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Globalisierung, Mobilität und Translokalität (Zusatzaufgabe 2)

10. Februar 2017 - Blog, Lernblog, Studienleistungen, Zusatzaufgabe 2

Beim wiederholten Durchlesen der ersten Zusatzaufgabe stellte ich erfreut fest, dass die einzelnen Wissensbausteine über das Themengebiet Migration, Mobilität und Translokalität, die ich bereits aus anderen Seminaren zusammengetragen hatte, am Ende dieses Seminars eine systematische Einordnung erfahren konnten. Insofern hat sich meine abschließend formulierte Hoffnung erfüllt. Manche Fragestellungen, die wir im Seminar behandelten, tauchen hier bereits auf:

In der Reflexion über meine Nachbarn und Mitmenschen, die oder deren Vorfahren aus unterschiedlichen Ländern hierher migriert sind, klingt die Frage an, wieso Menschen sich überhaupt zu Migration in Bewegung setzen.

In der Reflexion über meine eigenen Ortswechsel innerhalb Deutschlands im Vergleich mit anderen Formen von Migration steckt die Frage danach, ab welchem Grad von Mobilität man von Migration spricht.

In den Schwierigkeiten, die ich hatte über die Ausbreitung von Essen und die gleichzeitige Diversifizierung und Vereinheitlichung unserer Ernährung zu sprechen, entdecke ich das Problem der Abgrenzung von Translokalität zu Globalisierung und (das geht wohl über die Inhalte des Kurses hinaus) die Frage danach, was Globalisierung ausmacht.

Andere Fragen, die ich in meiner Anfangsreflexion nicht formuliert hatte, die ich jedoch im Nachhinein als wichtig empfand, sind:

Sollte man lieber von Migranten statt von Flüchtlingen/Geflüchteten sprechen?

Inwiefern ist es ethisch vertretbar zu Geflüchteten zu forschen?

Wie ist das Verhältnis von Translokalität und Globalisierung zu beschreiben?

Worin liegt der Sinn, Translokalität als analytisches Konzept anzunehmen?

Wieso migrieren Menschen?

Der Text von Massey, Arango et al. (1994) ist im Rückblick einer der Texte, die mich am meisten begeistert hatten. Ich finde es nach wie vor faszinierend, dass es zu dieser Frage, wenn auch ausschließlich mit Blick auf Migration in die USA, so viele quantitative Erhebungen gibt, die es uns ermöglichen in Debatten um Migration qualifizierte Aussagen über das wie und warum von Migration zu treffen. Dabei blieb mir besonders stark hängen, dass manche common sense-Annahmen über Migration zwar teilweise zutreffen, jedoch nicht das ganze Ausmaß von Migration ausreichend erklären. So ließ sich zwar nachweisen, dass Lohngefälle und Unterschiede in der Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen Migration begünstigen, bemerkenswert war jedoch, dass vor allem die Bedingungen in den Heimatländern der Migranten ausschlaggebend sind, dass Migranten zumindest zu dem Zeitpunkt der Durchführung dieser Studien relativ schlecht über die realen Bedingungen in ihrem Zielland informiert waren. Ein weiterer Faktor sind jedoch Einkommenssicherungsstrategien von Familien, also dass Familien die Migration eines Familienmitglieds sponsern um durch die von diesem geschickten Geldrücksendungen eine Versicherung für politische und ökonomische Unwägbarkeiten zu haben oder sonst unmögliche Investitionen in die eigene Landwirtschaft/das eigene Gewerbe tätigen zu können. Als weitere Ursache ist die wechselseitige Bedingung einer globalisierten Weltwirtschaft und die erhöhte Mobilität von Konzernen und Menschen zu sehen. Weil Menschen immer mobiler und Kommunikation durch moderne Technologien immer einfacher und schneller geschieht, können Konzerne Teile ihrer Produktion in die Länder auslagern, in denen am günstigsten produziert wird. In Ländern mit besonders hohen Lohnniveaus hängt körperliche Arbeit häufig von Migranten ab, die geringere Chancen haben, auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen und so gezwungen sind, schlecht bezahlte Tätigkeiten anzunehmen. Umgekehrt zwingt diese immer weitere Arbeitsteilung der Welt Menschen dazu dorthin zu migrieren, wo sie Arbeit finden.

Ein weitere Zusammenhang zwischen Globalisierung und Migration, der in Appadurais „Global Ethnoscapes“ (1996) hergestellt wird, ist der Einfluss von Imagination und die globalen Flüsse von Bildern und Informationen, die Menschen überall auf der Welt die Möglichkeit geben sich Vorstellungen davon zu machen, wie das Leben in anderen Teilen der Welt ist. Die Wunschbilder, die dann von Orten entstehen, an denen das Leben angeblich besser ist, sind ein weiterer Faktor, der bei der Entscheidung zu Migration nicht unterschlagen werden sollte.

Offen bleibt für mich die Frage, welche Erkenntnisse es über Migration in anderen Teilen der Welt gibt, ob es hierzu auch quantitative Studien gibt und wie diese unser Verständnis von Migration neu informieren.

Ab welchem Grad von Mobilität spricht man von Migration?

In Shellers und Urrys Text zum new mobilities paradigm (2006) wurde erwähnt, dass in der Soziologie eine stärkere Ausrichtung auf Mobilität dazu geführt hat, dass man sich mit Pendeln  und dessen Auswirkung auf Menschen beschäftigt hat. In der Diskussion um Transnationalismus vs. Translokalität wurde zugunsten von Translokalität ins Feld geführt, dass z.B. in vielen afrikanischen Ländern Mobilität innerhalb von Staatsgrenzen eine bedeutende Rolle spielt und bei dieser Form von Mobilität häufig größere Kulturelle Räume durchschritten werden als bei Migration zwischen Grenzregionen. Es ist sicherlich interessant, transnationale Migration, interne Migration und Pendeln unter dem Paradigma von Mobilität zu erforschen, denn natürlich haben diese Formen von Mobilität Auswirkungen auf die Horizonte und Perspektiven von Menschen. Konkret zu meiner Überlegung, ob Ortswechsel innerhalb Deutschlands als Arbeits- oder Bildungsmigration verstanden werden sollten, würde ich sagen, dass die erhöhte Mobilität innerhalb des eigenen Landes natürlich dazu führt, dass wir in einer anderen Erfahrungswelt leben als etwas unsere Urgroßeltern; dass es aber vielleicht doch zu weit gegriffen ist, hier von Migration zu sprechen, weil ich ja dann doch anders behandelt werde und andere Möglichkeiten habe als Menschen, die aus anderen Ländern (und hier ist natürlich auch wieder relevant, aus welchen Ländern) hierher migrieren. Insofern erscheint mir hier aufgrund der geringeren räumlichen und kulturellen Distanzen Mobilität das geeignetere Konzept.

Sollte man lieber nur noch von Migranten statt von Flüchtlingen/Geflüchteten sprechen?

Colson stellte für mich in ihrem Text von 2003 überzeugend dar, dass die Erfahrung der Entwurzelung von Geflüchtete und anderen Vertriebenen etwas ist, was sie kategorial von anderen Migranten unterscheidet, die ihre Migration planen konnten und sich selbst dafür entscheiden konnten. Diese Berücksichtigung der Biographie dieser Menschen ist auch etwas, was in unserer nationalen Debatte um den Umgang mit Geflüchteten stärkeren Eingang finden muss, in der immer noch die Frage vorzuherrschen scheint, wie man diese Menschen möglichst schnell für den Arbeitsmarkt verfügbar machen kann.

Ethische Perspektiven der Forschung über/mit Geflüchteten

Die Sorge  Malkkis, dass die Kategorie der Geflüchteten diese Menschen dehumanisiere, finde ich nach wie vor nachvollziehbar. Allerdings sehe ich die Lösung nicht daran, eine solche Kategorisierung zu vermeiden, sondern vielmehr darin, die Geschichten dieser Menschen zu erzählen und damit klar zu machen, dass sie nicht nur durch ihre Bedürftigkeit definiert sind. Aus dieser Stunde ist mir besonders lebhaft unsere Diskussion in Erinnerung geblieben, wieso diese Erkenntnisse aus der ethnologischen Forschung zu Flucht und Vertreibung nicht viele stärker den deutschen und gesamteuropäischen Diskurs über Geflüchtete informieren. Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen, die sich für uns als Nachbarn aufgrund der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten Erkenntnisse, sowie in Afrika ergeben, besteht eine ethische Verpflichtung zur Kommunikation dieser Erkenntnisse und in gewisser Weise auch zur Verwendung der Kategorie der Geflüchteten, weil das die Kategorie ist, die in dieser Sphäre verwendet wird.

Verhältnis von Translokalität und Globalisierung

Pries (2002) konzeptionelle Abgrenzung von Transnationalismus/Translokalität und Globalisierung war hilfreich. Pries verstand Transnationalismus im weitesten Sinne als „[…]Zugehörigkeitsgefühle, kulturelle Gemeinsamkeiten, Kommunikationsverflechtungen, Arbeitszusammenhänge und die alltägliche Lebenspraxis sowie die hierauf bezogenen gesellschaftlichen Ordnungen und Regulierungen, die die Grenzen von Nationalstaaten überschreiten…“ (264). Sein Verhältnis zu Globalisierung bestimmte er als unterschiedliche Perspektiven auf das gleiche Phänomen, nämlich eine heterogene, von Mobilität und Verflechtungen geprägte Welt. Die Perspektive von Transnationalismus sei subjektiver, beschäftige sich mit der Entstehung neuer sozialer Räume, schreibe Nationalstaaten weiterhin eine Bedeutung zu, und agiere geographisch gesehen plurilokal. Globalisierung sei dagegen ubiquitär, ihr Fokus liege auf der Zunahme globaler Verflechtungen, Nationalstaaten seien eher irrelevant und sie nehme einen Blick wie „von Oben“ ein.

Worin liegt der Sinn, Translokalität als analytisches Konzept anzunehmen?

Im Seminar vollzogen wir ein Stück weit die Entwicklung des Forschungsfeldes Migration und transnationale Mobilität nach. Dabei zeigten mir die Texte aus den früheren Phasen (den späten 80ern bis Mitte der 90er) zu Diaspora, dass Sozialwissenschaftler hier ein Phänomen wahrnahmen, für das sie um passende Bezeichnungen rangen. In weiten Teilen würde ich sagen, dass das Konzept von Diaspora, das Tölölyan nicht zuletzt anhand seiner eigenen Erfahrung als Teil der armenischen Diaspora beschreibt, sich in weiten Teilen mit dem deckt, was man heutzutage unter Translokalität fassen würde: die Verbundenheit einer Gruppe von Menschen aufgrund ihrer Identifizierung mit einer größeren (Diaspora-) Gemeinschaft über geographische Entfernungen hinweg, die gleichzeitige Eingebundenheit in lokale soziale Beziehungen und die Implikationen, die dies für das alltägliche Leben der Mitglieder dieser Gruppe sowie ihre Umwelt hat. Der Nachteil des Diasporabegriffs ist seine Spezialisierung, da er ist fest assoziiert ist mit der jüdischen Diaspora und anderen Gemeinschaften, die ähnliche Erfahrungen von Flucht und Vertreibung gemacht haben und  in denen ein Heimatlandmythos eine Rolle spielt. Wenn man sich auf Translokalität als das allgemeinere Konzept einigt, könnte man Diaspora als eine Spezialform dieser beschreiben. Einen weiteren Unterschied, den ich zwischen den Begriffen ausmache, ist, dass Diaspora den Fokus eher auf die soziale Sphäre legt, während der Begriff ‚Translokalität‘ eine stärkere Betonung der räumlichen Eingebundenheit impliziert. Insgesamt stelle ich fest, dass Translokalität ein weiterer Versuch ist, einen Bereich dessen, was wir beobachten und wahrnehmen, in ein Konzept zu packen. Im Vergleich zu ‚Diaspora‘ und ‚Transnationalismus‘, die sich als zu speziell erwiesen haben und bei denen weitere Forschung hervorgebracht hat, dass sie sich nicht so gut wie Translokalität eignen, um Verallgemeinerungen zu machen, scheint mir Translokalität ein geeigneter übergeordneter Begriff. Insofern sehe ich den Sinn von Translokalität als analytisches Konzept darin, dass es die Gemeinsamkeiten eine Reihe von rezenten Prozessen zusammenfassen kann, für die die anderen Konzepte zu speziell sind.

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