Vortrag | Marc Kudlowski & Christian Schmidt: „Und dann kann ich mich daran erinnern…“
Im Rahmen des Symposiums Deutschdidaktik an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) zum Thema MEHRalsSPRACHE hält AG-Mitglied Marc Kudlowski zusammen mit Christian Schmidt (Siegen) einen Vortrag unter dem Titel:
„Und dann kann ich mich daran erinnern…“
Multimodale und selektive Lesepraktiken in transmedialen Medienverbünden am Beispiel von Gravity Falls
Die Zeichentrickserie Gravity Falls (2012–2016) und das dazugehörige fiktive Tagebuch Journal 3 (2016, dt. Übersetzung: 2025) bilden zwei Elemente eines transmedialen Medienverbunds, in dem narrative Inhalte über unterschiedliche Medialitäten und Materialitäten hinweg entfaltet werden (Arendt et al., 2022; Hengst, 2017; Meier, 2020). Das intradiegetische Tagebuch der Serie fungiert hierbei als liminales Objekt zwischen der Erzählwelt und der Alltagswelt der Lesenden, das spezifische multimodale Rezeptions- und Deutungsprozesse eröffnet.
Im Vortrag wird präsentiert, wie Kinder und Eltern diese multimodale Struktur in gemeinsamen Lesepraktiken aktualisieren. Im Zentrum stehen nicht primär die medialen Produkte selbst, sondern die Anschlusspraktiken der Rezipierenden, in denen neben Schrift und Sprache eine große Anzahl von „non-verbal modes of meaning making“ (Hallet, 2018, 26) wie Bild, Ton, Gestik und Zeigen miteinander verknüpft werden (Demi, 2025). Grundlage bilden problemzentrierte Interviews, die bei den Familien zu Hause geführt wurden.
Theoretisch wird Multimodalität als relationale Bedeutungsproduktion verstanden, in der unterschiedliche Zeichensysteme funktional integriert werden (Staiger, 2020; Wildfeuer et al., 2020). So zeigt denn auch die Datenanalyse, dass das Lesen eines solchen multimodalen Tagebuchs regelmäßig mit Praktiken der transmedialen Imagination (Eder, 2023; Ito, 2010) verbunden ist – mit dem Erinnern und Kontextualisieren von Serienepisoden, dem Betrachten, Zeigen und Interpretieren von Illustrationen, dem ludischen Interagieren durch gemeinsames Entschlüsseln von Rätseln und Codes sowie mit narrativen Ergänzungen im Sinne von Jenkins’ (2008) Konzept des transmedialen Erzählens. Zugleich motiviert der Medienverbund Lesemodi, die für digitales Lesen typisch sind, im schulischen Kontext jedoch bislang nur randständig gefördert werden (Philipp, 2020; Wildfeuer, 2025).
Diese Praktiken konstituieren ein Textverständnis, das nicht linear, sondern vernetzt, performativ und ko-konstruktiv entsteht. Für die Deutschdidaktik ergibt sich daraus die Perspektive, familiäre Rezeptionspraktiken als Sozialisationsressource ernst zu nehmen und bei der schulischen Förderung von Lese- und Erzählprozessen zu berücksichtigen (Anders, 2023). Multimodale und selektive Rezeption sind keine randständigen Phänomene populärer Medienkulturen, sondern zentrale Könnensdimensionen zur Teilhabe an der zeitgenössischen Medien- und Erzählkultur.
Primärmedien
Hirsch, A. (2012–2016). Gravity Falls [TV-Serie]. Disney Television Animation.
Hirsch, A., Renzetti, R., Gonsalves, A., Ramirez, S., Wieland, M., & Reininger, H. (2025). Willkommen in Gravity Falls – Tagebuch 3: Das Buch zur Serie. Egmont Ehapa.
Sekundärliteratur
Anders, P. (2023). Multimodales Erzählen. Praxis Deutsch, 50(301), 4–11.
Arendt, C., Lay, T., & Wrobel, D. (2022). Einführung. In C. Arendt, T. Lay, & D. Wrobel (Hrsg.), Medienwechsel und Medienverbund: Literaturadaptionen und polymediale Textnetze im Kontext Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (S. 7–19). Iudicium.
Demi, A.-L. (2025). Inklusiver und symmedialer Literaturunterricht in der Grundschule. Metzler.
Eder, J. (2023). Zur affektiven Spezifik audiovisueller Medien. In M. Magirius, C. Meier, S. Kubik, & C. Führer (Hrsg.), Evaluative ästhetische Rezeption als Grundlage literarischen Verstehens und Lernens. Theorie und Empirie (S. 147–162). kopaed.
Hallet, W. (2018). Reading multimodal fiction. A methodological approach. Anglistik. International Journal of English Studies, 29(1), 25–40.
Hengst, H. (2017). Das Verschwinden der Blockflöte. Zum Wandel ästhetischer Präferenzen und Praktiken. In S. Schinkel, & I. Herrmann (Hrsg.), Ästhetiken in Kindheit und Jugend. Sozialisation im Spannungsfeld von Kreativität, Konsum und Distinktion (S. 39–53). transcript.
Ito, M. (2010). Mobilizing the imagination in everyday play: The case of Japanese media mixes. In S. Sonvilla-Weiss (Hrsg.), Mashup Cultures (S. 79–97). Springer.
Jenkins, H. (2008). Convergence culture: Where old and new media collide. NYU Press.
Meier, J.-N. (2020). Im narrativen Verbund. Transmediale Perspektiven auf Medienverbünde. kjl&m, 72(1), 76–86.
Philipp, M. (2020). Leseunterricht 4.0. Vier lesedidaktische Handlungsfelder des digitalen Lesens. Der Deutschunterricht, 72(4), 13–24.
Staiger, M. (2020). Von der „Wende zum Bild“ zum „multimodalen Turn“. Perspektiven und Potenziale für eine Deutschdidaktik als Medienkulturdidaktik. Der Deutschunterricht, 72(5), 65–74.
Wildfeuer, J., Bateman, J. A., & Hiippala, T. (2020). Multimodalität: Grundlagen, Forschungen und Analyse. Eine problemorientierte Einführung. De Gruyter.
Wildfeuer, J. (2025). Multimodale Texte lesen. Theoretische und methodische Bausteine aus der Multimodalitätsforschung. In M. Staiger (Hrsg.), Schrift / Bild – Lesen (S. 27–46). Metzler.
