Ein Lied fürs Leid – Nicolas Stemanns „Corona-Passionsspiele“

#Takeover #Kulturquarantäne #Corona-Passionsspiele

Von Hans Bonhage

Es war die Pest, die 1633 in einem bayerischen Dorf für zahlreiche Todesfälle verantwortlich war, woraufhin die Bewohner*innen schwuren, regelmäßig ein Passionsspiel aufzuführen, wenn das Dorf von der Plage befreit würde – so der Gründungsmythos der berühmten Oberammergauer Passionsspiele, die seitdem einmal im Jahrzehnt stattfinden. Knapp 400 Jahre später kämpft die Welt mit der Corona-Pandemie und Nicolas Stemann ist einer von vielen Theaterschaffenden, die in ihrer Auseinandersetzung mit dieser Krankheit Parallelen zu Epidemien der Vergangenheit ziehen. Daraus entstand bei Stemann die Idee zu einem „Corona-Passionsspiel“, das als „virtuelles work-in-progress“ auf die sich rasend schnell ändernden Themen und Diskurse der gegenwärtigen Krise reagiert und diese lustvoll kommentiert.

Seit Ende März werden in kurzen, unregelmäßigen Abständen drei- bis vierminütige (Musik-)Videos veröffentlicht, in denen musical-artig – zwischen Schauspiel, Gesang und Tanz – Corona-Thematiken behandelt werden. Stemann schreibt, komponiert und inszeniert diese Videos in Zusammenarbeit mit der Video­künstlerin Emma Lou Herrmann und dem Ensemble des Schauspielhaus Zürich. Die Videos sind dabei oft voller Ironie und durchzogen von einer Absurdität, wie sie uns allen seit einigen Monaten sehr bekannt vorkommt.  Etwa, wenn in einem Video der Schauspieler Sebastian Rudolph auf einem Platz in Zürich steht und Goethes Osterspaziergang rezitiert, in dem von „des Dorfs Getümmel“ die Rede ist – bevor zum Ende des Videos sichtbar wird, dass er sich allein auf dem ansonsten menschenleeren Platz befindet.

Musikalisch reicht das Spektrum vom Liebeslied über ein Michael-Jackson-Cover bis hin zu einem elektronischen Stück à la Kraftwerk, inhaltlich werden die Clips bestimmt von den öffentlichen Diskursen der vergangenen Wochen und Monate: Es geht zunächst um das Kleinreden des Virus – China ist weit weg, was geht mich das an? –, dann um die Quarantäne, das Allein-Zuhause-Sein, die Omnipräsenz des Internets, Zoom-Probleme, die Sehnsucht nach Gesellschaft, Liebe und Beziehung auf Distanz. Die Viren tauchen als Figuren ebenso auf wie die besonders gefährdeten Großeltern, die Verschwörungstheoretiker*innen auf Anti-Corona-Demos – und Jesus. Die „solidarische“ Unterstützung für Luftfahrt, Automobilindustrie, Fußball-Bundesliga oder Baumärkte findet genauso Erwähnung wie die fehlende Unterstützung für ohnehin schon prekär lebende Künstler*innen. Auch auf visueller Ebene bleiben die Videos abwechslungsreich und vielfältig, die Ästhetiken reichen von einer Found-Footage-Montage bis zum Musikvideo, bei einigen Videos steht eine Narration im Vordergrund, bei anderen die Performance. Dabei gelingt es, Verzweiflung und Hilflosigkeit, die während der Pandemie wohl jede*r an irgendeinem Punkt empfunden hat, humorvoll und höchst unterhaltsam darzustellen.

Zu Beginn der Arbeit am Passionsspiel war noch nicht klar, ob es in der gegenwärtigen Situation je zu einer Aufführung im klassischen Sinne, d.h. auf einer Theaterbühne, kommen würde. So gibt es keine kohärente Handlung, keine übergreifende Dramaturgie. Vielmehr stellen die Videos kleine Versatzstücke dar, die gleichzeitig eine Chronik der Pandemie und eine Chronik der Entstehung einer Theaterarbeit über die Pandemie sind. Als Zuschauer*in kann man den kreativen Schaffensprozess ebenso „live“ mitverfolgen wie die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, die direkte Auswirkungen auf die Produktionsbedingungen haben: Während sich zu Beginn nur einzelne Darsteller*innen in einem Raum befinden und sich selbst filmen, kommt es nach und nach zu mehr menschlichem Kontakt, in den letzten Folgen befinden sich dann bereits mehrere Personen im selben Raum.

Mittlerweile ist es durch die Lockerung der Maßnahmen sogar wieder möglich, Theater auf einer Bühne vor Publikum zu spielen und die Corona-Passionsspiele werden am kommenden Wochenende (26.06. und 27.06.) in Zürich aufgeführt. Es wäre sicher spannend, zu sehen, welche Formen und Inhalte es aus den Videos auf die Bühne schaffen. Aber dieses Videotagebuch der Corona-Passionsspiele sei auch allen, die nicht die Möglichkeit haben, für die Aufführung nach Zürich zu fahren, ans Herz gelegt, weil es das absurde, ironische, kreative Potential des Theaters feiert. Die „Corona-Passionsspiele“ finden ein analoges Happy (?) End – übrigens ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Oberammergauer Passionsspiele coronabedingt ausfallen müssen.

https://neu.schauspielhaus.ch/de/journal/18106/corona-passionsspiel

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