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Massey et al. und „America“ – West Side Story durch eine theoretische Brille betrachtet

6. November 2016 - Blog, Lernblog, Studienleistungen

Auch heute noch wird das in den 50er Jahren entstandene Stück West Side Story auf einer Vielzahl an Musicalbühnen aufgeführt. Auch die Verfilmung (1961) hat wohl Klassikerstatus eingenommen, zumindest unter Musical- und Leonard Bernstein Fans. Die modernisierte Romeo und Julia Geschichte nimmt zwei rivalisierte Banden in den Blick, die us-amerikanischen Jets und die aus Puerto Rico stammenden Sharks. Im Zentrum steht die Liebesbeziehung von Maria (Puerto Rico) und Tony (USA), die aufgrund der Bandenkonflikte zum Scheitern verurteilt ist.

Aber es ist bei weitem nicht nur eine Liebesgeschichte. Vielmehr werden Rassen- und Klassenkonflikte, ebenso wie gender-Themen angesprochen. Was die Gründe für Migration und die Situation Puerto Ricanischer Immigranten angeht, so werden diese besonders deutlich im Lied „America“ verhandelt. Und hört man sich dieses vor dem Hintergrund von Massey et al.s Analyse von Migrationstheorien an, lassen sich auf die im Lied angesprochenen Phänomene einige Theorien anwenden.

So sprechen Anita und die anderen Frauen gleich am Anfang die prekäre finanzielle Situation für viele Menschen in Puerto Rico an („always the money owing“), um daraufhin all die (materiellen) Vorteile aufzuzählen, die ein Leben in den USA mitsichbringt. Dies lässt sich mit Überlegungen aus den neoclassical economics verbinden, wonach Migration auf einer individuellen Kosten-Nutzen Berechnung basiert, um das eigene Einkommen durch Migration zu erhöhen (Massey et al 1994: 701).

Die Lobpreisungen der Frauen auf das amerikanische Leben werden immer wieder auf schlagfertige Weise von Bernardo und den restlichen Männern widerlegt und ironisiert – romantische und idealisierende Vorstellungen werden auf diese Weise mit den von Rassismus, Armut und Ungleichheit geprägten realen Lebensumständen kontrastiert. So erwidern sie auf Anitas Aussage, man könne alles in den USA sein („free to be anything you choose“ – eine unübersehbare Anspielung auf den „American Dream“), dass man gerade mal als Kellner*in arbeiten oder Schuhe polieren könne („free to wait tables and shine shoes“). Diese Feststellung entspricht der segmented labor market theory, die davon ausgeht, dass der Arbeitsmarkt geteilt ist in einen primären Sektor, der von Einheimischen besetzt wird, und einen sekundären Sektor, der vor allem von Immigranten eingenommen wird. Der sekundäre Sektor ist dabei von niedrigeren Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen geprägt (Massey et al. 1994: 715), wie sie beispielsweise in dem Dienstleistungbereich auftreten, den die Männer in „America“ beschreiben.

Auf Bernardos Überlegungen, zurück nach Puerto Rico zu gehen, wo er mit offenen Armen empfangen werden würde („everyone there will give big cheer“) antwortet Anita am Ende des Lieds nur trocken, dass alle dann schon längst in die USA umgesiedelt sein würden („everyone there will have moved here“). Diese Annahme deckt sich mit der network theory, der zufolge das Netzwerk aus Freundschaft und Verwandtschaft im Zielland weitere Migration aus dem Herkunftsland verstärkt (Massey et al. 1994: 728).

Massey et al. 1994: An Evaluation of International Migration Theory. The North American Case. Population and Development Review 20 (4), 699-751.

America (Musik: Leonard Bernstein, Text: Stephen Sondheim): https://www.youtube.com/watch?v=_e2igZexpMs

 

One thought on “Massey et al. und „America“ – West Side Story durch eine theoretische Brille betrachtet

Pia Wieser

Habe deinen Beitrag grade gelesen um nochmal ein bisschen für unsere 2. Zusatzleistung zu reflektieren und dachte ich sage dir mal wie gelungen ich ihn finde! Schön die ‚trockenen‘ Theorien so verdeutlicht zu bekommen 🙂
Liebe Grüße,
Pia

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