Fotosticker trotz Social Media: purikura als high-tech-Nostalgie

Jirka Matousek, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Nostalgie liegt zweifelsohne im Trend, auch wenn schneller werdende Trendzyklen nicht mehr klar erkennen lassen, ob es sich nun um ein Revival der 1980er, 1990er oder gleich der Y2K-Ära handelt. Auch am Bereich der Fotografie geht das nicht vorbei: Anstelle von super-hochauflösendem, gestochen scharfem Bildmaterial oder KI-generierter, künstlicher Perfektion setzen zahlreiche Werbe-Shoots bewusst auf unperfekte Resultate durch den Einsatz von Instant-Fotos oder alten Camcordern.

Dieser Aufwand mag sinnvoll sein, wenn ein Publikum angesprochen werden soll, das diese Zeit selbst miterlebt, die Produkte vielleicht sogar selbst genutzt hat. Aber wieso scheint es auch, wenn nicht sogar insbesondere, für Zielgruppen zu funktionieren, die eigentlich viel zu jung dafür sind?

Tom Page, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Popkultur-Analysen sprechen gerne den Aspekt der Authentizität an, der aber besonders schwer greifbar scheint: Woran sollen Aufnahmen von Heimvideo-Camcordern eine Person, die zu deren Einsatzzeit gerade erst oder noch lange nicht geboren war, erinnern? Hinweise kann interessanterweise ein Fotoautomat liefern, welcher nie für seine besonders lebensgetreuen Fotos bekannt war. Purikura-Fotoautomaten (kurz für purinto kurabu), die nicht auf Pass- oder Bewerbungsbilder ausgelegt sind, sondern meist mit mehreren Personen gemachte Aufnahmen editieren und auf kleine Sticker drucken können, sind seit Mitte der 1990er Jahre ein fester Bestandteil von Gamecentern und anderen Freizeiteinrichtungen in Japan.

Michael Ocampo from United States, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Grundlage für die Idee war ein Fotografie-Trend, der in den 1990er Jahren Verbreitung fand: Fotografinnen wie Hiromix hielten scheinbar belanglose Situationen ihres Alltags fest, machten in diesem Zuge auch Gruppenfotos und Selfies und dokumentierten so in Eigenregie ihren Lebensstil. Wichtiger als das perfekte Bild war hier die (gefühlte) Echtheit der Aufnahmen. Auch Lifestyle-Magazine erkannten den Trend und gaben ihm beispielsweise in Form von Partyfotos oder von den Models gemachten Behind-the-scenes-Bildern eine Bühne. Der Hersteller Fujifilm bot reihenweise Sondermodelle seiner Polaroid-Sofortbildkamera an, die beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem für seine Charaktere wie Hello Kitty und My Melody bekannten Marketinggiganten Sanrio speziell bei jungen Frauen vermarktet wurden. Sofortbilder hatten den Vorteil, dass man das physische Foto vor Ort, gegebenenfalls auch kollaborativ, bemalen und beschreiben konnte – eine weitere Möglichkeit des Selbstausdrucks. Ein beliebtes Format war hierbei die Mini-Variante instax, auch cheki (チェキ) genannt, das bis heute von Pop-Idols oder Visual kei-Künstler*innen als eine Art Autogrammkarte genutzt wird.

Die ersten purikura-Maschinen griffen den Aspekt der Personalisierung auf, indem sie fertige Foto-Rahmen mit Illustrationen anboten, die sie von reinen Passbildautomaten unterschieden. Eine weitere Besonderheit war, dass die kleinen Bilder selbstklebende Sticker waren, nutzbar zur Erweiterung der eigenen Stickersammlung oder als Dekoration auf persönlichen Gegenständen wie Pagern oder Handys. Eingeführt wurde das Konzept von Atlus in Kooperation mit Sega im Jahr 1995. Zu den Aufstellorten zählten neben Touristenattraktionen vor allem Spielhallen – eine Werbe-Aktion mit der Boyband SMAP in deren Fernsehsendung sorgte für die nötige Bekanntheit und zog die gewünschte weibliche Zielgruppe an diese vormals männlich dominierten Vergnügungsorte.

Brian Adler 11/11, 12 July 2007 (UTC), Public domain, via Wikimedia Commons

Die Entwicklung hin zu Touchscreens in den frühen 2000ern erlaubte dann schließlich eine direkte Kopie der auf Sofortbildern beliebten rakugaki (落書き, Kritzeleien) auf digitale Art. So konnten die Nutzer*innen ihre Namen, das Datum oder weitere relevante Details von Hand hinzufügen. Schnell kamen auch vorgefertigte digitale Stempel hinzu, mit denen sich beispielsweise das aktuelle Datum oder beliebte Kommentare einfacher aufbringen ließen.

Einen weiteren wichtigen Schritt machten purikura mit neuen Bildbearbeitungsfunktionen: Nun konnten beispielsweise Augen oder Haut den eigenen Vorlieben und Vorstellungen entsprechend verändert werden. Orientierungspunkte waren hier neben Schönheitsidealen wie einer reinen, hellen Haut auch Makeup-Trends: Die Beliebtheit von falschen Wimpern für gyaru-Looks der 2010er Jahre wurde beispielsweise von den Betreiberfirmen schnell erfasst. Sie entwickelten Auswahlmöglichkeiten für verschiedene Wimpern-Styles, die den Fotos digital hinzugefügt werden konnten – von glamourös bis Twiggy-Look, alles konnte entsprechend des eigenen (Wunsch)Stils personalisiert werden.

Syced, CC0, via Wikimedia Commons

Interessant mit Rückbezug auf die Frage der Authentizität ist hier, dass sich die Beliebtheit nicht aus einem reinen Wunsch nach Perfektion erklären lässt. Während eine dezente, „unsichtbare“ Fotoretusche wie für Hochglanz-Zeitschriften möglich ist, können die Nutzer*innen in vielen Automaten mit Extremen spielen. Riesige Augen, verzerrte Proportionen und bunte Haarfarben stehen zur Auswahl. Von den Betreibern zur Verfügung gestellte Kostüme unterstreichen dieses Angebot an bewusst überzeichneten Modifikationen.

Wenn ein kostenlos verfügbarer Instagram-Filter perfektes Aussehen sogar in Videoclips ermöglicht, wieso wählen dann auch im Jahr 2025 noch viele Nutzende den purikura-Automaten? Das Verlangen nach einer stilisierten Nostalgie, verzerrt durch mehrere Runden im Spiegelkabinett der Trends, ist eine mögliche Erklärung. Hierbei geht es weniger um eine originalgetreue Reproduktion für Menschen, die eine Mode selbst mitgemacht oder erlebt haben, sondern vielmehr um Eskapismus für alle in die fiktionale Vorstellung einer „besseren“ Zeit. Im Hinblick auf die 1990er oder 2000er Jahre des purikura-Booms wäre dies eine Zeit vor dem Smartphone – Klapphandy, Fotoautomaten und Tamagotchi sorgten aber trotzdem für Unterhaltung.

Abgesehen davon gibt es aber noch andere mögliche Begründungen, wieso sich in einer stark digitalisierten Welt auf Stickerpapier ausgedruckte Fotos immer noch halten können: purikura bleiben mit 400 bis 600 Yen (derzeit ca. 2,30 bis 3,50 Euro) erschwinglich und bilden eine greifbare, teilbare Erinnerung an das Event des gemeinsamen Fotografiert-Werdens, beispielsweise im Zuge eines erlebnisreichen Tages. Diese Art der Eventisierung ist nicht nur bei Partys oder Firmenfeiern beliebt, auch weltweite Kampagnen nutzen sie aktuell. Ein Beispiel wäre die Linkin Park Popup Tour, die für die Band werbend mit einem Bus unterwegs ist. Mit an Bord: Ein Fotoautomat mit passenden Motiven, der den Schnappschuss als Erinnerung ausdruckt. Dekorationsmöglichkeiten und Stickerpapier scheinen hier allerdings zu fehlen. Näher am japanischen Vorbild sind in dieser Hinsicht die Automaten, die in asiatischen Supermärkten, beispielsweise in Düsseldorf, stehen. Die Marketingstrategie macht den Einkauf selbst zum Event und sie geht auf. Vor dem Supermarkt sollen die Kund*innen Schlange stehen. Die Fotoboxen setzen die Präsenz der Maschinen im Japanviertel fort, wo lange Jahre auch in den Buchhandlungen purikura gemacht und das gedruckte Souvenir vom Besuch in „Little Tokyo“ gleich mitgenommen werden konnte. Hierbei wird der Nostalgiefaktor noch um eine Faszination für asiatische Kulturen erweitert und ermöglicht den Eskapismus in eine fiktive Ferne vor dem Kühlregal voller Kimchi und Mochi.

Leseempfehlung:

MILLER, Laura: „Purikura – Expressive Energy in Female Self-Photography“. In: FREEDMAN, Alisa (Hrsg.): Introducing Japanese Popular Culture. London: Routledge 2023, S.121-129. https://doi.org/10.4324/9781003302155

HASSEL, Kimberly: „The World as Photo BoothWomen’s Digital Practices from Print Club to Instagram in Japan“. In: Mechademia, Bd. 16, Nr. 1 (2023), S. 119-143. https://muse.jhu.edu/pub/23/article/910023

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