Buttje im Ölteppich. Zur bildlichen Aktualisierung des Märchens bei Jonas Lauströer

Unser AG-Mitglied Ben Dammers hat einen neuen Beitrag im dritten Band der Reihe Illustrators in Residence veröffentlicht. Der Sammelband wurde von Andrea Bartl, Ina Brendel-Kepser und Tobias Kurwinkel herausgegeben, ist dem Werk von Nadia Budde und Jonas Lauströer gewidmet und vereint fachwissenschaftliche sowie fachdidaktische Beiträge. Im Zentrum stehen biografische Perspektiven auf die Künstler:innen, Analysen ihrer Bild-Text-Kompositionen, Fragen der wissenschaftlichen Rezeption sowie Möglichkeiten der Einbindung ihrer Bilderbücher in den Unterricht. Ergänzt wird der Band durch visuelle, autopoetische Kommentare der Illustrator:innen.

Die Reihe ist Teil des gleichnamigen hochschulübergreifenden Lehr- und Forschungsprojekts, das in Ateliergesprächen mit Illustrator:innen Einblicke in künstlerische Schaffensprozesse ermöglicht und damit Verbindungen zwischen Wissenschaft, Kunst und Vermittlung herstellt.

Ben Dammers’ Beitrag trägt den Titel „Buttje im Ölteppich. Zur bildlichen Aktualisierung des Märchens bei Jonas Lauströer“. Darin untersucht er Jonas Lauströers Bilderbuchadaption Von dem Fischer und seiner Frau aus dem Jahr 2013, die auf Philipp Otto Runges Fassung des Märchens zurückgeht und von Renate Raecke nacherzählt wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Lauströers Bilder den tradierten Märchenstoff nicht nur illustrieren, sondern interpretierend aktualisieren.

Dammers zeigt, dass die Bildebene zentrale Gegenwartsbezüge herstellt, während der Verbaltext weitgehend in der Märchentradition verbleibt. Die Illustrationen zeichnen eine Entwicklung von vorindustrieller Küstenidylle zu urban-industriellen Strukturen nach: Müll, Autoreifen, Strommasten, Bahntrassen, Verkehrsstau, Ölteppiche und Atommüll verweisen zunehmend auf Umweltzerstörung und die Folgen zivilisatorischen Fortschritts. Die wachsende Gier Ilsebills wird so bildlich mit ökologischen Krisen, spätkapitalistischer Maßlosigkeit und der „großen Beschleunigung“ des Anthropozäns verknüpft.

Besonders deutlich wird diese Aktualisierung in der Farb- und Bildkomposition. Das Meer verdunkelt sich im Verlauf der Handlung, der Butt erscheint zunehmend geschädigt, und die Begegnungen zwischen Fischer und Fisch werden immer stärker von Verschmutzung und Bedrohung geprägt. Gleichzeitig arbeitet Lauströer mit interpiktorialen Verweisen, etwa auf Gustav Klimts Adele Bloch-Bauer I, und mit zeitgeschichtlichen Markern wie Lokomotiven, Automodellen oder dem Transrapid.

Der Beitrag macht zugleich auf die Ambivalenz der Adaption aufmerksam. Einerseits eröffnet Lauströers Bildsprache eine ökokritische Lesart des Märchens und zeigt, wie Bilderbücher tradierte Stoffe für gegenwärtige Diskurse produktiv machen können. Andererseits bleibt die Adaption in problematischen Rollenmustern verhaftet: Die Schuld an Maßlosigkeit und Zerstörung wird weiterhin stark auf die weibliche Figur Ilsebill projiziert, während der Fischer zunehmend als Opfer erscheint. Dammers arbeitet damit heraus, dass Märchenadaptionen nicht nur ästhetische Aktualisierungen leisten, sondern auch tradierte Zuschreibungen fortschreiben und kritisch befragbar machen.

Ben Dammers


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