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Kritik an Begriffen wie „Flüchtlinge durch Klimawandel“

10. Februar 2017 - Blog, Lernblog, Studienleistungen

Kritik an Begriffen wie „Flüchtlinge durch Klimawandel“

Kein anderes Thema war im Jahr 2016 in Deutschland und Europa präsenter als die sogenannten Flüchtlingswellen. Viele Politiker*Innen, Wissenschaftler*innen und „Experten“ versuchen nach wie vor der Bevölkerung des deutschen Staates zu Erklärungen, wodurch es zu diesem Anstieg der Flüchtlingsströme kommt und auch in Zukunft kommen wird. Die Gründe reichen von sozioökonomischer über politischer bis hin zu kultureller Natur, die über die Art und Weise der Migration bestimmen.
Das vorliegende Essay behandelt die Migration auf Grund von sozioökonomischen Aspekten. Konkret  ausgedrückt beinhaltet dieser Text meine persönliche Auffassung davon welche Assoziationen durch Begriffe wie „Flüchtlinge durch Klimawandel“ entstehen.

Ob „Environmental refugees“ oder „Flüchtling durch Klimawandel“, beide Begriffe beschreiben ein Naturphänomen welches nur noch einzudämmen gilt, aber nicht mehr Rückgängig zu machen ist. Dieses Naturphänomen ist verantwortlich für Migrationsströme und bekommt durch den Bezug zu Naturkatastrophen eine Assoziation von einer höheren Gewalt. Der Klimawandel ist eine Dynamik, die von Menschenhand geschaffen wurde, jedoch mittlerweile offensichtlich der Kontrolle entglitten ist. Vor unserem Auge entsteht ein nicht aufzuhaltendes Klimawandel-Monstrum. Somit bekommt die aus Klimawandel resultierende Migration einen natürlichen von der Natur gegebenen Charakter in dem der Bezug zum System und deren Beschleuniger fehlt.

Warum kommen jedoch „Flüchtlinge durch Klimawandel“ nur aus Ländern des globalen Südens? Wenn es ein internationales und globales Problem ist, müssten doch auch Länder des globalen Nordens betroffen sein. Sind sie auch, von einem niederländischen Flüchtling aufgrund des Klimawandels habe ich trotzdem noch nichts gehört. Dieses Ungleichgewicht stellt das Problem des vorliegenden Essays dar. Deshalb wird nachfolgend diskutiert, weshalb die Verwendung rund um den Begriff Klimawandelflüchtlinge‘ die eigentlichen Ursachen des Klimawandels und deren nutznießenden Gesellschaften vertuscht. Dies möchte ich anhand der Staatsbeispiele Niederlande und Bangladesch illustrieren. Die Auswahl dieser beiden Staaten ist darin begründet, dass beide Staaten mit weiten Teilen unter dem Meeresspiegel liegen und dementsprechend von dem Anstieg des Meeresspiegels stark betroffen sind. Außerdem entstehen in beiden Staaten Überschwemmungen durch Flussläufe, welche von Niederschlagszunahmen begünstigt wird.

Die Niederlande sind vom Meeresspiegelanstieg potenziell betroffen, die bestehende Infrastruktur bietet jedoch einen umfangreichen Schutz. Für den weiteren Anstieg des Meeresspiegels und den damit verbunden künftigen Anforderungen, wie beispielsweise Sturmfluten der Nordsee, sind die Niederlande durch technisch innovative und finanzielle Kapazitäten gewappnet.

In Bangladesch, ist ähnlich wie in den Niederlanden eine Gefahr der Überschwemmung im Binnenland durch über Ufer tretende Flüsse möglich, wobei in Bangladesch die Situation durch Wirbelstürme und Monsunregen zugespitzt wird. Anders als in den Niederlanden gibt es jedoch in Bangladesch keinen ausgedehnten Schutz durch moderne Deiche. Die Errichtung umfangreicher und moderner Deiche ist problembehaftet. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels um 1m wird mit einem Anstieg „üblicher” Flutwellen von derzeit 7,4 auf bis zu 9,1 m gerechnet. Dies verdeutlicht, dass Küstendeiche eine enorme Höhe annehmen müssten, um ein angemessenes Schutzniveau zu bieten. Der vorherrschende Mangel finanzieller und technischer Kapazitäten vereinfacht derartige Vorhaben nicht, wenngleich Bangladesch in Zusammenarbeit mit internationalen Gebern seine Bemühungen intensiviert hat. Selbst wenn ein vollständiger Deichbau finanzierbar wäre, würde er kostbare landwirtschaftliche Flächen zerstören.

Natürlich gibt es geographische  Unterschiede zwischen den Niederlanden und Bangladesch. So sinkt in Bangladesch durch tektonische Bewegungen das Land und der relative Meeresspiegel steigt doppelt bis viermal so stark an, wie in den Niederlanden.

Doch die Unterschiede und Möglichkeiten zum Schutz gegen den Anstieg des Meeresspiegels hängen neben den naturräumlichen Gegebenheiten extrem von den wirtschaftlichen und sozialen Situationen ab. Anhand der oben genannten Beispiele habe ich versucht zu illustrieren, dass Länder des globalen Südens von den Folgen des menschengemachten Klimawandels stärker betroffen sind. Durch die Wirtschafts- und Finanzschwäche ist es für „Entwicklungsländer“ sehr schwer auf die neuen Herausforderungen zu reagieren.

Der Klimawandel ist größtenteils von frühindustrialisierten Staaten hausgemacht, leidtragende sind jedoch die Länder des globalen Nordens. Damit Staaten aus dem globalen Norden auf die neuen Herausforderungen die der Klimawandel mit sich bringt reagieren können, müssen die internationalen Marktstrukturen für diese Länder geöffnet werden. So lange verlangt wird, dass „Entwicklungsländer“  ihre Importzölle runterschrauben, kann sich dort keine eigene standfeste Wirtschaft entwickeln. Solche Länder sind häufig nur Rohstofflieferant und dementsprechend stets abhängig vom aktuellen internationalen Kurs des jeweiligen Rohstoffes.

Resümierend ist festzuhalten, wenn die Flüchtlingswellen eingedämmt werden sollen und wenn dafür gesorgt werden soll,  dass Menschen nicht zu Tausenden ihre Heimat verlassen müssen, dann muss das globale Marktsystem alle teilnehmen lassen. Es muss der Zwang beendet werden dass, Länder aus dem globalen Süden mit hochsubventionierten Produkten aus dem globalen Norden auf dem „freien“ Markt zu konkurrieren haben. Nur dann ist es für Länder, die vom Klimawandel betroffen sind möglich, selbstständig auf die neuen Herausforderungen einzugehen und diese zu lösen. Hier kann noch einmal das Beispiel der Niederlande herangezogen werden. Die Menschen dieser Region haben verstanden, mit den Naturgewalten zu leben und dem Meer Land abzuringen. Allerdings besitzen sie die finanziellen Ressourcen, (um-weg!) die neuen Aufgaben zu lösen. Menschen waren schon immer in der Lage innovative Technologien und Systeme zu schaffen, um mit den Naturgewalten zu leben, die Technologien und Systeme können jedoch nur im Bereich der Möglichkeiten, die zugelassen werden, liegen.

Daher flüchten Menschen nicht vor dem Klimawandel sondern vor den Strukturen, die ihre Region dazu zwingt dem Klimawandel das Feld zu überlassen. Die Begriffe um „Flüchtlinge durch Klimawandel“ verfälschen das eigentliche Problem und die eigentliche Lösung dieser Probleme.

Die internationalen Marktstrukturen müssten gerechter geregelt werden und die ausschlaggebenden Nationen des Co2 Ausstoßes müssten zur Kasse gebeten werden. Diese Strafgelder könnten in betroffenen Ländern verwendet werden, um innovative Technologien und Strukturen zu schaffen, die das Ausmaß des Klimawandels eindämmen.

 

Quelle:

Tacoli, Cecilia 2009: Crisis or adaptation? Migration and climate change in a context of high mobility. In: Environment & Urbanization Vol. 21 No. 2, 513-525.

https://germanwatch.org/de/download/3346.pdf

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