Teilnehmende Namensgebung

15. Mai 2018

von Thomas Widlok

Seltsam bei der Diskussion um die Namensänderung ist, wie vor allem Gegner der Umbenennung auf fachfremde Argumente zurückgreifen. Da geht es um Etymologie, viel Geschichte, auch Nationalgeschichte, um Hochschulpolitik und mitunter sehr stark rückwärtsgewandt um die Suche nach einer reinen, essentialistisch aufgefaßten „Urform“ hinter den einzelnen Namen. In diesem Beitrag möchte ich als Alternative ausprobieren, was passiert, wenn wir hingegen den Werkzeugkasten unserer eigenen Disziplin anwenden, also beispielsweise die teilnehmende Beobachtung. Ich werde durchgängig das ethnographische Präsens verwenden:

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Die bereinigte DGV

8. Mai 2018

von Bernhard Streck

Die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) heißt jetzt Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA). Aus einem dreibuchstabigen Kürzel ist ein fünfbuchstabiges geworden. War ersteres so eingängig und handlich, dass es mit der unheimlichen Großschwester Volkskunde (mit ihren diversen Umbenennungen, die sich aber wohl nicht so unmissverständlich abkürzen ließen) geteilt werden musste (dgv), bedarf die neue Abkürzung langer Erläuterungen und verharrt auch dann noch im Unklaren. Gewiss kann die Aufstockung von 3 auf 5 Buchstaben als Fortschritt und Akt der Ausdifferenzierung ausgelegt werden, zumal das moderne Leben auch immer komplizierter wird und DGSKler einfach besser in die neue digitale Umwelt passen als die schlichten DGVler. Doch es sind mit der Kritik an diesem Schritt als nicht ausreichend begründeter Anpassungsleistung an den sich international verstehenden anglophonen Okzidentalisierungstrend Schwächen offenbar geworden, die mit den mutigen Taten eines Adolf Bastian als Gründer des Faches oder Fritz Krause als Gründer des Fachverbands überhaupt nicht vergleichbar sind. Der Mangel an Geschichtskenntnissen im eigenen Fach wurde in letzter Zeit häufig angemahnt. In diesem Essay soll die Umbenennung ethnologisch interpretiert werden, als Akt der Selbstreinigung, der jede Kultur imperativisch zu folgen hat.

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Ich gebe auf… Ethnologen sind und bleiben ein segmentärer Haufen

1. Mai 2018

von Carola Lentz

Nach der Umbenennung der DGV in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie und nicht, wie ich gehofft hatte, (Deutsche) Gesellschaft für Ethnologie, resigniere ich, was die Erfolgschancen meiner bisher hartnäckig auf vielen Baustellen betriebenen „namenspolizeilichen“ Aufklärungsarbeit betrifft. Lohnt es sich noch, Studenten, Journalisten, Wissenschaftsverwaltungen, Fachbereichs-Sekretärinnen, Pressereferentinnen und neugierigen Kollegen aus anderen Fächern zu erklären, dass Anthropologie und Ethnologie im deutschen Sprachraum eben nicht die gleichen Traditionen haben und dass man nicht ohne weiteres unsere Fachbezeichnung aus dem oder in das Englische übersetzen kann? Wie überzeugend sind solche geduldigen und oft durchaus mit „ach so, ich verstehe“-Ausrufen quittierten Versuche noch, wenn die eigene Fachgesellschaft genau diese Übersetzungsproblematik fortschreibt? Für mich ist die DGV-Tagung 2017 eine verpasste Chance, hier mehr Klarheit zu schaffen. Da wäre es mir sogar fast lieber, der Name „Völkerkunde“ wäre geblieben. Seine Fortschreibung lässt sich Fachfremden gegenüber doch sehr viel besser erläutern als die Umbenennung in Sozial- und Kulturanthropologie, die aufwändige Erklärungsmanöver nötig macht.

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Warum die Umbenennung der DGV in DGSKA ein Fehler war

24. April 2018

von Thomas Bierschenk

Früher Nachmittag des 6. Oktobers 2017, Hörsaal 1a der sog. Rost- und Silberlaube der Freien Universität Berlin: Aus einigen Ecken des Hörsaals ertönen verhaltene Freudenschreie, Menschen haben Tränen in den Augen, manche fallen sich mit einem ‚endlich geschafft‘ in die Arme. Was war passiert? Hatte die Europäische Union gerade in Brüssel bekanntgegeben, aufgrund der bei der Eröffnung der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) am Vortag geäußerten fulminanten Kritik ihre Flüchtlingspolitik umzuwerfen und die Vorschläge der in Berlin versammelten Ethnologinnen für eine humanere Flüchtlingspolitik zu übernehmen? Hatten die deutschen Bundesländer beschlossen, Ethnologie als Schulfach einzuführen, sodass die vielen anwesenden jungen Ethnologen jetzt sichere Berufsperspektiven hatten? Hatte die Fußball-Frauenmannschaft der ‚großen‘ DGV (V für Völkerkunde) gerade die der kleinen dgv (V = Volkskunde) zweistellig geschlagen?

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Die Umbenennung: Moralisches Schulterklopfen und Geschichtsvergessenheit

17. April 2018

von Dieter Haller

Kurz vor der Umbenennung der DGV in DGSK konnte ich in Bochum die Umbenennung meines Lehrstuhles, der die „Sozialanthropologie“ zur Denomination hatte, in „Ethnologie“ erwirken. In Berlin geschah nun genau das Umgekehrte. Ich hätte nie gedacht, dass sich in meinem geliebten Fach einmal Gleichgültigkeit gegenüber faschistischen Bezügen, neoliberale Anbiederei an den angelsächsischen Zeitgeist, moralische Selbstüberhebung und schlichte Wurschtigkeit siegreich die Hände reichen. Aber der Zeitgeist weht eben rechts, und selbst die, die sich als Vertreter einer progressiven Haltung verstehen, sehen manchmal nicht, wessen Handwerk sie da besorgen. So wie die siegreichen Umbenenner der Berliner Tagung – wahrscheinlich bei bester Absicht – wahrscheinlich nicht merken wollten, dass sie kolonialistische und faschistische Bezüge mit der getroffenen Wahl zur Umbenennung würdigen. Auch ich hadre deshalb mit mir, ob ich aus einer solchen Gesellschaft austreten soll. Noch habe ich soviel Vertrauen in meinen Berufszweig dass ich unterstelle, die meisten Umbenenner hätten nicht gewusst, was sie da tun. Aber auch das ist schon ein Armutszeugnis für Wissenschaftler, die nichts mehr wissen von ihrer fachlichen Vergangenheit und wohl auch nichts wissen wollen. Sensibilität gegenüber rechten Diskurshegemonien ist heute wohl „so twentieth century“, vielleicht auch deshalb hat sich auf der Tagung die Vorstellung von Identität als Bekenntnis durchgesetzt. Wie ich höre, habe es während der Mitgliederversammlung keine inhaltliche Debatte um die Umbenennung gegeben.

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Ethnologie – eine Begriffsfalle

10. April 2018

von Werner Schiffauer

Als ich hörte, dass  der Vorstoß einer Namensänderung der Disziplin von „Völkerkunde“ in „Ethnologie“ abgelehnt und statt dessen die Umbenennung in „Sozial- und Kulturanthropologie“ beschlossen wurde, war ich mehr als erleichtert. Zum einen war mir der Umbenennungsvorschlag in Ethnologie schon deshalb als absurd erschienen, weil man den Begriff des „Volkes“ (nur eben als Fremdwort) weiter als Bezeichnung des Fachgegenstandes führen wollte. Dies deckt sich aber keineswegs mehr mit dem, was inhaltlich in dem Fach passiert. An den meisten Instituten und Lehrstühle wird das Fach als Wissenschaft von der kulturellen und sozialen Formung des Menschen gelehrt – mit anderen Worten: als Sozial- und Kulturanthropologie.

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What’s in a name Wofür steht die Umbenennung der ehemaligen Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in eine Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie?

10. April 2018

von Christoph Antweiler, Michi Knecht, Ehler Voss und Martin Zillinger

Drei Tage vor der Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA) erscheint von ihrer ehemaligen Vorsitzenden Carola Lentz ein Beitrag im Blog „Kulturrelativismus und Aufklärung“, in dem sie schreibt, sie könne sich vorstellen, die Ethnologie in einer übergreifenden Kultur- und Gesellschaftswissenschaft aufgehen zu lassen.

Hat die Umbenennung in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie genau diese Wendung vollzogen?

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