Von singenden und kreischenden Tieren

von Ellen Uber

In seinem Buch der Klänge geht der Akustiker Trevor Cox unter anderem der Frage nach, ob die Geräusche der Natur für uns Menschen immer so angenehm sind, wie es allgemein behauptet wird. Dass die Wahrnehmung der Natur heilende Wirkung hat, wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen. So genesen beispielsweise Patienten nach einer Operation schneller, wenn das Krankenhausfenster den Blick auf Naturlandschaften freigibt. Auch Stress und mentale Erschöpfung werden deutlich schneller abgebaut, sobald sich die Betroffenen in der Natur aufhalten oder gar nur Bilder von ihr betrachten.

Zur Frage, warum die Natur so heilsam wirkt, gibt es aktuell drei Theorien. Die erste benennt evolutionäre Gründe. Anscheinend assoziieren wir mit der grünen Natur fruchtbare Lebensräume, in denen sich ausreichend Nahrung finden lässt. Die zweite vermutet psychologische Ursachen, da die Natur uns vor zu viel Beschäftigung mit uns selbst und daher vor negativen Gedanken bewahrt. Zugleich wird uns vermittelt, Teil von etwas Größerem zu sein. Die dritte Theorie besagt, dass die Natur eine sanfte Faszination auf uns ausübt. Dieser zu erliegen erfordert zwar eine gewisse Aufmerksamkeit, doch der Lohn dafür ist ein Gefühl von Ruhe, zum Beispiel beim Beobachten vorbeiziehender Wolken oder eines Sonnenuntergangs.

Wie genau die akustischen Signale aus der Natur auf uns wirken, und was insbesondere die als unschön empfundenen Geräusche mit uns machen, darüber wurde bisher erst wenig geforscht. Der schwedische Psychologe Jesper Alvarsson und sein Team untersuchten die Auswirkungen von Naturgeräuschen auf die Konzentrationsfähigkeit. Sie bereiteten einer Reihe von Versuchsteilnehmern mentalen Stress, indem sie ihnen schwere Rechenaufgaben stellten. Dabei spielten sie einer Probandengruppe Aufnahmen von sprudelnden Quellen und Vogelgezwitscher vor, während die zweite Gruppe Verkehrslärm ausgesetzt wurde. Das Experiment lieferte keine verallgemeinerbaren Ergebnisse. Allerdings konnte festgestellt werden, dass sich die Reproduktion von Vogelgesang und Wassergeräuschen tendenziell positiv auf die Stressresistenz der Testpersonen auswirkte. Wie es sich aber mit invasiveren Naturlauten verhält, ist damit noch nicht erklärt.

Als Beispiel für vergleichsweise laute Geräusche der Natur nennt Cox unter anderem das Zirpen von Zikaden. Er erinnert sich daran, als Kind stets darüber verwundert gewesen zu sein, wie die Cowboys in Westernfilmen beim Lärmen der Tierchen überhaupt schlafen konnten. Mit dieser Frage konfrontiert er den oscarprämierten Tonmischer und Sound Designer Myron Nettinga. Dieser erklärt ihm, dass die Zikaden im mittleren Westen der USA tatsächlich ausnehmend laut sind. Bei der Platzierung von Insektenklängen auf der Filmtonspur wird – wie in allen Bereichen der filmischen Klanggestaltung – jedoch gewaltig getrickst. Für dialoglastige Westernszenen, zum Beispiel am Lagerfeuer, verwendet man eher ein sanftes Zirpen, wohingegen bei einem nächtlichen Überfall unruhige Zikaden zu hören sind, um die Anspannung der Szene besser auf den Zuschauer übertragen zu können.

Ihre Geräusche erzeugen die Zikaden übrigens durch die sogenannte Stridulation, d. h. durch das Aneinanderreiben zweier beweglicher Körperteile, meistens der Flügel. Darauf sind raue Schrillflächen angebracht, die in etwa wie ein Sägeblatt aussehen. Je schneller die Stridulation erfolgt, desto höher klingt der Ton. In der Regel wird ein Zahn der Schrillkante des einen Flügels zweimal pro Millisekunde von der Schrillfläche des anderen Flügels getroffen, was einer Frequenz von ca. 2.000 Hertz entspricht, also ungefähr der Tonhöhe, auf der wir pfeifen. Die Stridulation an sich ist nicht besonders laut. Jeder kleine Impuls regt jedoch Teile des Flügels zur Resonanz an, was den Klang verstärkt. Dieses Prinzip wird auch beim Instrumentenbau angewendet. So werden bei einer Geige die Saiten mit dem Bogen in Schwingung versetzt. Der dabei erzeugte Ton ist zwar relativ leise, wird aber über den Steg auf den Resonanzkörper (den Holzkorpus) übertragen, der eine größere Oberfläche hat und dadurch einen viel lauteren Klang von sich gibt.

In den weniger bewohnten Gebieten des US-Bundesstaates Maryland lassen sich alle 17 Jahre Schalldruckpegel von bis zu 90 Dezibel messen, da 17-Jahres-Zikaden in Massen schlüpfen und sich in den Bäumen sammeln. Die Höchstgrenze für Lärmbelästigung am Arbeitsplatz ist damit bereits überschritten. Zum Vergleich: In diesem Dezibelbereich bewegen sich Motorsägen und vorbeifahrende Lastwagen. Eine weitere, afrikanische Zikadenart gilt als das lauteste Tier der Welt und erreicht selbst bei einem Meter Distanz noch eine Lautstärke von 101 Dezibel, was dem Rattern eines Presslufthammers gleicht.

Selbst vermeintlich stille Unterwasserwelten können von Lärm erfüllt sein. Auch hier erzeugen Tiere Geräusche durch Stridulation. Das im Verhältnis zu seiner Körpergröße lauteste Wassertier ist die Ruderwanze. Dieses nur wenige Millimeter lange Tierchen ist selbst vom Ufer noch zu hören. Da das Insekt die Schrillkante auf seinem Penis trägt und diesen zur Geräuscherzeugung an sein Hinterteil reibt, ist die Ruderwanze eines der wenigen Kleinlebewesen, die es in die Regenbogenpresse geschafft haben. Manche Ruderwarzen benutzen Luftblasen als Resonanzkörper, da sie diese zur Atmung mit sich führen. Weil die Luftblase mit der Zeit kleiner wird, steigt ihre Resonanzfrequenz, und die Wanze muss schneller stridulieren, um die gleiche Tonhöhe zu halten. Knallkrebse nutzen ebenfalls Luftblasen zur Geräuschproduktion. Große Kolonien von Knallkrebsen klingen wie ein knisterndes Feuer. Diese permanente Geräuschkulisse störte schon im Zweiten Weltkrieg die Ortung feindlicher U-Boote, weshalb Militärs weltweit seit geraumer Zeit an diesem Phänomen forschen.

Doch warum machen recht kleine Tiere überhaupt solch einen Lärm? Schließlich ziehen Chöre von Zikaden und Krebsen, aber auch von Fröschen, Vögeln und anderen Tieren zunächst einmal mehr Fressfeinde an. Dennoch verringert sich in der Gruppe rein statistisch für jedes Exemplar die Gefahr, einem Feind zum Opfer zu fallen. Vor allem aber weckt das gemeinschaftliche Lärmen die Aufmerksamkeit der Weibchen. Letztere vermögen anhand der Rufe auf die Gesundheit der Männchen zu schließen, da für die Geräuscherzeugung mühsame Muskelkontraktionen erforderlich sind. Hierbei gilt: Je lauter der Ruf, desto fitter und geeigneter für die Paarung erscheint das Männchen.

In einem Park mitten in Hongkong macht Cox die Erfahrung, dass das zuvor kontinuierliche Quaken der Frösche schlagartig verstummt, als er ihnen zu nahe kommt. Durch die sich ausbreitende Stille unter den Tieren signalisieren sie sich gegenseitig potenzielle Bedrohungen. Der Kommunikationstrainer Julian Treasure vermutet, dass Vogelgesang auf die meisten Menschen deshalb so beruhigend wirkt, weil wir im Laufe der Evolution gelernt haben, dass alles in Ordnung ist, wenn wir die Vögel zwitschern hören. Erst ihr Verstummen kann das Herannahen eines Feindes indizieren. Wissenschaftlich überprüft wurde diese Hypothese allerdings noch nicht. Da Menschen mittlerweile keine natürlichen Feinde mehr haben, könnte es sein, dass diese Funktion des Vogelgesangs nach und nach an Bedeutung verloren hat (bis hin zur Tatsache, dass manche Individuen Singvögel als lästig empfinden). Doch auch kulturelle Faktoren haben Einfluss darauf, wie wir ein akustisches Signal bewerten. In China und Japan werden Grillen als Haustiere gehalten, weil ihr Zirpen dort als schön gilt.

Generell werden jene Naturlaute als angenehm empfunden, die man mit positiven Erinnerungen verbindet, wie etwa kreischende Möwen und brechende Wellen, die wir einst im Urlaub an der Küste gehört haben. Die Geräusche erinnern uns bald bewusst, bald unbewusst an entspannte und sorglose Zeiten und versetzen uns dadurch wieder in die gleiche Gefühlslage, in der wir uns früher befunden haben. Gleiches gilt für Geräusche, die wir als negativ wahrnehmen. Klänge, die man vermehrt in Lebenskrisen hört, beurteilt man im Nachhinein als unangenehm, auch wenn man sich den Zusammenhang häufig nicht erklären kann, weil die konkrete Erinnerung an das Geräusch verblasst ist.

Verwendete Quelle: Trevor Cox, Das Buch der Klänge. Eine Reise zu den akustischen Wundern der Welt, Heidelberg 2015, S.103-140.

Kommentare sind geschlossen.