Räucherwerk in Japan

Räucherwerk kam wahrscheinlich zusammen mit dem Buddhismus im 6. Jahrhundert nach Japan, genauso wie das Blumenstecken. Doch schon bald wurde Räucherwerk nicht nur im religiösen Bereich zur Kommunikation mit dem Numinosen benutzt, sondern erfreute sich besonderer Beliebtheit beim Hofadel zur Beduftung von Räumen und Kleidern. Im Shôsôin in Nara, der Schatzkammer von Kaiser Shômu (701-56), befinden sich neben buddhistischen Räuchergefäßen auch solche für den alltäglichen Gebrauch. Abbildung 1 zeigt ein solches Gefäß aus Silber. Im Inneren sind Gelenke angebracht, welche die Pfanne mit dem Räucherwerk in der Horizontalen halten, selbst wenn das Gefäß umfällt.

Silbernes Räuchergefäß im Shôsôin (Nara-Zeit). Foto: Imperial Agency, Shosoin Collection, Nara

Duft für Kleider und Räume

Das Beräuchern von Kleidern war besonders in der Heian-Zeit (794-1185) von Bedeutung, als individuelle Düfte kreiert wurden, die den Träger unverwechselbar identifizierten. Selbst wenn dieser den Raum verlassen hatte, blieb der individuelle Duft noch einige Zeit dort zurück. Das hierzu verwendete Räucherwerk bestand aus verschiedenen Zutaten, die mit dem Fruchtfleisch von Pflaumen, Muschelkalk und Kohlestaub vermischt und haltbar gemacht wurden. Die so entstandenen schwarzen Kugeln, nerikô 練香 genannt, wurden in einem Gefäß erhitzt, das man unter ein Kleidergestell legte.

nerikô. Foto: Chantal Weber

Duftwettbewerbe

Im Genji monogatari beschreibt Murasaki Shikibu (ca. 973-ca. 1014) einen Duftwettbewerb (takimonoawase 薫物合わせ), bei dem Prinz Genji und andere Teilnehmer Düfte in Form von nerikô kreieren; das Räucherwerk wird verglichen, und anschließend bestimmt ein Schiedsrichter einen Sieger. Diese Duftwettbewerbe standen in der Tradition der monoawase 物合わせ (Vergleichen von Dingen), dessen berühmteste Form das utaawase 歌合わせ (Gedichtwettstreit) ist.

Das Räucherwerk bestand aus verschiedenen Zutaten wie z.B. Nelken, Zimt, Moschus oder Sandelholz. Ein fester Bestandteil war jedoch immer das sogenannte Adler- oder Aloeholz, auf Japanisch jinkô 沈香 (wörtl.: sinkendes Holz).

Zutaten für Räucherwerk. Foto: Chantal Weber

Jinkô – das sinkende Holz

Dieses Holz, welches bereits im Nihon shoki (720) erwähnt wird, ist im Grund ein Harz, welches entsteht, wenn der Adlerholzbaum mit einem Pilz oder Bakterium infiziert wurde. Das Harz bildet sich im Inneren des Baumes und verholzt anschließend. Da es von außen nicht sichtbar ist, wurden viele Bäume auf Verdacht gefällt. Der Adlerholzbaum ist heute daher vom Aussterben bedroht. Die Bäume kommen in Japan nicht vor, so dass jinkô bis heute eine Importware aus Ländern wie Vietnam, Sri Lanka oder Indonesien bleibt.

Im Laufe der Kamakura-Zeit (1185-1333) trat das Beräuchern von Kleidern und Räumen in den Hintergrund und der Genuss von jinkô als einzige Zutat gelangte in den Fokus. Dabei ging es nicht mehr darum, einen persönlichen Duft zu kreieren, sondern das jinkô als eigenständigen Duft zu genießen. Das sogenannte ichibokudaki 一木炷 wurde durch eine technische Errungenschaft möglich: die Entwicklung von Glimmerplättchen in China, das gin’yô 銀葉. Glimmer ist ein natürliches Mineral, welches ähnlich wie Schiefer in dünne Platten gespalten werden kann – und es ist hitzebeständig. Man legte das gin’yô auf einen kleinen Aschehügel, in dessen Mitte sich ein glühendes Stück Kohle befand. So musste das Holz nicht verbrannt werden, sondern konnte durch Erwärmen seinen Duft preisgeben. Diese Methode wird bis heute im Duft-Weg, kôdô 香道, angewandt.

gin’yô mit jinkô. Foto: Chantal Weber

Takigumikô – „Kettendüfte“

Jedes Stück jinkô riecht anders! Selbst innerhalb eines Baumes können unterschiedliche Duftnoten auftreten. Die Kunst bestand nun darin, die verschiedenen Düfte zu unterscheiden. In der Muromachi-Zeit (1336-1573) erfolgte die Katalogisierung von jinkô-Stücken und ihre Benennung mit teilweise sehr sprechenden oder poetischen Namen. Daraus entwickelten sich dann eigene Spiele, deren Kunst darin bestand, die Hölzer zu vergleichen und ihre Namen zu erraten. Vor dem Hintergrund der Kettendichtung renga 連歌, welche sich in dieser Zeit ebenfalls großer Beliebtheit erfreute, wurden diese Spiele noch weitergetrieben: Die Namen wurden wie beim renga in Beziehung gesetzt – wurde zunächst ein Holz mit dem Namen „Kumoi 雲居“ (Wolkiger Himmel) verwendet, folgte anschließend ein Holz mit dem Namen „Tsuki 月“ (Mond) usw.

Etwas später, in der Sengoku-Zeit (1467-1568), entwickelte sich das kôawase 香合わせ, bei dem qualitativ wertvolle Hölzer von mehreren Teilnehmern verglichen und genossen wurden. Hier wurde die Tradition des takimonoawase bzw. monoawase wieder aufgegriffen.

„Kôdô –  Der Weg des Dufts“ folgt im Dezember.

 

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