ENDE DES BLOGS – FORTSETZUNG DER DISKUSSION

2. Februar 2018

Nach einer längeren Zwangspause durch den Umzug des Blogs von der alten Seite des Global South Studies Center auf die neu gestaltetete Seite, haben wir uns entschieden, diesen Blog nach insgesamt 35 Beiträgen zu beenden. Wir danken allen Autor/inn/en noch einmal herzlich für Ihre Beiträge und die erkenntnisreichen Diskussionen. Der Blog wird nun dauerhaft an dieser Stelle abrufbar sein und wir freuen uns über weitere Kommentare.

Außerdem laden wir Sie ein, unsere zwei neuen Blogs zu besuchen, die in einem weiten Sinne die Diskussion um das Verhältnis von Kulturrelativismus und Aufklärung und die Aufgabe(n) der Ethnologie bzw. Sozial- und Kulturanthropologie fortführen:

gssc.uni-koeln.de/debatinganthropology.html

 

Christoph Antweiler – christoph.antweiler@uni-bonn.de

Ehler Voss – ehler.voss@uni-siegen.de

Martin Zillinger – martin.zillinger@uni-koeln.de

VIELSTIMMIGKEIT, DIFFERENZPOLITIK UND KONFLIKTE …

3. Oktober 2017

von Carola Lentz

Vielleicht liegt es ja an der Zeit meines Studiums in den 1970er Jahren. Ohne eine intensive Grundausbildung in marxistischer Theorie ging gar nichts, und die Soziologie und Politikwissenschaft hatte damals für eine neugierige politisierte Studentin weit Interessanteres anzubieten als die Ethnologie, zumindest an meinen Studienorten.

Fächergrenzen waren uninteressant; wir wollten die Gesellschaft verstehen und verändern. Und jedenfalls lernten meine Kommilitonen und ich, immer nach den Widersprüchen und Konflikten zu fragen, die sich in jeder Gesellschaft finden – egal, ob auf der Makro- oder Mikroebene, und egal, ob im Globalen Norden oder in der „Dritten Welt“, wie es damals hieß. Vielleicht liegt es auch an meiner spannungsreichen Familiengeschichte, die mich von früh an gelehrt hat, auf Dissonanzen zu achten und unterschiedliche Sichtweisen und Interessen der Beteiligten gegebenenfalls zum eigenen Vorteil zu nutzen, wenn ich einigermaßen durchkommen wollte.

SOZIOLOGISCHE ANMERKUNGEN ZUM PROBLEM DES FREMDVERSTEHENS

1. August 2017

Anmerkung der Redaktion: Mit diesem Beitrag verabschiedet sich der Blog in die Semesterpause. Wir wünschen einen schönen Sommer und sind Anfang Oktober zurück.

von Michael Schetsche

Das Problem des Fremdverstehens interessiert mich in zweierlei Hinsicht. Zum einen beschäftigt mich seit Langem die Frage nach dem deutenden Verstehen der Handlungen eines menschlichen Gegenübers generell. Alfred Schütz (1971, 1974) hatte sich im Anschluss an die Überlegungen von Max Weber (1968, 1980) sehr grundlegend mit diesem handlungstheoretischen Problem beschäftigt. Seine Antwort auf die Frage, wie im täglichen Miteinander die Motive des anderen verstanden und dessen Intentionen in der Interaktion durch eigenes Handeln sozial und subjektiv passend ‚beantwortet‘ werden könnten, lässt sich in fünf Leitsätzen zusammenfassen (Schetsche u.a. 2009: 476–477):

VIER STATT ZWEI: (RELATIVISMUS UND UNIVERSALISM)2

25. Juli 2017

von Mario Schmidt

Sowohl der in der Süddeutschen Zeitung erschiene Beitrag als auch einige der im Blog versammelten interventions scheinen von der problematischen Annahme auszugehen, dass Relativismus und Universalismus ein sich gegenseitig logisch ausschließendes Paar konstituieren. Mit anderen Worten: entweder man ist Relativist oder man ist Universalist. Das Hauptproblem dieser Annahme ist die Verkennung der Tatsache, dass jede Aussage auf zwei Arten als universalistisch oder relativistisch verstanden werden kann: einerseits mit Bezug auf die in der Aussage enthaltene Proposition, anderseits mit Bezug auf die Gültigkeit der Aussage selbst. Dies führt dazu, dass die Debatte eigentlich entlang vier möglicher Alternativen geführt werden müsste.

ETHNOLOGIE ALS BERUF

18. Juli 2017

von Heike Delitz

Zunächst möchte man in diese (nicht neue, wiederkehrende) Diskussion um die Verklärung oder aber Verurteilung der Praxen und Subjektverständnisse anderer Kollektive einwerfen: nicht die Ethnologie als Disziplin, sondern kultur-, also modernitätskritische Intellektuelle des 18., 19. und des 20. – und vielleicht auch des 21. – Jahrhunderts haben ‚die Anderen‘ verklärt: Philosophen, Literaten, Künstler, gegenwärtig ebenso Survival-Trainer, oder Hebammen; und EthnologInnen – nicht indes als WissenschaftlerInnen, sondern als politisch oder kulturkritisch Engagierte. Es ist fast zu banal: Der Ethnologie als Wissenschaft geht es mitnichten darum, jeden ’noch so absonderlichen‘ Brauch zu verklären – und ebenso wenig kann es ihr darum gehen, ihn normativ zu bewerten, aus dem Blick der Menschenrechte zu verurteilen. Man kann auch hier Max Webers Vortrag zu ‚Wissenschaft als Beruf‘ in Anschlag bringen – in einem Vortrag zu Ethnologie als Beruf ginge es nach wie vor darum, Analyse und Kritik auseinanderzuhalten. Ethische Positionierungen gehören in das politische oder intellektuelle Leben, oder zum Beruf der Philosophie.

DIE BEDEUTUNG DER ETHNOLOGIE IM ZEITALTER VON BREXIT

11. Juli 2017

von Bettina Schmidt

Ganz ehrlich gesagt ist der Artikel von Christian Weber in der Süddeutschen Zeitung an mir vorbeigegangen. Ich lebe seit 2004 in Großbritannien und habe mit Brexit genug Probleme. Auch ist die Ethnologen-Dresche leider kein Einzelfall. In Brasilien, meinem derzeitigen Forschungsfeld, werden Ethnologen in polemischen Zeitungskampagnen oftmals als naive Verteidiger der Indigenen angegriffen, vor allem wenn sie indigene Landrechte verteidigen. Dabei wird von den Gegnern gerne mit der wachsenden Zahl großstädtischer Obdachloser argumentiert, die das Land bräuchten. Allerdings geht es in der Regel um Land für den industriellen Anbau von Soja oder der Zucht von Rindern, und Obdachlose gehen leer aus. Und auch in Großbritannien, wo Ethnologie sogar in einigen Schulen gelehrt wird, gerät das Fach zunehmend unter Beschuss, wobei der Vorwurf des Kolonialismus eine nützliche Waffe ist. Auf der anderen Seite ist das Interesse an ethnologischen Themen und ethnologischer Methodik größer denn je. Der Begriff der Ethnographie wird zunehmend von Soziologen und anderen Empirikern als Synonym für qualitative Methodik verwendet, ohne allerdings Ethnographie so wie in der Ethnologie zu praktizieren. Was mich bei der Debatte um den Kulturrelativismus aber vor allem stört, ist die Art und Weise, wie auf Franz Boas und sein Werk eingegangen wird. In meinem Beitrag geht es daher um die Bedeutung von Boas im 21. Jahrhundert, im Zeitalter von Brexit.

AUFKLÄRUNG UND RELATIONISMUS

4. Juli 2017

von Jörg Potthast

Beherrscht die (Sozial- und Kultur-)Anthropologie eine Universalsprache, mit der sie sich überall verständlich machen könnte? Ist sie in der Lage, restlos zur Sprache zu bringen, was den Leuten selbst unaussprechlich bleibt, was Tabus und Schweigegeboten unterliegt oder wovon andere nur vorsprachlich wissen? Hat sie ein exklusives Mandat dazu? Niemand würde diese Fragen mit einem dreifachen „Ja“ beantworten und „anthropologisch forschen“ mit „Aufklärung betreiben“ übersetzen. Kein anderes Fach hat sich so gründlich mit dieser und anderen fragwürdigen Autorisierungen wissenschaftlicher Repräsentation auseinandergesetzt. Kein Fach ist sensibler für ganz unterschiedliche Spielarten dafür, „Wissenschaft“ im Namen der „Aufklärung“ zu missbrauchen.

KULTURRELATIVISMUS, GLEICHMACHEREI UND VERSTIMMTE GITARREN

27. Juni 2017

von Markus Verne 

Kulturrelativismus, ob als moralische Haltung, epistemologische Notwendigkeit oder methodischer Zugang, hat ein notwendiges Apriori: kulturelle Andersheit. Weil Kulturrelativismus ja diejenige Haltung kennzeichnet, die versucht, das kulturell Andere nicht im Lichte des Eigenen zu lesen, wird er dann relevant, wenn diejenigen Leute, um die es gerade geht, Dinge tun oder glauben, die von denen abweichen, die man selbst tut oder glaubt; wäre das Andere, anders gesagt, nicht anders, sondern gleich, man bräuchte die eigenen Maßstäbe nicht radikal zu hinterfragen; vielmehr könnte man sie unbesehen dazu nutzen, die Vorstellungen und Praxen der Anderen zu verstehen, sie zu vergleichen und, auch das, zu bewerten.

VOM SINN UND UNSINN DES RELATIVISMUS

20. Juni 2017

von Cornelius Borck

Ohne Zweifel gibt es romantische Idealisierungen und falsche Relativierungen – auch in den Wissenschaften. Aber hat sich damit der Relativismus erledigt? Das scheint Christian Weber mit seinem Artikel Die Mär vom edlen Wilden behaupten zu wollen, wenn er relativierenden Verstehensbemühungen pauschal falschen Romantizismus unterstellt. Einem flotten Artikel eine Debatte zu schenken, lohnt sich nur, wenn sich dahinter Diskussionspunkte ausfindig machen lassen, die den Streit lohnen. Für mich als Nicht-Ethnologe kann das nicht die Frage sein, ob schlechte Romantisierungen dieses Fach heute in einen falschen Relativismus treiben. Ich nehme den Artikel von Weber deshalb als Absprungbrett zur Frage, welchen Sinn relativistische Positionen im wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Diskurs haben. – Und der liegt m.E. gerade darin, den falschen Gegensatz von objektiver Wahrheit und falschem Relativismus aufzusprengen.

ALTE KLISCHEES … ABER DAS EIGENTLICHE PROBLEM NICHT ERKANNT

13. Juni 2017

von Peter Schröder

Es liegt nun schon ein gutes Dreivierteljahr zurück, dass Christian Weber seinen Ethnologie-kritischen Artikel in der SZ veröffentlicht hat, und zahlreiche KollegInnen haben bereits mit sehr interessanten und gut geschriebenen Stellungnahmen reagiert. Insbesondere die Beiträge von Chris Hann, Bernhard Streck und Franz Krause möchte ich hervorheben, ohne damit die übrigen abwerten zu wollen. Die Diskussionen habe ich zum Teil verfolgen können, dachte mir aber, dass es nicht nötig sei, einen weiteren Beitrag zu schreiben, da die KollegInnen bereits kompetent und souverän auf Webers Provokationen geantwortet haben, vor allem was das Thema Kulturrelativismus betrifft.