Namensänderung als Exorzismus und Glaubensbekenntnis

17. Juli 2018

von Peter Schröder

Von dieser Seite des Atlantiks her betrachtet erstaunt die Diskussion um die Berufsbezeichnung und den neuen Namen des Fachverbandes, obwohl sie mir verständlich ist. Die aufgeworfenen Fragen und benannten Probleme stellen sich hier zum Glück nicht in der gleichen Weise. Antropologia ist in Brasilien fast ein Synonym der bis vor Kurzem Deutschland allgemein üblichen Fachbezeichnung Ethnologie. Allerdings wird das Fach hier hauptsächlich als Sozialwissenschaft (ciência social) mit sehr engen Beziehungen zur Soziologie verstanden. Doch die Schwammigkeit der Abgrenzung zu den Cultural Studies hat auch hier für Diskussionen gesorgt.

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Name und Benanntes. (Un)disziplinierte Verschiebungen

10. Juli 2018

von Richard Rottenburg

Warum wurde die Bezeichnung ‚Völkerkunde’ eigentlich nicht 1969 bei der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in Göttingen durch die Bezeichnung ‚Ethnologie’ ausgetauscht, wonach die damaligen politischen und inhaltlichen Verschiebungen doch stark verlangten?[i] Und warum wurde der Wechsel von ‚Ethnologie’ zu ‚Anthropologie’ nicht in den 80er Jahren vollzogen, als massive politische und methodische Verschiebungen dahin drängten? Warum erfolgt die Umbenennung der Disziplin erst heute, im Jahr 2018, wo sie vielen ihrer Mitglieder lange überfällig, und einigen bereits ein wenig veraltet, hinterherhinkend erscheint? Für andere Mitglieder artikuliert sich in der Umbenennung indes eine bedauernswerte Mischung aus historischem Unwissen und einem fehlgeleitetem Verständnis der politischen Relevanz des Faches und seines Namens.

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„…unsere Gesellschaft den veränderten Verhältnissen anzupassen…“

12. Juni 2018

von Katja Geisenhainer

Nicht nur gegen, sondern auch für eine Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde wurde fachhistorisch argumentiert. Ein neuer Name für die Gesellschaft sollte als ein Zeichen der Distanzierung zur eigenen Disziplingeschichte verstanden werden, da etwa „die Völkerkunde einen nicht unerheblichen Anteil an der wissenschaftlichen Produktion und Legitimierung von Rassen-Theorien“ gehabt habe.[i] Im Gegenzug dazu beinhaltete die Kritik an der Namensänderung wiederholt den Vorwurf, es handele sich bei denjenigen, die eine Umbenennung befürworten, um jene, so z.B. Dieter Haller, „die nichts mehr wissen von ihrer fachlichen Vergangenheit und wohl auch nichts wissen wollen“.

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Ich heisse Bub

5. Juni 2018

von Mark Münzel

Einsidel: „Wie heissestu?“ – Simplex: „Ich heisse Bub.“ […] Einsidel: „Wie hiesse dich dann dein Meüder?“ – „Sie hat mich Bub geheissen, auch Schelm, langöhrichter Esel, ungehobelter Rültz, ungeschickter Dölpel und Galgenvogel.“ – […Und wie hat deine Mutter deinen Vater gerufen?] – „Rülp, grober Bengel, volle Sau, alter Scheisser“ (Simplex Simplicissimus, 1669, s. Endnote [1]).

Aus Bub wurde Simplex. Namenswechsel ist deutsche Tradition. 1915 war es die „Verdeutschung der Speisekarte: Die in der Küche und im Gasthofwesen gebräuchlichen, aber entbehrlichen Fremdwörter in das Deutsche übersetzt. […] Grosse Probe-Speisekarte ist beigegeben[2]. Zum posthumen Ehrenmitglied unseres neubenamten Fachverbandes aber schlage ich Joachim Heinrich Campe (gest. 1818) vor: Er fand ca. 11.500 neue Wörter, wie „Zitterweh“ für „Fieber“[3].

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Die Geschichtsverdrängung der Ethnologen als gesellschaftliches Problem

29. Mai 2018

von Han F. Vermeulen, 29.06.2018

Nomen est omen / Der Name ist Programm (contra Stocking 1971)

Die Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA) erscheint mir undemokratisch, unüberlegt und unhistorisch. Als relativer Außenseiter, in den Niederlanden ausgebildeter Ethnologe, der sich mit der Geschichte der Ethnographie, Ethnologie und Anthropologie beschäftigt und seit 1991 in Deutschland forscht, war ich immer beeindruckt vom demokratischen Gehalt des deutschen Vereinslebens. Am 6. Oktober 2017 wurde in Berlin zwar konform der Satzung gewählt, und das Quorum erreicht, aber die Art und Weise, in dem es zu dieser Wahl kam und das Ergebnis sind unbefriedigend. Ich schliesse mich Thomas Bierschenk und seiner Analyse an, der bemerkt, dass nur 30 % der DGV-Mitglieder bei der Wahl anwesend waren (216 von 731) und dass damit nur „15 % der Mitglieder der DGV die Umbenennung herbeigeführt“ haben. (Zum Vergleich: Die SPD brauchte im März 2018 ein Mitgliedervotum, um die erwünschte Mehrheit für die Teilnahme an der vierten Großen Koalition zu erreichen. Ungefähr 400.000 Mitglieder, auch im Ausland, wurden per Post oder Mail angeschrieben und das Ergebnis, 66,6 % für Teilnahme, war aussagekräftig.)

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Von Menschen und (ethnischen) Gruppen Die Entscheidung für „Sozial- und Kulturanthropologie“ wirft überfällige Fragen an unsere Disziplin neu auf

22. Mai 2018

von Hansjörg Dilger

Als der Blog zur Umbenennung unseres Fachverbands an den Start ging, vermutete ich, dass sich nun zunächst vor allem diejenigen äußern würden, die vom Ausgang der Abstimmung in Berlin enttäuscht waren. In der Tat haben bislang vor allem diejenigen FachvertreterInnen gebloggt, die die bei der Mitgliederversammlung 2017 zur Abstimmung stehende Alternativbezeichnung „Ethnologie“ bevorzugt hätten und die die Bezeichnung „Sozial- und Kulturanthropologie“ zum Teil in Bausch und Bogen verdammen. Im Nachhinein wird hier jetzt fachhistorisch gegraben und geschärft und mit Blick auf die angeblich wenig mit der Geschichte unserer Disziplin vertrauten, in Berlin anwesenden DGV/DGSKA-Mitglieder erklärt, dass die getroffene Wahl ein gravierender Fehler war. Nicht nur wird damit sehr zügig über die Tatsache hinwegargumentiert, dass in Berlin ein in der Satzung unserer Fachgesellschaft verankerter und durch den Vorstand intensiv vorbereiteter Prozess in seiner demokratischen Mehrheitsentscheidung mündete (Dilger, Röttger-Rössler & Zenker 2017; Dilger 2018). Auch stellten die wenigsten Beiträge bislang die Frage, welche vielschichtigen fachhistorischen, fachpolitischen und inhaltlichen Gründe die Mitglieder in Berlin vermutlich für ihre Entscheidung hatten – und warum alleine teils essentialistisch anmutende Verweise auf die historische Konnotation der zur Wahl stehenden Fachbezeichnungen nicht ausreichen, um diese Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen.

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Teilnehmende Namensgebung

15. Mai 2018

von Thomas Widlok

Seltsam bei der Diskussion um die Namensänderung ist, wie vor allem Gegner der Umbenennung auf fachfremde Argumente zurückgreifen. Da geht es um Etymologie, viel Geschichte, auch Nationalgeschichte, um Hochschulpolitik und mitunter sehr stark rückwärtsgewandt um die Suche nach einer reinen, essentialistisch aufgefaßten „Urform“ hinter den einzelnen Namen. In diesem Beitrag möchte ich als Alternative ausprobieren, was passiert, wenn wir hingegen den Werkzeugkasten unserer eigenen Disziplin anwenden, also beispielsweise die teilnehmende Beobachtung. Ich werde durchgängig das ethnographische Präsens verwenden:

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Die bereinigte DGV

8. Mai 2018

von Bernhard Streck

Die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) heißt jetzt Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA). Aus einem dreibuchstabigen Kürzel ist ein fünfbuchstabiges geworden. War ersteres so eingängig und handlich, dass es mit der unheimlichen Großschwester Volkskunde (mit ihren diversen Umbenennungen, die sich aber wohl nicht so unmissverständlich abkürzen ließen) geteilt werden musste (dgv), bedarf die neue Abkürzung langer Erläuterungen und verharrt auch dann noch im Unklaren. Gewiss kann die Aufstockung von 3 auf 5 Buchstaben als Fortschritt und Akt der Ausdifferenzierung ausgelegt werden, zumal das moderne Leben auch immer komplizierter wird und DGSKler einfach besser in die neue digitale Umwelt passen als die schlichten DGVler. Doch es sind mit der Kritik an diesem Schritt als nicht ausreichend begründeter Anpassungsleistung an den sich international verstehenden anglophonen Okzidentalisierungstrend Schwächen offenbar geworden, die mit den mutigen Taten eines Adolf Bastian als Gründer des Faches oder Fritz Krause als Gründer des Fachverbands überhaupt nicht vergleichbar sind. Der Mangel an Geschichtskenntnissen im eigenen Fach wurde in letzter Zeit häufig angemahnt. In diesem Essay soll die Umbenennung ethnologisch interpretiert werden, als Akt der Selbstreinigung, der jede Kultur imperativisch zu folgen hat.

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Ich gebe auf… Ethnologen sind und bleiben ein segmentärer Haufen

1. Mai 2018

von Carola Lentz

Nach der Umbenennung der DGV in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie und nicht, wie ich gehofft hatte, (Deutsche) Gesellschaft für Ethnologie, resigniere ich, was die Erfolgschancen meiner bisher hartnäckig auf vielen Baustellen betriebenen „namenspolizeilichen“ Aufklärungsarbeit betrifft. Lohnt es sich noch, Studenten, Journalisten, Wissenschaftsverwaltungen, Fachbereichs-Sekretärinnen, Pressereferentinnen und neugierigen Kollegen aus anderen Fächern zu erklären, dass Anthropologie und Ethnologie im deutschen Sprachraum eben nicht die gleichen Traditionen haben und dass man nicht ohne weiteres unsere Fachbezeichnung aus dem oder in das Englische übersetzen kann? Wie überzeugend sind solche geduldigen und oft durchaus mit „ach so, ich verstehe“-Ausrufen quittierten Versuche noch, wenn die eigene Fachgesellschaft genau diese Übersetzungsproblematik fortschreibt? Für mich ist die DGV-Tagung 2017 eine verpasste Chance, hier mehr Klarheit zu schaffen. Da wäre es mir sogar fast lieber, der Name „Völkerkunde“ wäre geblieben. Seine Fortschreibung lässt sich Fachfremden gegenüber doch sehr viel besser erläutern als die Umbenennung in Sozial- und Kulturanthropologie, die aufwändige Erklärungsmanöver nötig macht.

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