Klasse und Komplexität im Einfachen: Der Sternsee

Kein Buch hat zuletzt derart in mir nachgehallt wie Der Sternsee von Will Gmehling und Jens Rassmus. Das ist keine leichtfertige Aussage, aber eine, die sich nach der Lektüre dieser schmalen Novelle mit zunehmender Überzeugung aufdrängt.

Eine unerhörte Begebenheit
Die Novelle beginnt mit einer meteorologischen Anomalie: Im Januar friert der titelgebende Sternsee zum ersten Mal zu. Was zunächst als vorübergehendes Phänomen gilt, erweist sich als etwas ganz anderes: „Die Leute sagten, das ist bald wieder vorbei, aber so war es nicht. Es kam ganz anders.” (DS, S. 11) Das Eis bleibt – auch als der Frühling kommt, auch in der Sommerhitze. Pizzabuden werden darauf aufgebaut, Reporter*innen rennen herum, Spezialist*innen aus aller Welt reisen an. Eine Erklärung gibt es nicht. Auch bei zehn Grad taut der See nicht wieder auf (vgl. DS, S. 18). Diese unerhörte Begebenheit ist klassisches Merkmal der epischen Kleinform Novelle und Gmehling nutzt sie, um einen Raum des Magischen Realismus zu öffnen (vgl. DS, S. 26): Das Wunderbare fügt sich ins Alltägliche, ohne es zu sprengen.

Ein literarischer Ort am Rand und doch mittendrin
Der Sternsee liegt am Rande einer Großstadt, eingekeilt zwischen Hochhäusern, und hat die Form eines Sterns. Er ist alles andere als eine idyllische Naturkulisse, und genau darin liegt seine Kraft als literarischer Ort. Einerseits stiftet er Identifikation und Stolz: „In der Siedlung war nicht viel los, ein Hochhaus stand neben dem anderen – der See aber machte, dass wir stolz waren auf unsere Gegend.” (DS, S. 3) Andererseits gehört zur Wahrheit des Ortes: „Am Sternsee gab es auch Ratten, vor denen fürchteten wir uns.” (DS, S. 9) Diese Ambivalenz durchzieht das gesamte Buch. Die Siedlung ist kein Sehnsuchtsort, aber sie ist ein echter Ort, der die Lebenswelt seiner Bewohner*innen abbildet, ohne sie zu verkitschen.

Armut ohne Determinismus
Besonders bemerkenswert ist der Umgang mit der sozialen Dimension der Figuren. Armut ist präsent – aber sie wird nicht benannt, sie zeigt sich. Beispielsweise darin, dass der Eintritt zu teuer ist (vgl. DS, S. 10), Schlittschuhe gebraucht für fünf Euro gekauft werden (vgl. DS, S. 14), der Schulranzen „ziemlich fertig” aussieht und „schon seit der ersten Klasse” (DS, S. 32) getragen wird oder die Siedlung schlecht an den ÖPNV angebunden ist (vgl. DS, S. 50). Diese Details werden gestreut, ohne dass sie kommentiert oder zur Botschaft aufgeblasen werden. Es wird nicht über ein Prekariat erzählt – es wird eine Geschichte entfaltet, in der Armut mitspielt; diese determiniert die Möglichkeiten und Gefühle der Figuren jedoch nicht a priori.

Ähnlich wird mit Gegenwartsthemen wie den Folgen des Klimawandels, der Entstehung von Verschwörungserzählungen oder der begrenzten Aufmerksamkeitsspanne für Unerhörtes verfahren (vgl. DS, S. 20f.; 31; 44). Auch die Differenzlinie Behinderung wird über den mutmaßlichen selektiven Mutismus der Figur Anastasia angedeutet (vgl. DS, S. 30; 44; 48). Die Themen tauchen auf, weil sie zur Lebenswelt Heranwachsender gehören, nicht weil sie vermittelt werden sollen. Das ist ein erheblicher Unterschied zu moralinsaurer Wertevermittlungsliteratur.

Vier Figuren, eine erste Liebe
Im Zentrum stehen vier Freunde: Sissi, Anastasia, Mo und der namenlose Ich-Erzähler. Der Text wird im Rückblick erzählt, eine Entscheidung, die dem Geschehen von Anfang an die Färbung des Erinnerten, Vergangenen und gleichzeitig Bedeutsamen verleiht. Die eigentliche Sensation am Ufer des Sternsees ist (k)eine weltbewegende: Es ist die erste Liebe zwischen Sissi und dem Ich-Erzähler. Und sie entfaltet sich als gegenläufiges Erzählen: Das Eis schmilzt, die Liebe entsteht (vgl. DS, S. 44ff.) – und parallel dazu findet Anastasia ihre Sprache (vgl. DS, S. 48). Beides sind Schwellenerfahrungen. Der Reiher als zentrales Dingsymbol fügt sich in diese Schwellenmotivik ein: Der Wechsel seines Gefieders lässt sich als Übergang der vier Protagonist*innen vom Kindes- ins Jugendalter lesen (vgl. DS, S. 48f.). Der Übertritt vollzieht sich hier jedoch nicht in einem einzigen Moment, sondern in mehreren, aufeinander bezogenen Bewegungen.

Das zeigt sich auch darin, wie der Text seine Leser*innen führt, oder vielmehr: wie er es nicht tut. Informationen liegen mal mehr, mal weniger nah beieinander; Kohärenzen müssen über kleinere und größere Abstände hinweg selbst gebildet werden. Als erstmals ein Kratzen vom See zu hören ist (vgl. DS, S. 30), wird erst sieben Seiten später klar, dass anscheinend nur die vier Kinder es wahrgenommen haben (vgl. DS, S. 37).

Text und Bild – Bild und Text
Die Textebene ist reduziert, jedes Wort hat Gewicht und es wird ohne Umwege direkt erzählt – alles in eher parataktischen Satzstrukturen. Diese Schlichtheit ist keine Armut, sondern eine Entscheidung. Maria Lypp hat gezeigt, dass Einfachheit in der Kinderliteratur kein Defizit ist, sondern ein ästhetisches Prinzip: Reduktion erzeugt Verdichtung, knappe Sprache schafft Leerstellen, die Leser*innen zur aktiven Bedeutungsbildung einladen (vgl. Lypp 1984). Der Sternsee ist dafür ein mustergültiges Beispiel. Denn so zugänglich die sprachliche Gestaltung wirkt, so anspruchsvoll ist das, was sie von Leser*innen verlangt: Die Erzählung eröffnet Deutungsräume, ohne sie aufzulösen, und setzt darauf, dass diese aktiv gefüllt werden.

Die Bildebene ergänzt das nicht bloß illustrativ. Ein Mix aus blau-grauen und schwarz-weißen Illustrationen ästhetisiert das Geschehen auf eigene Weise, etwa wenn der namenlose Ich-Erzähler mit einem Lächeln im Gesicht aus seinem Fenster auf den See hinablickt (vgl. DS, S. 4f.) oder die Bildebene doppelseitig das Erzählen vollständig übernimmt (vgl. DS, S. 12f. [siehe Foto]; 40f.). Insgesamt ist der Text reich bebildert, sodass der Bildebene bei der Bedeutungsgenese erhebliches Gewicht zukommt. Auf diese kann hier jedoch nicht ausführlicher eingegangen werden.

Fazit
Der Sternsee ist ein Buch, das zeigt, was literarisches Schreiben für junge Leser*innen leisten kann: Es erzählt ohne Didaktisierungsdrang von Dingen, die die Zielgruppe wirklich betreffen, und hält dabei formal und ästhetisch einem hohen Anspruch stand. Gerade an diesem schmalen Band zeigt sich, dass Zugänglichkeit und Komplexität in der Kinderliteratur kein Widerspruch sind – sondern einander bedingen können. Für den Unterricht der Klassen 5 bis 7 empfiehlt sich aufgrund von Umfang, Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit im Anschluss an die Rezeption (ggf. der einzelnen Kapitel) insbesondere ein gemeinsames offenes literarisches Gespräch.

Dass das Buch bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat, darunter den JahresLUCHS 2025 und die Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026, ist vollkommen verdient. Wer sich anhand einer Leseprobe von der Qualität überzeugen möchte, findet die ersten beiden Kapitel vollständig hier:

Rezension: Marc Kudlowski
Beitragsbild: Laureen Zimmermann

Bibliografische Angaben: Will Gmehling & Jens Rassmus: Der Sternsee. Gebunden, mit zweifarbigen Illustrationen, 56 Seiten, € 14,00.