
Suga-Schreintreppe in Yotsuya by Hisagi, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Wer den viel frequentierten Bahnhof Yotsuya in Tôkyô passiert, ist vermutlich schon das eine oder andere Mal auf Tourist:innen gestoßen, die eifrig versuchen, die auf den ersten Blick zugegebenermaßen etwas unscheinbar wirkende Skyline einzufangen oder den Eingang des Bahnhofsgebäudes fotografieren. Dabei ist zu beobachten, dass sie einen ganz bestimmten Winkel einfangen wollen, denn vermutlich handelt es sich bei ihnen um Fans des Anime-Kinohits „Your name – Kimi no na wa 君の名は“ von 2016. Viele Frames des Films können nämlich auch im echten Tôkyô wiederentdeckt werden.
Diese besondere Form des Tourismus, die bereits seit den 1990ern bekannt ist und zunächst als otaku-, heute eher als Anime-Tourismus bezeichnet wird, ist mittlerweile ein Milliardengeschäft und hat sich zu einem elementaren Teil von Japans Soft Power aufgeschwungen. Das Potential dahinter ist riesig: In der „New Cool Japan Strategy“ ist die Rede von 2,6 Millionen möglichen Tourist:innen, die geschätzte 400 Milliarden Yen (ca. 2,3 Milliarden Euro) an Inlandsausgaben generieren könnten. Der vom Ministerium für Land, Infrastruktur, Verkehr und Tourismus 2005 offiziell definierte Begriff des „Contents Tourismus“ (コンテンツツーリズム) ist dabei keineswegs ein rein japanisches Phänomen und bezeichnet eine Form des Tourismus, der von audiovisuellen Medien wie Filmen und Videospielen oder Büchern inspiriert ist, und reiht sich somit in das aus der englischsprachigen Literatur bekannte Konzept des Medientourismus ein. Obwohl die Liebe zu den Welten, Charakteren und Geschichten schon zu Sailor Moons Zeiten Besuche zu dem aus der Serie bekannten Azabu-Hikawa-Schrein 麻布氷川神社 in Tôkyô inspirierte, erlangten diese „Pilgerreisen“ eine mediale Aufmerksamkeit erst 2008, als auch die sogenannten rekijo 歴女, die geschichtsinteressierten Mädchen, in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Anime-Tourist:innen bezeichnen die Orte, die sie an ihre Lieblingsserien erinnern, nämlich gerne als „heilige Stätten“ seichi 聖地, woher sich auch die Bezeichnung der „Anime-Pilgerreise“ (anime seichi junrei アニメ聖地巡礼) ableitet, die sich mittlerweile auch außerhalb der Szene etabliert hat.

Kitsune-Udon ©J. Willett
Die Anziehungskraft der medialen Darstellungen ist groß und nicht wenige, die ihre Lieblingscharaktere dabei sehen, wie sie an heißen Sommertagen das berühmte blaue Eis genießen oder die Last eines harten Tages über einer dampfenden Schüssel Udon ablegen, freuen sich darauf, das „typische Japan“ einmal selbst zu erleben. Darüber hinaus sind bewegte Epochen wie die Zeit der streitenden Reiche (sengoku jidai 戦国時代 1467–1600) oder das bakumatsu 幕末, also das Ende der Edo-Zeit (1603-1868), eine beliebte Kulisse für Anime oder Videospiele und locken viele Fans aus dem Aus- und Inland an mitunter geschichtsträchtige Orte, wo sie Grabstätten oder Wirkungsbereiche wahrer historischer Persönlichkeiten besuchen, denen ihre geliebten fiktiven Pendants nachempfunden sind. Neben dem Anime-Tourismus wird auch diese Form des Kulturtourismus gezielt von Regierung und lokalen Akteur:innen unterstützt, um insbesondere auch die ländlichen Regionen zu revitalisieren.

Torii des Watazumi-Schreins by Kibatokusari, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Dass dieser Trend jedoch auch negative Auswirkungen haben kann, zeigte sich Anfang dieses Jahres am Beispiel des Watazumi-Schreins 和多都美神社 auf Tsushima, der als Inspiration eines In-Game-Ortes in dem beliebten Videospiel Ghost of Tsushima weltweit große Bekanntheit erlangte. Nachdem es immer wieder zu respektlosem Verhalten im Rahmen des großen Touristenandrangs kam, hat der Schrein seine Pforten für Tourist:innen nun endgültig geschlossen. Kulturinteressierte, die den kami 神, den dort verehrten Gottheiten, ihren Respekt erweisen wollen, seien von diesem Verbot jedoch ausgenommen. Nicht nur solche Grenzüberschreitungen führen immer wieder zu Bedenken bei den lokalen Gemeinden, sondern mitunter auch die Unzufriedenheit über die Darstellung der eigenen Heimat wie dies im als UNESCO-Kulturerbe ausgezeichneten Shirakawa 白川 in der Präfektur Gifu 岐阜 zu beobachten war. Der Ort, der für seine traditionellen Reetdach-Häuser gasshō zukuri 合掌造 bekannt ist, diente in Higurashi: When they cry (Higurashi no naku koro ni ひぐらしのなく頃に) – in Form des fiktiven Hinamizawa 雛見沢 – nämlich als Kulisse für eine Horror-Mystery-Geschichte, weshalb die Anwohner um das Image ihres kleines Dorfes fürchteten.
Den Contents-Tourismus zeichnet darüber hinaus noch eine weitere Besonderheit aus. Denn anders als sonst üblich ist das touristische Verhältnis zwischen Gast und Gastgeber nicht einseitig. Die „Pilgernden“ tragen nicht selten zum Lokalkolorit bei, richten Events aus oder dekorieren die als Inspiration dienenden Originalschauplätze mit serientypischen Ausstattungen. Selbst beim oben genannten Negativbeispiel des Watazumi-Schreins darf nicht außer Acht gelassen werden, dass 2021 das bei einem Taifun beschädigte torii 鳥居, das Eingangstor des Schreins, nicht zuletzt dank der großzügigen Spenden der Fans des Videospiels restauriert werden konnte.
Im Rahmen der „New Cool Japan Strategy“ hofft Japan, den Auslandsmarkt für japanischen Content bis zum Jahr 2033 auf 20 Billionen Yen (etwa 116,5 Milliarden Euro) zu erweitern und die Soft Power weiter zu stärken. Es bleibt daher abzuwarten, wie bereits jetzt existierende Probleme durch Übertourismus in Großstädten wie Kyôto und Tôkyô und Konflikte zwischen Tourist:innen und Anwohner:innen zukünftig gelöst werden und ob der Contents-Tourismus ausreichend dazu genutzt werden kann, vor allem ausländische Tourist:innen auch in ländliche Gebiete zu locken.