Mehr Ethnologie ins Humboldt Forum! Zeit für eine sozial- und kulturanthropologische Intervention

23. Januar 2018

von Hansjörg Dilger

Die Zeit läuft: 2019 wird mit dem Humboldt Forum das aktuell „größte und finanziell ehrgeizigste Projekt der Bundeskulturpolitik“  im Herzen der Hauptstadt eröffnet. Ein Ort der Begegnung soll(te) es aus Sicht seiner MacherInnen werden, in dem „Kulturen auf Augenhöhe“ miteinander in den Dialog treten, um „deren Vielfalt [zu] würdigen“.

„zurückGESCHAUT“ und die Praxis des Blickens Eine Rezension zur Dauerausstellung im Berliner Museum Treptow

16. Januar 2018

von Anujah Fernando

Mitten im Handgemenge um Humboldts Erbschaften eröffnete im Oktober 2017 im Berliner Randbezirk Treptow eine Dauerausstellung mit dem unaufgeregten Titel „zurückGESCHAUT“. Das Heimatmuseum widmet sich der Ersten Deutschen Kolonialausstellung, die 1896 auf dem Gelände des Treptower Parks in Berlin stattfand und blickt insbesondere zurück auf die Geschichten der Ausstellungsteilnehmer_innen aus Afrika und Ozeanien. Diese Rezension nimmt den Titel der Ausstellung zum Anlass, um dem Umgang mit Blicken und den Praktiken des Blickens in dieser Ausstellung nachzuspüren.

Korb, Tonkrug, Kreuz

9. Januar 2018

von Mark Münzel

Die Körbe rebellierten: „«Die Menschen gehen aber schlecht mit uns um. Wenn sie uns nicht mehr brauchen, werfen sie uns fort. Die Tiere treten auf uns herum, die Schweine und die Hunde. Dann werfen sie uns in das Feuer und verbrennen uns. Ich bin dafür, daß wir uns vor den Menschen verbergen.» […] Sie entleerten sich und verließen das Haus. Nach einiger Zeit kam die Frau des Hauses mit Yuca und Bananen aus der Pflanzung. Die Körbe waren nicht weit fortgegangen. Sie hörten, wie die Frau sagte: «Wer hat meine Körbe fortgenommen? Worin soll ich alles aufbewahren?»“ Die Körbe lachten, doch dann kehrten sie zurück, weil ohne sie die Unordnung im Haus zu groß wurde. «Und wer hat alles aus euch hinausgeworfen?» fragte die Frau. «Wir haben es getan, das war richtig», sagten die Körbe.“

Kollateralschäden. Eine Polemik

19. Dezember 2017

von Karl-Heinz Kohl

„Europa ist eine Meisterin der Kritik. Wenn sie nicht kritisiert, so verschwindet sie. Vor der Nicht-Existenz fürchtet sie sich am meisten. Ich versuchte auch, sie zu kritisieren, weil sie es von mir verlangte, aber es gelang mir nicht. Ich konnte höchstens ihre Selbstkritik wiederholen.“[1] Diese Sätze der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada fielen mir ein, als ich einige der Blog-Beiträge las.  Yoko Tawada bezieht sie zwar auf Europa. Doch meint sie eigentlich Deutschland, das Land, in dem sie schon seit so vielen Jahren lebt.

Blick ins Weltmuseum Das relaunchte Wiener Völkerkundemuseum gibt einen Vorgeschmack auf das Berliner Humboldt Forum

12. Dezember 2017

von Johanna Di Blasi

Vor kurzem ist nach dreijähriger Umbauphase das frühere Völkerkundemuseum in der Wiener Hofburg als Wiener Weltmuseum (WWM) neu eröffnet worden. Für die Objektpräsentation und Inhaltsgestaltung zeichnete dasselbe Szenografiebüro verantwortlich, Ralph Appelbaum Associates, das zuletzt das Canadian National Museum of Human Rights in Winnipeg und das von Barack Obama eröffnete National Museum of African American History and Culture in Washington DC designte – und das außerdem das Humboldt Forum in Berlin vorbereitet. Daher gilt Wien als Testlauf für das ebenfalls in einem Schloss untergebrachte Berliner Großprojekt. Im Wiener Weltmuseum lässt sich der state of  the art ethographisch-szenografischer Sammlungspräsentation im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts paradigmatisch studieren und auch die neue Rolle von Gegenwartskunst in historischen Museen. Auf Letztere legte ich bei meinem Rundgang besonderes Augenmerk.

‘Cannibals’ with Chestpains: On Ethnographic Collection Histories

5. Dezember 2017

by Rainer F. Buschmann

A Pacific Presences Workshop meeting at Cambridge in July of this year revealed an estimated 250,000 Oceanic artifacts available in numerous German Völkerkunde museums. The astonishment behind this number is twofold: 1. Most of these objects were collected during a relatively short time (roughly between the years of 1870 to 1914). 2. Comparatively speaking German museums house more Oceanic artifacts than France (65,000), The Netherlands (80,000) and Russia (10,000) combined (Buschmann, forthcoming). Assuming that similar numbers also emerge from the rich African collections in the same museums, one can easily grasp the multiple controversies surrounding the Humboldt Forum and related Völkerkunde museums highlighted in this fascinating blog space. The focus of this blog – the novel rethinking of ethnographic collection – should, however, engage “newer” as well as “older” considerations.

Overcoming Distances and Boundaries Some Reflections on Collaboratively Working with Ethnographic Materials in Germany and Australia

28. November 2017

by Martin Porr

The recent debates around the Humboldt Forum in Berlin have drawn attention to various challenges related to the many ethnographic collections in German museums and other institutions (e.g. archives, universities). The existence of the ethnographic collections, their contents and histories crystallise new questions about Europe’s present and past position in the world. How were these collections acquired? How have they shaped the view of other cultures and of Europe’s self-understanding? For the many specialists working in these institutions, these challenges are not new even if they have been differently articulated through time.

Pompei in Afrika – oder die Rezentrierung der Welt

21. November 2017

von Paola Ivanov

Im Oktober 1894 eroberten die deutschen Kolonialtruppen Kalenga, die Festung und Residenz des Hehe-Herrschers Mkwawa, der sich im heutigen festländischen Tansania fast ein Jahrzehnt lang erfolgreich der deutschen Eroberung widersetzt hatte. Die Kolonialtruppen setzten die Stadt in Brand. Nach Friedrich von Schele, Gouverneur des damaligen Deutsch-Ostafrikas, starben bei der Eroberung von Kalenga mindestens 250 Menschen, vermutlich wesentlich mehr.

Fragen über das Humboldt-Forum hinaus

14. November 2017

von Claus Deimel

Wenn Kultursenator Lederer (Berlin) bemerkt, dass „die Ethnologie gerade anfängt, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen“ (Viola König im Blogbeitrag vom 3.10.17), dann steht dies für uninformierte Meinungen auch anderer Politiker. Die Wissenschaft aber ist solchen Sprech auch in ihrer historischen Erfahrung gewohnt und nimmt falsche Darstellungen ihrer Geschichte mehr oder weniger gelassen hin, denn sie weiß, dass die Politik mit Abweichungen von der für koloniales Denken und Verhalten zugerüsteten „allgemeinen Meinung“ selten flexibel umgehen kann.

Zwischen den Stühlen Der Fachverband der Ethnolog*innen diskutiert über das Humboldt Forum

7. November 2017

von Jonas Bens

„Ethnologie im Humboldt Forum: Quo vadis Berlin-Mitte – und mit wem?“ war der Titel einer Podiumsdiskussion, die als einer der Höhepunkte der diesjährigen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie stattfand. Moderiert durch den Journalisten Thomas Schmidt von der Wochenzeitung Die Zeit beteiligten sich vier Wissenschaftler*innen fachöffentlichkeitswirksam an der wieder hitziger geführten Debatte über das Humboldt-Forum: Albert Gouaffo (Professor für Germanistik in Dschang in Kamerun), Viola König (Direktorin des Ethnologischen Museums Berlin), Carola Lentz (Professorin für Ethnologie in Mainz) und Wolfgang Schäffner (Professor für Wissens- und Kulturgeschichte an der HU Berlin).