STANLEY, NICHT JARED

14. März 2017

von Felix Girke

“Civilized men are more discourteous than savages because they know they can be impolite without having their skulls split, as a general thing.” – Robert E. Howard, The Tower of the Elephant

„It is always useful—even necessary—to understand non-A in order to understand A.“- Alain Testart, What is a Gift (2013: 256)

Herr Weber hat nicht erwarten können, dass sein Beitrag in der Süddeutschen Zeitung zur „Mär vom Edlen Wilden“derartige Wellen schlägt. Pech vielleicht, dass zumindest in der Online-Ausgabe die Kategorisierung „Ethnologie“ darüberstand. Sei’s drum – der Text ist in der Welt, und immerhin erweist er sich durch das Entstehen dieses polyphonen Blogs als zumindest gemeinschaftsstiftend.

VON UNTERSCHIEDEN, UNTERSCHEIDUNGEN UND POLITISCH MOTIVIERTEN RELATIVIERUNGEN

3. März 2017

von Heike Drotbohm

Worum geht es hier und warum lohnt es sich, darüber zu diskutieren? Ein uninformierter Wissenschaftsjournalist, der an anderer Stelle[1] von sich behauptet, den akademischen Betrieb als eine Art Dolmetscher kritisch zu beobachten, und gerne „große, tiefe Geschichten“ schreiben möchte, wie sie bei der Süddeutschen Zeitung noch möglich seien, veröffentlicht einen oberflächlichen, uninformierten und verquasten Artikel. In diesem vermischt er seine Kritik an dem exotisierenden Bildband eines britischen Foto- Journalisten, der anhand bewusst inszenierter Porträts von Jägern und Kriegern vor dem Aussterben „indigener Völker“ warnen will, mit einer Kritik am akademischen Wirken der Ethnologie, die immer noch recht gut darin sei, „solche Praktiken“ aus der inneren Logik dieser Gesellschaften zu erklären. Mit „solchen Praktiken“ meint der Autor „abscheuliche Gewohnheiten“ wie das Tragen von Lippentellern, vor allem aber traditionslegitimierte Gewalthandlungen wie die Altentötung oder die Genitalverstümmelung. Da das eine, der kitschige Fotobildband, nichts mit dem anderen, der Ethnologie, zu tun hat, könnte man die ganze Angelegenheit schnell in der Schublade ‚unprofessioneller Journalismus‘ ad acta legen.

DENN ALLES FLEISCH, ES IST WIE GRAS!

28. Februar 2017

von Mark Münzel

Anmerkung der Redaktion: Marpurg uff Fastnacht 2017 

Dieser Blog verdankt sein Entstehen einem Feuilleton-Aufsatz, doch um den geht es hier inzwischen kaum noch, sondern allgemein um ethnologischen Kulturrelativismus. Den möchte ich aber auch noch einmal auf jenen Aufsatz anwenden. Ich nehme ihn zum Beispiel einer von vielen widersprüchlichen Facetten unserer uneinheitlichen Kultur: Der Feindschaft gegen schöne Bilder.

ETHNOLOGIE UND ÖFFENTLICHKEIT: ODER DIE KUNST, ZWISCHEN DEN STÜHLEN ZU SITZEN

21. Februar 2017

von Matthias Krings

Warum reagieren deutsche Ethnologinnen und Ethnologen derart dünnhäutig auf ein paar journalistische Seitenhiebe auf ihr Fach? Auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer zu gelten: Der Journalist, dessen Artikel diesen gelehrten ‚Shitstorm‘ auslöste, hat einen wunden Punkt getroffen, sonst würden sich nicht so viele von uns bemüßigt fühlen, Repliken zu verfassen. Er trifft das Fach und seine Vertreterinnen und Vertreter in zweifacher Hinsicht, freilich anders als beabsichtigt, sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge. Es bietet sich deshalb an, weniger die Anwürfe des Journalisten, zu denen ohnehin bereits alles Nennenswerte geschrieben wurde, als vielmehr die teils heftigen Reaktionen darauf zum Anlass zu nehmen, um über die Verwundbarkeit der Ethnologie nachzudenken, die darin zum Vorschein kommt.

WE’VE GOT A BIGGER PROBLEM NOW

14. Februar 2017

von Guido Sprenger

Runde 1. 

Ist es wirklich notwendig, einen Blog zum Kulturrelativismus ins Leben zu rufen, weil ein Wissenschaftsjournalist grobschlächtig über unser Fach generalisiert? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber zugegeben: Weber ist kein Einzelfall. Auch in der „Zeit“ konnte man vor einiger Zeit einen Artikel lesen, der den Begriff Kulturrelativismus mit moralischer Indifferenz gleichsetzte.

Demnach fliegen hier gleich mehrere Bedeutungen des Begriffs unordentlich durcheinander. Natürlich ist Kulturrelativismus erst einmal nur eine methodische Voraussetzung in der Ethnologie. Wer das Verstehen fremder Gesellschaften als Erkenntnisziel setzt, stellt sich selbst ein Bein, wenn er das mit Hilfe der Werte und Ideen seiner eigenen Gesellschaft zu tun versucht. Wer hingegen den Kulturrelativismus auf der methodischen Ebene angreift, sollte mit gleicher Schärfe mit Thermometern und Mikroskopen ins Gericht gehen, denen ja ebenfalls der Ruf moralischer Indifferenz anhaftet.

WAS TUN MIT „KETZERISCHEN FRAGEN“? EIN PLÄDOYER FÜR DEN PRAKTISCHEN HUMANISMUS

7. Februar 2017

von Sung Joon Park

Der Artikel Die Mär des edlen Wilden erscheint heute wie eine Polemik, doch zur Hochzeit des Kolonialismus würde Christian Webers Argumentation die gängige Geisteshaltung widerspiegeln. Kolonialismus definierte sich nicht nur durch die Landnahme oder die Ausbeutung von Arbeitskräften, sondern auch durch die Beherrschung des Bewusstseins und Denkens. Die Mittel hierfür waren nicht physische Gewalt, sondern die Sprache der Kolonialherren und die Einführung von kolonialen Bildungseinrichtungen. Diese Rechtfertigungsfigur des Kolonialismus als wohlfahrtsstaatliche Mission ähnelt den rhetorischen Fragen mit denen der Artikel beginnt:

Und vielleicht darf man sogar ein bisschen Verständnis zeigen, wenn traditionsbewusste Inuit-Völker in der Arktis oder die San in der Kalahari zumindest früher ihre Alten aussetzten und verhungern ließen; das Essen war halt knapp. Die Frage ist allerdings, ob nicht ein staatliches Gewaltmonopol oder eine allgemeine Rentenversicherung die freundlichere Art der Daseinsvorsorge ist, zumindest dann, wenn man in einem westlichen Industriestaat lebt, der sich solche Institutionen leisten kann.

MIMETISCHE PRAKTIKEN IN DER BEGEGNUNG VON EIGENEM UND FREMDEM. HEGEMONIALE IMAGINATIONEN UND IHRE SUBVERSION

31. Januar 2017

von Klaus-Peter Köpping

Die Selbstvergessenheit von “Kulturkritikern” 

Immer wieder einmal wird der Ethnologie vorgeworfen, sie idealisiere abstruse kulturelle Praktiken bei “indigenen” nichteuropäischen Gesellschaften. Impliziert wird in der Kritik, dass Ethnographien in ihrem Methodenkanon in der Tat die Logik der Praxis anderer Kulturen durch ethnographisches Schreiben autorisieren und legitimieren, indem sie vor allem die Stimmen der Beteiligten und deren Interpretationen zur Sprache bringen. Dabei wird jedoch leicht vergessen, dass Ethnographien auch immer die Positionierung der Forscherinnen als reflexive Folie – und damit ihr eigenes gesellschaftliches Umfeld einschliesslich der dort herrschenden Vorurteilsstrukturen – in ihre Texte einfliessen lassen. Unangemessen ist daher der Vorwurf, dass der dadurch angeblich vorgezeichnete Relativismus es verhindere, universal anwendbare Standards von Menschenrechten zu etablieren, die, so wird in der Kritik als selbstverständlich angenommen, auf unhinterfragten philosophischen Vorgaben einer westlichen – daher universalen – Vernunft aufbauen müßten.

ALLE KULTUR IST PREKÄR. DIE RELATIVISTISCHE ETHNOLOGIE ALS AUFKLÄRUNG

24. Januar 2017

von Bernhard Streck

Nichts ist wahr ohne sein Gegenteil, sagt der junge Alte Martin Walser. Also: Aufklärung ist immer auch Verklärung, insbesondere wo sie sich dem alles beanspruchenden Fortschrittsmythos verpflichtet zeigt. Und Kulturrelativismus verabsolutiert die kulturelle Kreativität, gerade wo diese, wie so oft, in Wahn und Grauen ausschlägt oder, wie noch öfters, fremdbestimmt ist. Die beiden im Widerstreit stehenden Weltsichten gleichen sich, wo sie Heterogenes gleichmachen möchten, sie trennen sich, wenn es um Bescheidenheit und Zurückhaltung im Urteil – bei Cicero hieß diese schon damals seltene Tugend epochä – geht. Die Moral, die in einer wieder einmal endzeitlichen Verkrampfung diesmal des 21. Jahrhunderts sich erneut auf der Siegerstraße wähnt, muss den zögerlichen und abwägenden Geist bekämpfen, weil sie mit jeder Erhöhung ihrer Rigorosität und Reichweite sich verbesserte Durchschlagskraft verspricht, ohne danach zu fragen, was dahinter kommt.

VÖLLIG LOSGELÖST, NICHTS GELERNT UND NICHT GEWILLT ZU LERNEN!

17. Januar 2017

von Claus Deimel

„Okay, okay – an einigen unwirtlichen Orten dieses Planeten mag es immer noch angebracht sein, fremde Menschen, die einem unangemeldet über den Weg laufen, vorsichtshalber zu erschlagen …“ Mit diesen Worten leitet Christian Weber seinen Artikel über die „edlen Wilden“ ein, an dessen Ende eine generalisierende Diskreditierung der Ethnologie steht, mit herausgepickten angeblichen Argumenten verschiedener Forscherinnen und Forscher vergangener Zeiten als Belege für die Antiquiertheit einer Wissenschaft. Sich tarnend mit dem kumpelhaften, pseudocoolen und fast spießig gewordenen „okay, okay“ webt sich Herr Weber eine Textur zurecht, die bei Demagogen und Demagoginnen gemeinhin am Anfang jedes Pamphlets stehen muss. Ganz seltsam etwa sei, dass in den USA und in Europa (warum bloß dort?) „gar nicht wenige“ Menschen glauben würden, dass in den sogenannten Stammesgesellschaften noch alles in Ordnung sei? Woher hat das Herr Weber bloß? Das klingt ja wie bei Trump! Glaubt wirklich „jeder“ Tourist, der gemeinhin in seinem heimischen Wohnzimmer um die Welt reist, dass in anderen Gesellschaften noch alles in Ordnung sei? Wo lebt heute in den Köpfen von Touristen und Großstädtern „der Mythos vom edlen Wilden“? Wahrscheinlich ist es eher eine Minderheit, die an so etwas noch glaubt. Touristen und Großstädter suchen nach Erholung, nach einem Ausgleich mit der Natur, nach unberührten Stränden, Landschaften und Meeren, nach historischen Sites, aber eher nicht nach Edlen Wilden. So doof, wie sie Herr Weber konstruiert, sind Großstädter, Nicht-Großstädter und Touristen in der Mehrheit sicherlich nicht. Im Übrigen mögen Touristen und Großstädter usw. denken was sie wollen, ihre vermeintlichen Meinungen aber auf eine ganze Wissenschaft zu übertragen ist postfaktische Anmaßung, ist das, was man als modische journalistische Hinwendung zum Trumpismus bezeichnen könnte.

ANTWORT AUF DEN OFFENEN BRIEF DER DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR VÖLKERKUNDE AN DIE SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

10. Januar 2017

von Christian Weber

Anmerkung der Redaktion: Die Stellungnahme von Christian Weber findet sich auf der Facebook-Seite der

DGV:  https://www.facebook.com/DGV.GermanAnthropologicalAssociation/posts/1876…

Erstaunt habe ich die Stellungnahme zu meinem Artikel ‚Dschungelmärchen‘ in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Oktober 2016 gelesen. Ihr zugrunde liegt ein Missverständnis. In dem kritisierten Beitrag geht es gar nicht um die Ethnologie als Wissenschaft, deren Theoriegeschichte oder den derzeitigen Stand Ihrer Disziplin. Sondern ich kritisiere anlässlich einer Fotoausstellung in Berlin eine in der Öffentlichkeit