Im Mittelpunkt des Comics „Die kleinen Königinnen“ (OT: Les petites reines) stehen die Diskriminierungserfahrungen jugendlicher Mädchen und ihr Widerstand auf zwei Rädern. Konkret wird von Mireille, Astrid und Hakima erzählt, die durch eine auf Social Media durchgeführte schulische ‚Wurstwahl‘ öffentlich herabgewürdigt werden. Abgesehen von der sie verbindenden Auszeichnung als Wurst des Jahres unterscheiden sich die Mädchenfiguren deutlich hinsichtlich Charakter, sozialem Hintergrund und familiärer Einbettung. Als sie aus entsprechend unterschiedlichen Gründen auf die Idee kommen, gemeinsam mit Fahrrad und Würstchenwagen nach Paris zu fahren, kommt als erwachsene Aufsichtsperson noch Hakimas Bruder Kader hinzu, der nach einem Auslandseinsatz im Rollstuhl sitzt und als männliche Figur mit körperlicher Beeinträchtigung eine weitere Diskursebene eröffnet. Diskriminierung erscheint dadurch nicht eindimensional, sondern als komplexes gesellschaftliches Gefüge, das verschiedene Diversitätskategorien wie Geschlecht, Behinderung oder Sprache berührt. Entscheidend ist, dass die damit verbundenen Themen wie Körpernormen, Othering oder Gewalt in ihrer Schwere für das jeweilige Individuum gezeigt und gehalten werden. So verzichtet der Comic auf eindimensionale Lösungen und fordert Leser:innen stattdessen zur eigenen Positionierung heraus.
Dass die Protagonist:innen diskriminierende Strukturen nicht unmittelbar verändern können, sondern häufig Strategien der Anpassung oder Umdeutung wählen, lässt sich sowohl empowernd als auch kritisch lesen. Gerade diese Offenheit erlaubt es, im Unterricht grundlegende Fragen nach individueller Bewältigung und struktureller Verantwortung zu verhandeln. Aber auch problematische Elemente der Erzählung – etwa die stark typisierte Antagonistenfigur Malo oder die rasche Auflösung eines körperlichen Übergriffs – bieten Anlass zur Diskussion über Plausibilität, Klischees und Grenzen der Zumutbarkeit. In diesem Zusammenhang kann auch das Spannungsverhältnis zwischen dem leichten Strich auf der discours– und dem schweren Gehalt auf der histoire-Ebene zur Sprache kommen oder die Romanvorlage „Die Königinnen der Würstchen“ medienvergleichend herangezogen werden. Wer neugierig geworden ist, kann Weiteres – auch zu den Möglichkeiten der unterrichtlichen Inszenierung – in der aktuellen Folge #35 der Bremer Bilderbuch-Gespräche hören.
Marc Kudlowski

