Hast du den Farbfilm vergessen?

Zur Farbigkeit des Bilderbuchs in Ost und West

Die diesjährige Tagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung in Berlin widmete sich dem Thema „Farbwelten“. AG-Mitglied Ben Dammers hielt einen Vortrag über die digitale Analyse der Farbigkeit von Bilderbüchern. In einem Pilotprojekt mit Felix Giesa von der Universität Frankfurt wurde eine Stichprobe von 400 Bilderbüchern aus 40 Jahren DDR und BRD computergestützt in ihrer Farbigkeit verglichen.

In einem Kommentar zu ihrem im Beitragstitel zitierten Schlager spricht Nina Hagen über den Subtext des DDR-Hits: „Der Farbfilm atmet im Hintergrund das giftige Grau von Bitterfeld und die Tristesse von Leipzig; […] es spielt im Milieu einer irren Sehnsucht danach, dieser Schwarzweißwelt zu entfliehen, hin zu Orten voll Farbe und Licht.“ (Hagen 2010) Hagens Assoziation vom Leben in der DDR mit der Farbe Grau ist kein Einzelfall. Die städtebauliche Vereinheitlichung und die Mangelwirtschaft scheinen (zumindest retrospektiv) auch mit Mangel an Farbsättigung verknüpft (zum Wandel der Darstellung des grauen DDR-Alltags in Bildender Kunst und Fotografie vgl. auch Bernhardt 2017), die konsumorientierte Überflussgesellschaft des Westens hingegen mit dem Überfluss an Farbe; die Werbeindustrie mag hier ein gutes Beispiel für die Kopplung kapitalistischer Absichten mit hoher Farbsättigung sein. Und schließlich betraf auch die staatliche Kontrolle des Kulturbetriebs in der DDR formalästhetische Aspekte (für die Bildende Kunst vgl. Rosenthal 2022; für das Feld der KJL Bode 2006 sowie Schmideler 2018). Dem sind dezentral-latente Selektionsprozesse in der BRD entgegenzustellen, die eher auf Marktlogiken des Feldes beruhen (vgl. Fischer/Giesecke 2005; Hoffmann 2018).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich die drei genannten Aspekte (städtebauliche Realitäten, materielle Verfügbarkeit und systematische Kontrollinstanzen) in der Farbästhetik des Bilderbuchs niederschlagen. Hier setzt das Pilotprojekt der Universitäten Frankfurt und Köln an. Das Projekt betrachtet dazu Bilderbuchvorderdeckel, die in ihrem Status als „Aushängeschild“ (Dammers 2024) metonymisch die Bildästhetik des Buches repräsentieren. Es wurde eine randomisierte Stichprobe aus je 50 Titeln pro Stratum (Ost/West, 4 Jahrzehnte) gezogen. Das gesamte Korpus umfasst also 400 Titel. Die Farbanalyse der Vorderdeckel erfolgte computergestützt und sowohl im Quer- (Vergleich DDR/BRD) als auch im Längsschnitt (Vergleich Jahrzehnte). Der Beitrag zielt einerseits darauf ab, die konkrete inhaltliche Forschungsfrage nach farblichen Unterschieden der beiden Teilkorpora zu beantworten und Hypothesen zu den Ursachen zu formulieren, andererseits aber auch einen exemplarischen Beitrag zur Methodenerweiterung der Kinder- und Jugendliteraturforschung hin zu Methoden der Digital Humanities zu leisten.

Ben Dammers & Felix Giesa