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Entwurzelung und die Ethnologie

19. Dezember 2016 - Blog, Lernblog, Studienleistungen

In dem Artikel von Colson (2003) „Forced Migration and the Anthropological Response“ beschäftigt sich die Autorin vor allem mit den Themen Entwurzelung und Flucht bzw. Vertreibung und welche Rolle die Ethnologie bzw. die Ethnologen in Bezug zu diesem Thema spielen.

Der Artikel stellt direkt am Anfang das Postulat, dass wir uns in einem century of the refugees“ (S.1) befinden, egal ob wir uns nun das 20. oder 21. Jahrhundert anschauen. Es zeigt sich, dass die Weltgesellschaft das Thema Flucht bzw. Vertreibung und den damit verbundenen Prozess der Entwurzelung nicht aus dem Weg gehen kann und darf. Die Autorin zeigt auf, dass es in der Ethnologie schon viele Forschungen und ethnologische Texte gibt, die sich mit dem Thema befassen und das man fast schon eine Art Chronologie darüber aufstellen könnte. Dabei wurde sich meistens angeschaut, wie geflüchtete Menschen in Camps oder den Ländern in denen sie Asyl suchen leben und wie sie ihren Alltag bewältigen. Auch wurden sich Institutionen angeschaut, die mit dem Prozess der Entwurzelung zusammenhängen und welche Strategien angewandt werden, um sich mit den entwurzelten Menschen im Zielland auseinander zu setzen. Auch das Aufkommen (neuer) Diaspora Gemeinschaften die durch Flucht bzw. Vertreibung entstehen oder wie geflüchtete Menschen mit ihrem Heimatland in Kontakt bleiben, stand im Blick der Forschung. Neuere Forschungen beschäftigen sich auch mit dem Thema, wie in dem Land, in dem die Geflüchteten oder andere „displaced persons“ (S.2) ankommen, die Gesellschaft mit ihnen und der Situation umgeht. Es zeigt sich also deutlich, dass das Thema der Entwurzelung und Flucht bzw. Vertreibung und den damit zusammenhängende Menschen ein starkes Themenfeld in der Ethnologie darstellt.

Hier kommt die Autorin allerdings mit einer Frage um die Ecke, die ich sehr wichtig finde. Anlehnend an Malkki (1997) wirft die Autorin die Frage auf, in wie weit geflüchtete bzw. fliehende Menschen unter Kategorisierungen fallen dürfen, dass sie die Opfer und die Bedürftigen sind. Durch solch eine Kategorisierung, werden diese Menschen De-humanisiert und ihnen keine Geschichtlichkeit („historicity“) unterstellt. Sie verkommen damit zu einer sozialen Kategorie, mit der gearbeitet werden muss und welche in die institutionellen Rahmenbedingungen der (Ziel-)Länder rein passen müssen. Dabei geht die „Menschlichkeit“ dieser Menschen vollkommen unter. Sie werden zu Nummern im System, in das sie sich anpassen müssen, ob sie nun dorthin fliehen wollten oder auch nicht, ist hier nicht von Bedeutung. Auch das die Länder in die sie fliehen meistens großen Anteil daran haben, dass es diese Fluchtgründe gibt, wird unterschlagen. So lange sie unter die Kategorisierung „Geflüchtete“ fallen, wird ihnen jede subjektive Erfahrung und Geschichte abgesprochen. Sie müssen in das System rein passen und wenn sie dies nicht tun, gelten sie als „Fehl am Platz“. Dies ist jetzt meine persönliche Auslegung dieser Frage, die Malkki und Colson aufwerfen. Auch finde ich es interessant, dass man die Ethnologie und ihre Schriften als einen Teil der Institutionen ansehen kann, die genau diese Strukturen aufrecht erhalten, die geflüchtete Menschen in die Kategorie des Opfers und Bedürftigen packen. Sie sind nicht wertfrei zu betrachten und sollten auch immer auf den Hintergrund der ForscherInnen bezogen werden und für welche Institution sie evtl. forschen oder schreiben. Auch finde ich die Frage sehr interessant, die die Autorin stellt, nämlich, ob die (Sozial-) Wissenschaft überhaupt ein Recht hat, Menschen zu beobachten und zu analysieren, die eine erzwungene Migration erleben oder erlebt haben. Dabei darf nicht in den Hintergrund geraten, dass es Menschen sind und das es uns evtl. auch einmal so gehen kann. Zwar bin ich mit den Ergebnissen von Colson in Hinblick auf diese Frage nicht unbedingt komplett einverstanden, weiß allerdings auch keine bessere Lösung vorzuschlagen.

Troztdem finde ich, dass der Artikel von Colson dazu anregt, sich nochmal genauer mit den Fragestellungen und Methoden auseinander zu setzen, mit denen EthnologInnen sich mit dem Thema „erzwungene Migration“ auseinander setzen und welche Rolle sie dabei spielen, ein besseres Verständnis bzw. bessere Politik zu generieren.

Quelle:

Colson E. (2003): Forced Migration and the Anthropolocigal Response. In: Journal of Refugee Studies, Vol. 16, Nr.1, S.1-18.

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