichen Bedingungen eines mobilen Lebens in einer deterritorialisierten Welt miteinander in Einklang bringen, indem sie einerseits mit bestimmten Orten assoziiert werden und andererseits gleichzeitig auf globale Lebensbedingungen ausgerichtet sind; indem sie einerseits die physische Anwesenheit in bestimmten Räumen ermöglichen und es andererseits erlauben, Bestandteil transnationaler Gemeinschaften an entfernten Orten zu sein. In Olwigs Forschungsbeispiel handelt es sich bei diesen Institutionen um das Familienland und das Familienhaus und deren Rolle im Leben nevisianischer Familien, deren Mitglieder überall in der Welt zerstreut sind. Prinzipiell können solche oder ähnliche Institutionen aber ebenso in anderen translokalen Gemeinschaften existieren, wodurch sozio-ökonomische Ressourcen außerhalb der lokalen Gesellschaft genutzt werden und gleichzeitig starke kulturelle Verbindungen zu bestimmten Orten aufrechterhalten werden können.

Die Komplexität dieser Spannungsfelder zwischen Lokalität und Globalität und den damit in Verbindung stehenden, grenzüberschreitenden Netzwerken führten gegen Ende des letzten Jahrhunderts dazu, dass grundsätzliche Konzepte von Migration und Raum überarbeitet wurden. Um sich auf die oben beschriebenen vernetzten Lebensformen von Migranten zu beziehen, verwenden Glick Schiller, Basch und Szanton Blanc beispielsweise gar einen neuen Begriff und sprechen nicht mehr von Migranten, sondern stattdessen eben von Transmigranten. Mit dem Konzept der Transnationalisierung nehmen sie in diesem Sinne Bezug auf die zahlreichen, komplexen, über nationale Grenzen hinausgehenden Verbindungen, welche eine zentrale Basis für die Alltagswelten vieler Migranten darstellen. Transmigranten bewegen sich praktisch und symbolisch zwischen Ursprungs- und Zielland vor und zurück, ihre Identität wird von mehr als einer Nation geprägt und sie selbst prägen und nehmen Einfluss auf mehr als eine Nation, sowohl auf das Heimat- als auch auf das Gastland.

Auch die Thematik Raum wurde und wird immer noch im Kontext von Globalisierung und Migration mehrfach diskutiert. Wie Gupta und Ferguson darauf hinweisen, ist die frühere, traditionelle Repräsentation von Raum in den Sozialwissenschaften vorwiegend durch Trennung, Diskontinuität und Grenzen repräsentiert. Die Problematik einer solchen Charakterisierung ist die Tatsache, dass man implizieren könnte, dass innerhalb gegebener Räume kulturelle, homogene Einheiten bestehen. Dass es sich hierbei jedoch um eine falsche Annahme handelt, ist sicherlich direkt einleuchtend. Wenn man beispielsweise eine Nation als Raum definieren möchte, wie etwa Deutschland oder Frankreich, so lassen sich innerhalb dieser Räume zahlreiche Unterschiede feststellen. Gleichzeitig mögen bestimmte Lokalitäten, wie zum Beispiel die urbanen Zentren beider Länder mehr Gemeinsamkeiten miteinander aufweisen als im Vergleich zum restlichen Teil der eigenen Nation. Ebenso verweisen Gupta und Ferguson auf die in Grenzgebieten wohnhafte Bevölkerung, um die Schwierigkeit eines solchen Raum- beziehungsweise räumlich definierten Kulturbegriffs zu verdeutlichen.

Dass eine solche Definition generell problematisch ist, wird spätestens dadurch deutlich, wenn man die zunehmende Mobilität, die damit verbundene Dynamik und die Bewegungen von Personen, Gütern und Ideen über eben solche definierten Grenzen hinaus betrachtet.

In diesem Sinne – so sind sich viele Wissenschaftler darüber einig – müssen neue Perspektiven in Hinblick auf das Raumverständnis und dem Zusammenhang zwischen Raum und Kultur geschaffen werden. Ein möglicher Ansatz in diesem Kontext ist beispielsweise, Raum weniger als etwas Gegebenes, Statisches zu betrachten, sondern stattdessen eher als etwas Dynamisches, als einen Prozess. Dieser Ansatz ist in jedem Fall insofern vielversprechend, als Räume beziehungsweise Orte veränderbar sind. Sie stehen in der Wechselbeziehung mit dem Menschen, die von den sich umgebenen Raum und dessen Bedingungen beeinflusst werden und ihrerseits wiederum den sich umgebenen Raum formen. Dies ist gerade in Hinblick auf Migration im Besonderen zutreffend, da Migranten neue beziehungsweise andere kulturelle Werte, Normen und natürlich auch Artefakte mit sich in das Gastland bringen und somit besonderen Einfluss auf dieses ausüben. Viele Wissenschaftler definieren Räume in diesem Zusammenhang auch vielmehr über Netzwerke als über arbiträr gezogene Grenzen auf einer Landkarte. Eine solche Betrachtungsweise kommt auch den Konzepten von Transnationalismus und Translokalität sehr nahe, da sie ebenso einen wesentlichen Fokus auf die komplexen grenzüberschreitenden Netzwerke von Migranten legen und in diesem Kontext auch auf die Verbindung verschiedener Orte aufmerksam machen. Diese Perspektiven weisen auf die kulturelle und soziale Konstruktion von Räumen beziehungsweise Orten hin.

Wenn auch dieser Ansatz sehr vielversprechend ist und neue Ansichten eröffnet, kann man Räumen jedoch ihre physische Qualität nicht absprechen. Auch wenn bestimmte Orte nicht bewohnt und somit auch nicht durch menschliche Interaktionen geformt werden, so sind sie doch trotz allem physisch existent. Auch zeigt Olwigs Beispiel unter anderem, dass Orte durchaus auch eine statische Qualität aufweisen. So ist das Familienhaus in dem von ihr beschriebenen Forschungsbeispiel ein wichtiger und vor allem stabiler Ankerpunkt kultureller Identität.

Wenn auch diese neuen Konzepte, wie etwa von Raum, Transnationalisierung und Translokalität Schwachpunkte aufweisen, zum Teil sehr abstrakt sind und die in diesem Zusammenhang neu entwickelten Begrifflichkeiten auch nicht eindeutig voneinander abzugrenzen sind, sind sie jedoch trotz alledem als wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Migrationsforschung zu betrachten.  Sie sind gegen Ende des letzten Jahrhunderts entstanden, da Wissenschaftler in Hinblick auf die derzeitigen Entwicklungen die Notwendigkeit sahen, alte, traditionelle Konzepte zu überdenken. Die neuen Begriffe können natürlich in keiner Weise als vollständig und endgültig aufgefasst werden. Sie sind zum Teil sehr abstrakt und daher schwer greifbar, machen somit aber vor allem auch auf die Komplexität dieser Thematik aufmerksam und darauf, dass es in diesem Sinne eben nicht so leicht ist – wie etwa früher angenommen – bestimmte Phänomene in einfache Schubladen einzuordnen. Daher bedarf es neuen Denkweisen. Die angesprochenen Ansätze fördern eben diese und eröffnen somit – worin letztlich eben auch der Sinn solcher theoretischen Ansätze besteht – neue Forschungsperspektiven und eine kritische Auseinandersetzung mit gängigen Begriffen und Konzepten.

Auf Grundlage der im Seminar besprochenen „neuen“ Forschungskonzepte ergeben sich gerade in Hinblick auf die Komplexität zahlreiche weiterführende Fragen, die es meiner Ansicht nach sicherlich zu untersuchen lohnt. Worauf im Seminar und bei den gelesenen Texten beispielsweise weniger eingegangen wurde, mir persönlich gerade aber im Zusammenhang mit den von Glick Schiller, Basch und Szanton Blanc betitelten Transmigranten, sehr interessant zu sein scheint, ist eben die Frage nach der Identität von Transmigranten und deren Prägung. Was bedeutet es konkret, sich zu mehreren verschiedenen Nationen zugehörig zu fühlen, Familie und Freunde in verschiedenen Ländern zu haben? Und wie mag sich eine solche – wenn man so will – transnationale Identität konkret ausdrücken? Ebenso interessant wäre sicherlich die weiterführende Untersuchung, inwieweit Heimat- und Gastland genau Einfluss auf Migranten beziehungsweise Transmigranten haben und wie diese wiederum im Gegenzug konkret Einfluss auf ihr Heimat- und Gastland nehmen können. Auch die Rückwanderung von Migranten stellt ein breites Forschungsfeld dar.

Inwieweit sich Kultur durch den interkulturellen Austausch und die Netzwerke verändert und wie dadurch etwas ganz Neues entstehen kann, verspricht meiner Ansicht nach, eine ebenfalls spannende Weiterführung des Themas zu sein. Zweifelsohne lässt sich diese Liste mit möglichen weiterführenden Untersuchungsgegenständen noch um einiges fortführen. Die von mir hier genannten Aspekte spiegeln mein persönliches Interesse aber im besonderen Maße wieder.

 

Literatur:

Glick Schiller, Nina; Basch, Linda; Szanton Blanc, Cristina 1995: From Immigrant to Transmigrant: Theorizing Transnational Migration. In: Anthropology Quaterly, 68,1: 48-63.

Gupta, Akhil; Ferguson, James 1992: Beyond Culture. Space, Identity and the Politics of Difference. In: Cultural Anthropology, 7,1: 6-23.

Massey, Doreen 1991: A Global Sense of Place. In: Marxism Today: 24-29.

Olwig, Karen F.; Hastrup, Kirsten (Hg.) 1997: Siting Culture. The Shifting Anthropological Object. London, New York: Routledge.

Olwig, Karen F. 1997: Cultural Sites. Sustaining a Home in a Deterritorialized World. In:

Olwig, Karen F.; Hastrup, Kirsten (Hg.) 1997: Siting Culture. The Shifting Anthropological Object. London, New York: Routledge: 17-38.

Sheller, Mimi; Urry, John 2006: The New Mobilities Paradigm. In: Environment and Planning, 38: 207-226.

 

 

 

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