Ende des Blogs – Fortsetzung der Diskussion

14. August 2018

Nach 14 Beiträgen beenden wir nun diesen Blog und möchten uns noch einmal bei den Beiträger*innen bedanken für eine interessante und einsichtsvolle Diskussion der Frage nach der Bedeutung der Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) in Deutsche Gesellschaft für Kultur- und Sozialanthropologie (DGSKA).

Die Kommentarfunktion unter den jeweiligen Beiträgen steht weiterhin zur Verfügung und wir laden herzlich dazu ein, diese zu nutzen.

Christoph Antweiler, Michi Knecht, Ehler Voss und Martin Zillinger

Das Flurgespräch als ethnographisches Feld

31. Juli 2018

von Simon Holdermann, Christoph Lange, Julian Schmischke & Souad Zeineddine

 

Die  Gleichzeitigkeit von Homogenität und Diversität

Wir sind vier wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und/oder Doktorand*innen an der Uni Köln.[1] In dieser Hinsicht besteht eine gewisse Nähe zum Blog, dessen Initiator*innen und den Debatten, die sich abseits des Blogs aus den bisherigen Beiträgen ergeben haben. Gleichzeitig war die Reichweite der Debatte um die Umbenennung der DGV selbst in Köln beschränkt. So haben einige Mitarbeiter*innen des Instituts für Ethnologie der Universität Köln erst vom ‚Umbennungsstreit‘ und Blog erfahren als ein entsprechender Hinweis auf der Facebook-Seite des Instituts veröffentlicht wurde. Sechs Monate nach der Entscheidung.

Nach und nach stellten sich uns einige kritische Fragen: Wer diskutiert da eigentlich? Mit wem? Und vor allem: Über was? Weiter zugespitzt: Handelt es sich bei der Debatte um eines der viel diskutierten Filterblasen-Phänomene, die vermeintliche Relevanz und Öffentlichkeiten erzeugen, wo gar keine existieren und lediglich durch einen kleinen Kreis ‚besorgter Akteur*innen‘ gepusht werden? Etwas ernster gewendet: Uns schien die Debatte erstaunlich homogen. Homogen zum einen im Sinne ihrer ablehnenden Positionierung gegenüber der Umbenennung als solcher. Und zum anderen homogen, erschreckend homogen, in Hinblick auf den Status der Beitragenden: überwiegend professoral, etabliert, männlich und weiß.

Neben der Homogenität in der ablehnenden Haltung waren es auch die repetitiven fachgeschichtlichen Belehrungen (Kohl 2017, Geisenheimer 2018, Streck 2018), die Gleichförmigkeit der Argumentationslinien sowie die teils problematischen Rhetoriken (näher dazu weiter unten), die uns motivierten, zusammenzukommen und uns mit der Debatte um die Umbenennung auseinanderzusetzen.

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Ich habe nichts gegen Sozial- und KulturanthropologInnen, einige meiner besten FreundInnen sind Sozial- und KulturanthropologInnen

24. Juli 2018

von Moritz Ege

Ich arbeite am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen; die wissenschaftliche Fachgesellschaft, bei der ich Mitglied bin, ist die dgv, die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde. Wie einige andere KollegInnen wurde ich von den Blog-BetreiberInnen freundlicherweise eingeladen, die Umbenennungsdebatte und ihre möglichen Folgen für das Verhältnis der beiden Fächer – Ex-Völkerkunde und Ex-Volkskunde – zu kommentieren. Ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen in der DGSKA, dass sie die Lage angesichts der generellen Tendenz zur Ununterscheidbarkeit von Fachbenennungsdebatten und Wissenschaftssatire mit etwas Humor nehmen können. Ein wenig Schadenfreude darüber, dass das Benennungschaos bei der Ethnologie/Sozial- und Kulturanthropologie nun ähnlich weit gediehen ist wie „bei uns“ – die spiegelverkehrten Umbenennungsprozesse haben schon was! – und darüber, dass auch dort die handliche Lösung ohne Dopplungen nicht gelingen will, kann ich nicht verleugnen. Nett ist das sicher nicht von mir, ich hoffe aber, einigermaßen verständlich. Man ist mit seinem Leid nicht gern allein.

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Namensänderung als Exorzismus und Glaubensbekenntnis

17. Juli 2018

von Peter Schröder

Von dieser Seite des Atlantiks her betrachtet erstaunt die Diskussion um die Berufsbezeichnung und den neuen Namen des Fachverbandes, obwohl sie mir verständlich ist. Die aufgeworfenen Fragen und benannten Probleme stellen sich hier zum Glück nicht in der gleichen Weise. Antropologia ist in Brasilien fast ein Synonym der bis vor Kurzem Deutschland allgemein üblichen Fachbezeichnung Ethnologie. Allerdings wird das Fach hier hauptsächlich als Sozialwissenschaft (ciência social) mit sehr engen Beziehungen zur Soziologie verstanden. Doch die Schwammigkeit der Abgrenzung zu den Cultural Studies hat auch hier für Diskussionen gesorgt.

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Name und Benanntes. (Un)disziplinierte Verschiebungen

10. Juli 2018

von Richard Rottenburg

Warum wurde die Bezeichnung ‚Völkerkunde’ eigentlich nicht 1969 bei der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in Göttingen durch die Bezeichnung ‚Ethnologie’ ausgetauscht, wonach die damaligen politischen und inhaltlichen Verschiebungen doch stark verlangten?[i] Und warum wurde der Wechsel von ‚Ethnologie’ zu ‚Anthropologie’ nicht in den 80er Jahren vollzogen, als massive politische und methodische Verschiebungen dahin drängten? Warum erfolgt die Umbenennung der Disziplin erst heute, im Jahr 2018, wo sie vielen ihrer Mitglieder lange überfällig, und einigen bereits ein wenig veraltet, hinterherhinkend erscheint? Für andere Mitglieder artikuliert sich in der Umbenennung indes eine bedauernswerte Mischung aus historischem Unwissen und einem fehlgeleitetem Verständnis der politischen Relevanz des Faches und seines Namens.

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„…unsere Gesellschaft den veränderten Verhältnissen anzupassen…“

12. Juni 2018

von Katja Geisenhainer

Nicht nur gegen, sondern auch für eine Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde wurde fachhistorisch argumentiert. Ein neuer Name für die Gesellschaft sollte als ein Zeichen der Distanzierung zur eigenen Disziplingeschichte verstanden werden, da etwa „die Völkerkunde einen nicht unerheblichen Anteil an der wissenschaftlichen Produktion und Legitimierung von Rassen-Theorien“ gehabt habe.[i] Im Gegenzug dazu beinhaltete die Kritik an der Namensänderung wiederholt den Vorwurf, es handele sich bei denjenigen, die eine Umbenennung befürworten, um jene, so z.B. Dieter Haller, „die nichts mehr wissen von ihrer fachlichen Vergangenheit und wohl auch nichts wissen wollen“.

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Ich heisse Bub

5. Juni 2018

von Mark Münzel

Einsidel: „Wie heissestu?“ – Simplex: „Ich heisse Bub.“ […] Einsidel: „Wie hiesse dich dann dein Meüder?“ – „Sie hat mich Bub geheissen, auch Schelm, langöhrichter Esel, ungehobelter Rültz, ungeschickter Dölpel und Galgenvogel.“ – […Und wie hat deine Mutter deinen Vater gerufen?] – „Rülp, grober Bengel, volle Sau, alter Scheisser“ (Simplex Simplicissimus, 1669, s. Endnote [1]).

Aus Bub wurde Simplex. Namenswechsel ist deutsche Tradition. 1915 war es die „Verdeutschung der Speisekarte: Die in der Küche und im Gasthofwesen gebräuchlichen, aber entbehrlichen Fremdwörter in das Deutsche übersetzt. […] Grosse Probe-Speisekarte ist beigegeben[2]. Zum posthumen Ehrenmitglied unseres neubenamten Fachverbandes aber schlage ich Joachim Heinrich Campe (gest. 1818) vor: Er fand ca. 11.500 neue Wörter, wie „Zitterweh“ für „Fieber“[3].

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Die Geschichtsverdrängung der Ethnologen als gesellschaftliches Problem

29. Mai 2018

von Han F. Vermeulen, 29.06.2018

Nomen est omen / Der Name ist Programm (contra Stocking 1971)

Die Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA) erscheint mir undemokratisch, unüberlegt und unhistorisch. Als relativer Außenseiter, in den Niederlanden ausgebildeter Ethnologe, der sich mit der Geschichte der Ethnographie, Ethnologie und Anthropologie beschäftigt und seit 1991 in Deutschland forscht, war ich immer beeindruckt vom demokratischen Gehalt des deutschen Vereinslebens. Am 6. Oktober 2017 wurde in Berlin zwar konform der Satzung gewählt, und das Quorum erreicht, aber die Art und Weise, in dem es zu dieser Wahl kam und das Ergebnis sind unbefriedigend. Ich schliesse mich Thomas Bierschenk und seiner Analyse an, der bemerkt, dass nur 30 % der DGV-Mitglieder bei der Wahl anwesend waren (216 von 731) und dass damit nur „15 % der Mitglieder der DGV die Umbenennung herbeigeführt“ haben. (Zum Vergleich: Die SPD brauchte im März 2018 ein Mitgliedervotum, um die erwünschte Mehrheit für die Teilnahme an der vierten Großen Koalition zu erreichen. Ungefähr 400.000 Mitglieder, auch im Ausland, wurden per Post oder Mail angeschrieben und das Ergebnis, 66,6 % für Teilnahme, war aussagekräftig.)

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Von Menschen und (ethnischen) Gruppen Die Entscheidung für „Sozial- und Kulturanthropologie“ wirft überfällige Fragen an unsere Disziplin neu auf

22. Mai 2018

von Hansjörg Dilger

Als der Blog zur Umbenennung unseres Fachverbands an den Start ging, vermutete ich, dass sich nun zunächst vor allem diejenigen äußern würden, die vom Ausgang der Abstimmung in Berlin enttäuscht waren. In der Tat haben bislang vor allem diejenigen FachvertreterInnen gebloggt, die die bei der Mitgliederversammlung 2017 zur Abstimmung stehende Alternativbezeichnung „Ethnologie“ bevorzugt hätten und die die Bezeichnung „Sozial- und Kulturanthropologie“ zum Teil in Bausch und Bogen verdammen. Im Nachhinein wird hier jetzt fachhistorisch gegraben und geschärft und mit Blick auf die angeblich wenig mit der Geschichte unserer Disziplin vertrauten, in Berlin anwesenden DGV/DGSKA-Mitglieder erklärt, dass die getroffene Wahl ein gravierender Fehler war. Nicht nur wird damit sehr zügig über die Tatsache hinwegargumentiert, dass in Berlin ein in der Satzung unserer Fachgesellschaft verankerter und durch den Vorstand intensiv vorbereiteter Prozess in seiner demokratischen Mehrheitsentscheidung mündete (Dilger, Röttger-Rössler & Zenker 2017; Dilger 2018). Auch stellten die wenigsten Beiträge bislang die Frage, welche vielschichtigen fachhistorischen, fachpolitischen und inhaltlichen Gründe die Mitglieder in Berlin vermutlich für ihre Entscheidung hatten – und warum alleine teils essentialistisch anmutende Verweise auf die historische Konnotation der zur Wahl stehenden Fachbezeichnungen nicht ausreichen, um diese Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen.

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