HOW CAN WE (NOT) COMPARE WITH CULTURAL RELATIVISM?

30. Mai 2017

von Franz Krause

The excellent contributions to this blog have demonstrated beyond doubt how relevant and indeed necessary cultural relativism is, not only for contemporary anthropological research, but also for countering recent xenophobic, racist and populist trends in European politics and practices. I see the preceding posts as a great resource with potentials for undergraduate teaching and non-specialist engagement, and I have – quite frankly – little of substance to add to them.

All I can do is point to some implications of cultural relativism for another key, and often contested, tool in anthropological research: comparison. Quite frequently, the two are seen as polar opposites in our academic endeavours: either we retain cultural relativism, explaining observed phenomena solely by reference to their particular context, or we compare these phenomena, using universalist, or at least supra-contextual, standards.

RELATIVISMUS ALS VERBRECHEN

23. Mai 2017

von Felix Riedel

Der Relativismus ist eine Form des Gedankenexperiments, das Ethnologie nicht erfunden hat. Die Idee, alles anzuzweifeln entstammt der Philosophie (Sokrates Mäeutik, Platos Höhlengleichnis) und brachte Descartes Meditationen ebenso hervor wie den Mystizismus Jakob Böhmes oder den Marxismus. Zu Rettung, Sinn und Ideengeschichte des Relativismus innerhalb der Ethnologie verweisen Beiträge dieses Blogs zu Recht auf die Fachgeschichte. Auch der auf diesem Blog inkriminierte Artikel Christian Webers trennt in guten und schlechten Relativismus. Er zitiert etwa Anne Pellers Text über Genitalverstümmelung, nimmt aber dann auch tourismuskritische ethnologische Beobachtungen über Lippenteller auf, zitiert Roger Sandall zum Problem des staatsoffiziellen Kulturalismus. Nun hilft es der deutschen Ethnologie nichts, auf die Theoriegeschichte zu verweisen, die das Problem gelöst hätte. Die wenigsten philosophischen Probleme lassen sich „überholen“. Das Relativismusproblem entsteht mit jedem Gegenstand und jeder Person neu und die Kompetenz muss sich am Material erweisen. Die aktuelle Ethnologie produziert dahingehend seriell schlechten Relativismus, der Vergleiche abwürgt oder schlecht durchführt.

BIBI UND TINA

16. Mai 2017

von Stéphane Voell & Elke Kamm

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag wurde von Stéphane Voell gemeinsam mit Elke Kamm verfasst. Leider lassen sich zurzeit nicht mehrere Autorennamen anführen. Wir werden versuchen, dies noch zu ändern.

Okay, okay – an diesem unwirtlichen Ort ist Vorsicht geboten. Wir sind auf dem Martinshof und es sind Sommerferien. Hufe klappern und Pferde traben. Sie springen über den Wassergraben und über Stock und Stein. Wer wird das wohl sein? Es sind Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina. Wie in jedem Jahr besucht Bibi Blocksberg ihre Freundin Tina Martin auf dem Reiterhof. „Tohuwabohu Total“ heißt der vierte Kinofilm der Reihe und ist eine cineastische Herausforderung. Bibi ist eigentlich bekannt als lustige Hexe, durchlebt in zahllosen ausgesprochen innovativen Hörspielen unglaublich spannende Abenteuer, die sogar „Fünf Freunde“ oder „Drei Fragezeichen“ als literarische Meisterwerke erscheinen lassen. „Bibi und Tina“ ist ein Ableger dieser Reihe und sie jagen im Wind, sie reiten geschwind, weil sie Freunde sind.

DAS SEGENSREICHE SELBST IM SPIEGELSAAL ERKENNTNIS ADE

9. Mai 2017

von Dieter Haller

So ist es eben, wenn jemand die Welt erklären möchte, ohne sie selbst erfahren zu haben. Dann sammelt man die eignen Selbstverständlichkeiten aus dem Oberstübchen zusammen und erklärt diese gerade mal als Richtschnur für gutes Verhalten: denn darum geht es dem Autoren Christian Weber in seinem Artikel in der SZ. Man muss sich nur die Begrifflichkeiten auf der Zunge zergehen lassen, die hier bemüht werden, um jeglichen Zweifel an der eigenen Art zu Leben und zu Denken mit dem Hammer der Modernisierung zu zerschlagen: emanzipiert, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, Gleichberechtigung … Das ganze Instrumentarium westlicher Selbstbesoffenheit wird hier unkritisch aufgefahren um festzustellen: die Anderen sind nicht so wie wir und die Ethnologen tun so, als ob wir gleichwertig wären (was wir selbstverständlich nicht sind). Marshall Sahlins hat einmal gesagt, gute Ethnologie bestehe nicht darin, die Welt der Anderen aus unserer Sicht zu beschreiben, sondern aus der Sicht der Anderen. Derlei intellektuelle Übung ist Christian Weber fremd. Schon alleine das Ansinnen, das Fremde aus sich selbst heraus erklären zu wollen, ist für ihn überkommen. Franz Boas‘ Ansatz misst er gerade mal einen Anspruch für die Vergangenheit zu, in der man es noch mit so bösen Dingen wie mit Rassismus zu tun hatte. „Das war mal eine progressive Ansicht, als man westlichen Rassismus kritisieren wollte und die Meinung ablehnte, dass die ganze Welt möglichst dem europäischen Entwicklungsmodell folgen sollte.“ Aber heute sind die Umstände natürlich ganz anders, suggeriert Weber. Kein Wort davon, dass Demokratie und Menschenrechte in Europa gerade absaufen (in Schlepperbooten in seiner nassen Grenze zu Nordafrika und dem Nahen Osten) oder gedeihlich zu Grabe getragen werden (im aufkommenden Rassismus und Faschismus der saturierten Konsumgesellschaften). Kein Wort davon, dass Transparency International, Good Governance und das Konzept der Staatenbildung (failed states recovery), sowie die Verbreitung von Demokratie das europäische – oder eher amerikanische – Entwicklungsmodell rund um den Globus mit Politik, Militär und Ökonomie durchgesetzt werden sollen, koste es was es wolle. Und seien es die Leben jener, die in solchen Strukturen leben, die der Autor als unzeitgemäss bezeichnen würde: Verwandtschaftsgruppen, tribale Ordnungen und derlei korrupte und undemokratische Gesellungsformen.

ON NOBLE ANTHROPOLOGISTS AND IGNOBLE JOURNALISTS

25. April 2017

von Chris Hann

I thank the organizers of this blog for soliciting a foreign contribution. Unlike all previous contributors (as far as I can tell), I am based outside the country and the academic tradition in which I received my training. In 2017 it would be strange to exaggerate the significance of these differences within the broad field of socio-cultural anthropology. But sometimes they still strike me as significant. Reading Christian Weber’s article and the commentaries it has attracted was one of these occasions.

FOUR COMMENTS ON ANTHROPOLOGY AND CULTURAL RELATIVISM TODAY

18. April 2017

von John Borneman

Christian Weber’s specific claims in the Süddeutsche Zeitung about the relationship of ethnology to native peoples hardly deserves our attention, so unreservedly arrogant and mean-spirited, as it is, filled with willful ignorance and misrepresentation. I am most puzzled why the editors of the SZ, which I highly respect and regularly read, would suspend their consistently high standards for truthful information and print such a piece for today’s readers. In the spirit of this blog that we are responsible for our discipline’s public representation, let me respond with three short, and what I take to be accurate, comments the discipline of anthropology (also called ethnology and Völkerkunde) today.

KULTURRELATIVISMUS, ETHNOPLURALISMUS, “KRITISCHER ETHNOZENTRISMUS”

11. April 2017

von Ulrich van Loyen

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Der Artikel von Christian Weber ist ausführlich besprochen und seine Einwände gegen das Fach sind von ihm selbst relativiert, von anderen widerlegt worden. Das “Gespenst des Indigenen” ist einmal als europäischer Eskapismus (von BoBos, Lebensreformern etc.), ein anderes Mal als letzte Gefährdung (innere und äußere: der Pegida-Sachse, der Detonations-Syrer) enttarnt worden, aber kaum mehr als Phantasma der akademischen Ethnologie. Webers Beitrag legt trotzdem einen Finger in die Wunden, die sich am und mit dem anderen entzünden. Im Folgenden geht es um unsere historisch verbrieften Überlegenheitsgesten oder um die Laxheit, mit der wir die Mühen der Ebenen scheuen, für die uns Aufklärung in die Pflicht nehmen wollte.

VON WILDEN UND WERTEN

4. April 2017

von Susanne Brandtstädter

Das Problem der öffentlichen Wahrnehmung 

Die Ethnologie hat ein Problem mit ihrer öffentlichen Wahrnehmung. Es ist offenbar schlecht bestellt um die Allgemeinverständlichkeit des Faches. Sollen sich die Presse, die selten genug über unsere Arbeit berichtet, und die interessierte Öffentlichkeit soweit in unsere Disziplin einarbeiten, dass die ethnologische „Krise der Repräsentation“, der „ontologische turn“ und die „Anthropos-Debatte“ keine Fremdworte mehr für sie sind? So funktioniert die Welt leider nicht. Wir müssen uns also erstmal den schwarzen Peter selbst zuschieben, wenn wir hauptsächlich als Experten für das Fremde und Exotische angesprochen werden – im besten Fall. Wenn es schlimmer kommt, wie zuletzt in der Süddeutschen Zeitung, werden wir als moralisch orientierungslose Verteidiger fremdartiger Zeitgenossen geschmäht. Auch darüber sollten wir nachdenken.

EIN LEICHTSINNIGES SPIEL

28. März 2017

von Thomas Kirsch

Es scheint, als ob SZ-Journalist Christian Weber, als er beschloss, das rostige Perpetuum Mobile der Kritik an der ‚Mär vom edlen Wilden‘ erneut anzuwerfen, nichts besseres zu tun hatte. Okay, okay – in der unwirtlichen Welt des Berufsjournalismus mag es weiterhin angebracht sein, über Themen, denen die heimische Nestwärme fehlt, vorsichtshalber so massiv drüber zu bügeln, dass am Ende nichts als eine Mär übrig bleibt. Und vielleicht kann man sogar ein bisschen Verständnis zeigen, wenn Journalist_innen auf diese Weise ihrem Broterwerb nachgehen müssen. Die Frage ist allerdings, ob ein wissenschaftlich informierterer und sich selbst reflektierender Journalismus nicht die bessere Alternative wäre.

WAS KANN DIE SOZIOLOGIE VON DER ETHNOLOGIE LERNEN?

21. März 2017

von Gesa Lindemann

In der Debatte in diesem Blog ist im Prinzip das Wichtigste schon gesagt. Es geht der Ethnologie nicht darum, Praktiken zu legitimieren, die aus einem modernen menschenrechtlichen Perspektive als unmenschlich und gewaltsam abzulehnen sind, wie z.B. brachiale körperliche Eingriffe. Vielmehr geht es darum, solche Praktiken aus dem Sinnzusammenhang heraus zu verstehen, in dem sie als notwendig erscheinen. Das braucht nicht wiederholt zu werden.

Wichtig ist aber noch etwas anderes. Wir Nachbardisziplinen, wie etwa die Soziologie, können von der Ethnologie lernen – die Distanz zur modernen Gesellschaft. Nur eine solche Distanz ermöglicht nämlich die Erkenntnis unserer Gesellschaft. Ich verdeutliche dies anhand des Lernprozesses, in den mich die Auseinandersetzung mit Maurice Leenhardt gestürzt hat. Seine Ethnographie über Neukaledonien ist ein schönes Beispiel, wie weit man sich von dem modernen Zugang zur Welt entfernen kann.