Sara Stridsberg & Sara Lundberg: Tauchsommer

Tauchsommer von Sara Stridsberg (Text) und Sara Lundberg (Bild) ist ein eindrucksvolles Bilderbuch, das die kindliche Perspektive auf Depression einfängt und den Fokus nicht auf Erklärung, sondern auf Erfahrung legt. Die Geschichte um Zoe, deren Vater in einer psychiatrischen Klinik ist, weil er nicht mehr leben möchte, wird aus ihrer Sicht erzählt – fragend, tastend und berührend ehrlich. Besonders hervorzuheben ist die Verweigerung einer simplen Metaphorik: Die brüchige Bildsprache („[S]eine Flügel sind ohnehin zu groß geworden, um noch fliegen zu können.“) macht die Krankheit als etwas Unerklärliches zugänglich.
Zoes Beziehung zur Patientin Sabina gewinnt zunehmend an emotionaler Bedeutung und gibt ihr Halt. Sie taucht mit ihr in eine imaginäre Welt ab, die hilft, das reale Leid zu verarbeiten. Die Bildästhetik ist widerborstig im besten Sinne: ungewohnte Perspektiven, surreale Formen und kraftvolle Farben laden zum genauen Hinschauen ein. Das Buch vermeidet einfache Heilungsnarrative und bricht bewusst mit der Jahreszeitenmetaphorik, indem es zyklisches Erleben statt endgültiger Besserung zeigt. Die Erwachsenenfiguren – besonders die lesende, emotional abwesende Mutter – stehen im Kontrast zu Sabina, die als ehrliche und ‚ver-rückte‘ Bezugsperson fungiert. Für den Literaturunterricht bietet „Tauchsommer“ großes Potenzial: Es eignet sich, um ‚Mental Health Literacy‘ zu fördern – also um mithilfe von Bilderbüchern sich psychischen Belastungen zu nähern (vgl. Hollerweger/Kudlowski 2024).

Marc Kudlowski