„Die Pest“ 2020 – Der Augenblick des Nachdenkens

#Takeover #Kulturquarantäne #DiePest

von Helena Baur

Wie viele andere präsentiert sich auch das Theater Oberhausen nicht untätig in Zeiten von Corona und lädt mit der Miniserie „Die Pest“ zu einer fast schon historisch anmutenden Reflexion der aktuellen Situation ein. Aber so sehr es auch um die globale Pandemie zu gehen scheint, so kommt doch an keiner einzigen Stelle das Wort „Corona“ vor – und vielleicht macht gerade das den Charme dieses Formats aus …

„Die Idee zu diesem Projekt entstand nach der Schließung der Theater Ende März 2020. Die Beteiligten haben sich nie getroffen.“

„Die Pest“ ist eine Miniserie des für sein filmisches Interesse bekannten Regisseurs Bert Zander auf Grundlage des gleichnamigen Textes von Albert Camus. Die Episoden wurden nacheinander jeden Samstag im Mai in der 3sat-Mediathek zur Verfügung gestellt und sind dort noch bis November abrufbar. Verglichen mit den bei digitalen Theaterproduktionen oft angetroffenen „für 24 Stunden verfügbar“ findet damit hier keine digitale Nachahmung der Flüchtigkeit des Theatererlebnisses statt. Dies ist nur einer der Aspekte, der „Die Pest“ von der Flut kurzfristiger Corona-Theaterkunst im Netz hervorhebt.

Inhaltlich wurde in das Gerüst, das durch Camus‘ Textvorlage besteht, kaum eingegriffen. Die Figuren berichten von toten Ratten, Mutmaßungen über den Ausbruch der Pest, toten Menschen, Ausgangsbeschränkungen und der Suche nach einem Impfstoff. Familien können bei den Beerdigungen ihrer Verwandten nicht dabei sein, Liebende sind durch Abriegelung der Grenzen voneinander getrennt, Menschen verlangen nach Nähe – und wer jetzt gedanklich noch bei der Pest ist, muss wohl seit einigen Monaten auf einer einsamen Insel gelebt haben. Die Pest ist sicher nicht gleichzusetzen mit der aktuellen Covid19-Pandemie, doch ist es geradezu unheimlich, wie sehr einzelne Sätze exakt in unsere gegenwärtige Lebenswelt übertragbar sind. „Die Pest“ muss sich um Aktualitätsbezüge keine Sorgen machen – wenn man hier Camus‘ Worte hört, ist der Realitätsbezug so stark, dass man mehr hineinliest als das, was eigentlich ausgesagt wird.

Die Ästhetik treibt die gegenwärtigen, unter Umständen geisterhaften Zustände innovativ auf die Spitze. Wer das eine oder andere digitale Theaterprojekt der vergangenen Wochen verfolgt hat, ist vermutlich auch Zeuge verschiedener Split-Screen-Optiken geworden. Dessen mittlerweile zunehmend überdrüssig, ist das, was Bert Zander hier inszeniert, für das „ausgeZOOMte“ Publikum eine Erfrischung. Wortwörtlich. Denn gefilmt wurde vor allem draußen, außerhalb der eingesessenen eigenen vier Wände. Durch Videoprojektionen entstehen auf Häuserwänden, in Straßenecken und auf Litfaßsäulen Szenen, die durch geschickte Montage echte Interaktionen zwischen den Darsteller*innen suggerieren. Durch den optischen Verfremdungseffekt wirken die Menschengestalten, die über die Bildfläche huschen, mal geisterhaft, mal erschreckend lebendig.

Neben den Schauspieler*innen des Oberhausener Ensembles wirkten bei dieser Produktion etwa 60 Bürger*innen aus Oberhausen und Umgebung mit. Einem Aufruf des Theaters folgend, wurden in Video-Konferenzen kurze Ausschnitte produziert, die auf geschlossene Fensterjalousien projiziert als Erzählmomente funktionieren. Alle erzählen die Geschichte mit. Denn alle sind von der Situation betroffen. Damit nimmt sich Bert Zander hier einer Forderung an, die schon seit Jahren laut wird: Partizipation. Auch wenn wir nicht vor Ort im Theatersaal in Oberhausen sein können, so gelingt es durch Aufnahmen Oberhausener Straßen und Häuserreihen und Einbezug der Bürger*innen die Produktion im Digitalen trotzdem räumlich zu verorten.

Am 30.5. wurde die fünfte und letzte Episode hochgeladen. Sie entlässt das Publikum mit Bildern einer Welt, die sich langsam von der Pest erholt, in eine Welt, die sich sehr langsam von Corona erholt. Es sind magische Momente, wenn aus den auf Häuserwände geworfenen Projektionen plötzlich echte Menschen werden, die lebendig aus dem Bild gehen, einen Blick zurück auf ihren verblassenden Schatten werfen und dann verschwinden. Albert Camus‘ Philosophie verlangt nach der Annahme des Absurden, um nach einem Sinn für das Leben suchen zu können. Zander nimmt sich hier der scheinbar absurden Aufgabe an, ein kollektives Theatererlebnis zu schaffen, ohne dass sich Menschen real begegnen können. Und das sehr gelungen, wie ich finde. Gerade diese Produktion wirkt nicht wie ein hilfloses Übergangsprodukt oder eine künstlerische Corona-Beschäftigungstherapie trotz oder gerade durch den Einbezug der Bürger*innen, sondern entpuppt sich als eine ästhetisch innovative Umsetzung unserer aktuellen Lebensrealität.

„Die Pest“ lädt zu einem generellen Innehalten ein. In Episode 2 heißt es gegen Ende: „Ihr habt es verdient. Wenn Euch also heute die Pest anschaut, so deshalb, weil der Augenblick des Nachdenkens gekommen ist.“

https://www.die-pest.de/

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