Vortrag | Dilara Demirdögen & Michael Staiger: Multimodales literarästhetisches Lernen
Im Rahmen des Symposium Deutschdidaktik an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) zum Thema MEHRalsSPRACHE halten die AG-Mitglieder Dilara Demirdögen und Michael Staiger einen Vortrag unter dem Titel:
Multimodales literarästhetisches Lernen – theoretische und didaktische Eckpunkte
Welche literarästhetischen Erfahrungen Lesende im Umgang mit einem Text machen, hängt eng mit ihrer Lesehaltung zusammen. Geht man davon aus, dass diese sowohl von den textuellen Beschaffenheiten und Eigenschaften abhängt als auch die Art und Weise der Textrezeption prägt (Kosch & Schneider, 2025, S. 9), stellt sich die Frage, wie sich dieses Zusammenspiel im Kontext unterschiedlicher medialer und materialer Ausprägungen literarischer Gegenstände vollzieht. Im Fokus des Vortrags stehen multimodale Texte wie Bilderbücher, Comics oder illustrierte Romane, die nicht nur mithilfe der Zeichenmodalität Sprache, sondern durch die Interaktion von Schrift und Bild erzählen. Damit stellen sie einerseits komplexe Verstehensanforderungen an die Lesenden (Abraham, 2021), eröffnen andererseits aber auch neue Potenziale für literarästhetische Lernprozesse (Demirdögen, 2025, S. 4; Staiger, 2020, S. 68–69).
Der theoretisch-konzeptionell ausgerichtete Vortrag entwickelt Eckpunkte einer Theorie und Didaktik des literarästhetischen Lernens mit multimodalen Texten. Ausgehend von der Annahme, dass ästhetische Erfahrungen eine zentrale Voraussetzung literarischer Verstehensprozesse darstellen (Demirdögen & Staiger, 2025, S. 6), wird in einem ersten Schritt Rosenblatts (2019, S. 458) Konzept der aesthetic stance bzw. aesthetic transaction im Hinblick auf das literarästhetische Lesen von multimodalen Texten reflektiert und erweitert. Ästhetische Erfahrungen werden hierbei als mehrsinnliche Wahrnehmungsakte verstanden, die emotional-körperliches Erleben, Bedeutungskonstruktion und Reflexion miteinander verbinden. Im Zentrum steht die Frage, wie ästhetische Wahrnehmungsprozesse beim Lesen multimodaler Literatur – im Vergleich zu Schriftliteratur – erweitert und transformiert werden.
Darauf aufbauend werden in einem zweiten Schritt didaktische Konsequenzen für einen Literaturunterricht skizziert, der multimodales literarästhetisches Lernen nicht nur zulässt, sondern gezielt fördert: Wie können Erfahrungs- und Lernumgebungen gestaltet werden, die Raum und Zeit für Wahrnehmung, Bedeutungskonstruktion und Reflexion bieten und zugleich die spezifische Ästhetik multimodaler Texte produktiv machen? Anhand ausgewählter Beispiele aus der Schulpraxis werden die entwickelten theoretisch-konzeptionellen Überlegungen aufgegriffen und im Hinblick auf mögliche Gestaltungsformen von Erfahrungs- und Lernumgebungen konkretisiert.
Literatur
Abraham, U. (2021). Text-Bild-Symbiosen als komplexe Verstehensherausforderungen. Der Deutschunterricht, 73(1), 34–43.
Demirdögen, D. (2025). Wie rezipieren Kinder Bilderbuch-Apps? Beobachtungen zu literarästhetischen Erfahrungen mit digitalen Kinderbüchern. Leseräume, 12(1), 1–12.
Demirdögen, D., & Staiger, M. (2025). Literarästhetisches Lernen und literarästhetische Bildung. Positionen – Begriffe – Perspektiven. Der Deutschunterricht, 77(1), 2–13.
Kosch, L., & Schneider, U. (2025). Lesen als Prozess: Ein Modell der transdisziplinären Leseforschung. Orbis Litterarum, 80(3), 185–198. https://doi.org/10.1111/oli.12479
Rosenblatt, L. M. (2019). The transactional theory of reading and writing. In D. E. Alvermann, N. J. Unrau, M. Sailors, & R. B. Ruddell (Eds.), Theoretical models and processes of literacy (7th ed., pp. 451–479). Routledge.
Staiger, M. (2020). Von der ‚Wende zum Bild‘ zum ‚multimodalen Turn‘. Perspektiven und Potenziale für eine Deutschdidaktik als Medienkulturdidaktik. Der Deutschunterricht, 72(5), 65–74.
