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Zusammenfassung, Diskussion und Kritik – Reflexion des Seminars

9. Februar 2017 - Blog, Lernblog, Studienleistungen, Zusatzaufgabe 2

Im Themenfeld von sozio-räumlichen Beziehungen stellt der Forschungskomplex Mobilität und Raum einen wichtigen Schwerpunkt dar. Interessant ist, dass dieses für uns heute so selbstverständliche Feld für die Ethnologie erst ab den 1990er Jahren entdeckt wurde. Ein Vorreiter war sicherlich Safran mit seiner Betrachtung von Diaspora – dieser Begriff war hier sehr eng an das „Vorbild“ der jüdischen Diaspora angelehnt und umfasste sehr strenge Kategorien – und deren andauerndes, grenzüberschreitendes, globales Engagement (Safran: 1991).

Auch der Transport und die Aufrechterhaltung von Kultur durch Migranten (anstelle einer erwarteten Assimilation), die Hybridität von Kultur und die Problematische Verbindung von Kultur und Örtlichkeit, sowie die Frage nach der Definition und Bedeutung von Raum (Gupta und Ferguson: 1992) stellte gängige Theorien infrage. Ebenso eine breitere Debatte nach den Gründen und Ursachen von Migration und verschiedenen Migrationsarten, die sich nur mit einer ethnologisch-fachübergreifenden Betrachtung erklären lassen (Massey 1994). Einen vorläufigen Höhepunkt und einen enormen Auftrieb erreichte dieser Paradigmenwechsel in Glick-Schillers Definition des Transnationalismus, der den Prozess beschreibt wie Migranten durch vielfältige soziale Beziehungen ihre Ursprungs- und Zielgesellschaft mit einander verbinden. Die Identität der Akteure im Transnationalismus konfiguriert sich durch mehr als einen Nationalstaat. Die Gruppe der Akteure umfasst nicht nur das Individuum, sondern auch Organisationen, Verbände oder Diaspora (mit einem erweiterten Begriffsverständnis) (Glick-Schiller und Basch 1995). Damit einher ging die Prognose, dass das Konzept von Nationalstaaten sich zukünftig auslösen würde und eine De-territotialisierung stattfinden werde, also Örtlichkeit („place“) keine entscheidende Konstante mehr spielen würde.

Die bedeutendsten Kritiken an dem Ansatz sind meiner Ansicht nach die „vernachlässigte“ Sichtweise auf die Zurückgebliebenen, also den immobilen Teil der Bevölkerung, die vor allem als Empfänger von remittances thematisiert wurden. Ebenso wie die Prognose einer De-territorialisierung, da sich in den letzten Jahren im Gegenteil ein Erstarken von ethno-nationalistischen Bewegungen gezeigt hat und der Nationalstaat eher an Bedeutung gewonnen hat. Ein weiterer entscheidender Punkt ist die enorme Bedeutung von interner Migration, der ebenfalls nicht bedacht wird. Als Weiterentwicklung des Konzeptes wird daher zunehmend von Translokalität gesprochen. Dieser Begriff überwindet die Betrachtung des Nationalstaates als „entscheidende“ Grenze und lässt eine Analyse des Spannungsverhältnisses von Mobilität und Lokalität zu, bestätigt also die Wichtigkeit von Örtlichkeit ohne die Vorstellung von räumlich gebundenen territorialen Einheiten. So kann Transnationalismus als eine Form der Translokalität behandelt werden (Greiner und Sakdapolrak 2013).

Nach längerer Auseinandersetzung mit dem Thema war vor allem die Kritik am Transnationalismus für mich im ersten Moment zwar überraschend, da es ein revolutionäres Konzept war, dass die Forschung bis heute maßgeblich geprägt hat, doch nach Lektüre und Besprechung im Seminar sehr wichtig und nötig, um die Realitäten von translokalen Akteuren darstellen zu können. Spannend ist, dass diese Entwicklung noch sehr neuartig ist und daher noch keine Durchgängige Anwendung findet. Die Ethnologie ist ein sehr lebendiges Fach, dass sich stetig weiterentwickelt und keinen „Endpunkt“ anstrebt. Stattdessen werden Begrifflichkeiten und Konzepte immer neu getestet und weiterentwickelt. Ebenso wichtig und interessant ist auch, was durch ein zunehmendes Verständnis von Migration und Mobilität abgeleitet werden kann: Die Prozesse von Translokalität geben wichtige Auskünfte über einen Umgang mit Staatsbürgerschaft, Flüchtlingen (oder gezwungenen Migranten) und der Transformation von Räumen und Gesellschaft oder auch in der Prognose von Reaktionen von Menschen oder Gesellschaften bei Veränderungen der Umwelt beispielsweise durch den Klimawandel. So prognostizierten naturwissenschaftliche Forschungen 200 Millionen Klimaflüchtlinge, für die es aus Erfahrungen aus ethnologischen oder sozialwissenschaftlichen Studien jedoch keinen Beleg gibt, da komplexe Adaptionsprozesse stattfinden zu denen auch temporäre Arbeitsmigration zählen kann (Tacoli 2009). Durch diese und andere Studien vor allem die von Lisa Malkki (1992) über ruandische Flüchtlinge in Tansania ist mir nochmal deutlich geworden, wie wichtig es ist, dass Ethnologen ihr Wissen stärker in gesellschaftliche und politische Prozesse einbringen.

Das Seminar bot einen fundierten Einblick in Grundlagen und Entwicklung der Mobilitäts- und Translokalitätsforschung. Man merkte in der Diskussion deutlich, dass viele der revolutionären Paradigmenwechsel für unsere Generation von Ethnologen bereits Normalität sind und sich in unserem Denken verankert haben. Daher war es spannend auch die „älteren“ Texte aus den 90-er Jahren zu lesen und die Gedankengänge der Autoren nachzuverfolgen. Dies führte jedoch auch zu viel Kritik der Teilnehmer, da die Texte oft nicht „historisch“ gelesen wurden. Trotzdem denke ich, dass es sehr sinnvoll ist sich auch mit den „Anfängen“ und der Entwicklung zu beschäftigen. Für die letzten Sitzungen hätte ich mir eine stärkere Fokussierung auf aktuelle Ereignisse und aktuelle Forschungen gewünscht. Besonders die Debatte um „Migration und Klima“, die in der Geographie sehr angeregt geführt wird, wurde im Seminar kaum aufgegriffen, was mich etwas erstaunt hat.

Das Schreiben von Blogeinträgen fand ich grundsätzlich eine interessante Möglichkeit mit den zu behandelnden Texten umzugehen. Durch die Zusammenfassung und die Reflexion habe ich mich intensiv mit den Texten auseinandergesetzt. Allerdings muss ich sagen, dass aufgrund von Zeitmangel oder auch wenn ich Probleme mit dem Textes hatte, Teile der Blogeinträge reine Zusammenfassungen geworden sind und daher für jemand anderen nicht interessant. Sicherlich wäre es daher sinnvoll, wenn man nicht jeden Eintrag auch hochladen muss oder stattdessen zum Beispiel Fragen an den Text abgeben kann.

Literaturangaben:

1. Glick-Schiller, N., Basch, L., Blanc, C.S. (1995): From Immigrant to Transmigrant: Theorizing Transnational Migration. Anthropological Quarterly, 68 (1), 48-63.

2. Greiner, C., Sakdapolrak, P. (2013): Translocality: Concepts, application amd emerging reserach perspectives. Geography Compass, 7 (5), 373-384.

3. Malkki, L. (1992): National Geographic: The Rooting of Peoples and the Territorialization of National Identity among Scholars and Refugees. Cultural Anthroplogy, 7 (1), 24-44.

4. Massey, D. S., Arango, J., Hugo, G., Kouaouci, A., Pellegrino, A. & Taylor, J.E. 1994. An Evaluation of International Migration Theory: The North American Case. In: Population and Development Review, 20: 4, pp. 699-751 .

5. Gupta, A. & Ferguson, J. 1992. Beyond „Culture“: Space, Identity, and the Politics of Difference. In: Cultural Anthropology, 7: 1, pp. 6-23.

6. Safran, W. (1991): Diasporas in Modern Societies: Myth of Homeland and Return. Diaspora, 1 (1), 83-99.

7. Tacoli, C. (2009). Crisis or adaptation? Migration and climate change in a context of high mobility. Environment and Urbanization, 21, 513-525.

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