Imagine decolonizing the law – what would happen?

3. Juli 2018

von Souad Zeineddine

7.6.2018: Im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums (DHM) warte ich gespannt auf den Beginn des interdisziplinären Symposiums „The Stone Cross from Cape Cross – Colonial Objects and Historical Justice“ und fange an mir auszumalen, was wohl passieren würde, wenn N´Jadaka, einer der Hauptprotagonisten aus dem afrofuturistischen Hollywood-Blockbuster ‚Black Panther‘ (2018), durch die Glaskuppel des Schlüterhofes steigen würde. Ziel seines Unternehmens: die Rückführung der Säule von Cape Cross[1]. Nach der (fiktiven) Rückführung der Vibranium-Axt, aus dem (fiktiven) „British Museum“ (jhuexhibtionist 2018) nach Wakanda wäre dies seine zweite ‚illegale‘ Rückführung. Einerseits amüsiert mich die Vorstellung in die entsetzten bis schockierten Gesichter der 350 nationalen und internationalen Gäste (DHM 2018) zu blicken, andererseits fange ich, mit Blick in das Symposiumprogramm an, über die Möglichkeiten der Dekolonisierung des nationalen und internationalen Recht nachzudenken.

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Was wissen wir, wenn wir sehen? Oder: Wie können „Welt“-Museen die kulturelle Geografie erneuern? Ein Blick aus den Staatlichen Museen zu Dresden*

28. Juni 2018

von Monica Juneja

*Aus dem Englischen von Robin Cackett

Museen, die Sammlungen von „Weltkulturen“ aufgebaut haben und uns heute als ethnologische oder, umfassender, als enzyklopädische Museen bekannt sind, sind nach wie vor Gegenstand leidenschaftlicher Debatten. Schon ein flüchtiger Blick auf die vielfältigen und erkenntnisreichen Beiträge dieses Blogs vermittelt uns einen Eindruck von den Polen, zwischen denen die Überlegungen in den letzten Jahren in der Regel schwanken, nämlich den Polen einer postkolonialen Kritik und eines zeitgenössischen Multikulturalismus. Jenseits dieser, inzwischen wohlbekannten Binarität versuchen weitere Positionen in der Diskussion, unserem Verständnis der Fragen, um die es dabei geht, eine größere Komplexität zu verleihen. Einer der Vorschläge besteht darin, dass wir eine „Wurmperspektive“ einnehmen, wie Kavita Singh es getan hat,[1] will heißen: dass wir eine Mikroperspektive aus der jeweiligen Lokalität heraus einnehmen. Eine solche Verschiebung des Maßstabs würde uns unmittelbar darauf aufmerksam machen, dass nicht alle Gemeinschaften einer gegebenen Region oder Lokalität aus derselben Position sprechen wie es die offizielle Stimme des Nationalstaats tut.

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The pitfalls of ‘shared heritage’

19. Juni 2018

by Sarah van Beurden

As a historian of museum institutions on the African continent, and as someone who has chronicled the histories of earlier disputes around restitution, I have been following the growing debates around the reinstallation of European museums with great interest. They are, at least in part, responsible for the recent revival of debates around the western possession of African heritage. In particular, this connection is apparent in the projected reinstallation of the collections of the Staatliche Museen zu Berlin in the Humboldt Forum, slated to open in December 2019, as well as in the renovation and reinstallation of the Africa Museum in Tervuren, Belgium, slated to reopen this December. The leadership of these institutions have, to their credit, engaged with the existing debates. However, in doing so, both Hermann Parzinger, head of the Humboldt Forum and Guido Gryseels, director of the Belgian Royal Museum for Central Africa, have used the concept of ‘shared heritage’ (patrimoine partagé) to define their collections, as a way to address a common history and to recognize the importance of the objects in their institutions for multiple communities.[1] I want to explore the historical trajectory of that term and its consequences here.

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Lässt sich der koloniale Blick umdrehen? Das Rautenstrauch-Joest Museum befasst sich mit der Pionierarbeit seines früheren Direktors Julius Lips

12. Juni 2018

von Steffi de Jong

Über Wochen blickte sie mir in Köln immer wieder von Plakaten und Fahnen entgegen. Eine furchteinflößende Figur (Abb. 1). Groß aufgerissene Augen, den Mund weit geöffnet, die Zähne gebleckt, das Gesicht kreideweiß, der linke Arm über den Kopf hin ausgestreckt, so dass man kaum umhin kam, sich an die Begrüßungsgeste der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte erinnert zu fühlen. Daneben die Überschrift: „Der Wilde schlägt zurück“. Ist diese Figur der Wilde?, fragte ich mich. Und gegen wen schlägt er zurück?

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Das Wissen der Anderen in der Provenienzforschung

29. Mai 2018

von Andrea Scholz

Im Jahr 2017 erlebten alle, die sich in Deutschland für ethnologische Sammlungen interessieren, einen heißen Sommer der Provenienzforschung. Befeuert wurde die Diskussion unter anderem durch den öffentlichkeitswirksamen Austritt der Kunsthistorikerin und Raubkunstexpertin Bénédicte Savoy aus dem Expertengremium des Humboldt Forums. In einem vielbeachteten Interview in der Süddeutschen Zeitung erklärte Savoy, die Bedeutung eines Objekts an seinem Herkunftsort interessiere sie nicht, sie wolle wissen, „(…) wieviel Blut von einem Kunstwerk tropft, wieviel wissenschaftlicher Ehrgeiz darin steckt, wieviel archäologisches Glück“[1]. In ihrer Stellungnahme „Aus aktuellem Anlass“ (23.8.2017[2]) reagierte Larissa Förster mit deutlichen Worten auf diese polemische Aussage Savoys: „Provenienzforschung als ein Nacherzählen der Stationen des Erwerbs und der Aneignung der Dinge durch Europäer greift zu kurz und ist eurozentrisch“[3]. Folgerichtig fordert Förster eine ethnologisch informierte Provenienzforschung, in Zusammenarbeit mit Expert*innen aus den Herkunftsregionen der Sammlungen: „Es geht um ein neues Paradigma: um die gemeinsame – einvernehmliche, aber möglicherweise durchaus kontroverse – Produktion von Wissen über diese Sammlungen“ [4].

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Ethnologische Sammlungen Keine Apologie – eine Richtigstellung

22. Mai 2018

von Fritz W. Kramer

 

Dieser Text wurde ursprünglich für diesen Blog unter dem Titel „Ethnologische Sammlungen. Keine Apologie – eine Richtigstellung“ geschrieben, erschien jedoch zuerst in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ vom 8. Mai 2018 (The text was originally written for this blog, but first published in German in „DIE ZEIT“, May 8th, 2018):

www.zeit.de/2018/20/tauschhandel-transaktionen-ethnologie-raubkunst

 

Auf diesem Blog finden Sie eine Übersetzung dieses Textes von Robin Cackett. (On this blog, you will find a translation of this text provided by Robin Cackett.)

Touching history Objects as witnesses, witnesses of objects

15. Mai 2018

by Leonor Faber-Jonker

In Berlin, history is tangible. It strikes me every time I visit the city. Empty plots, fading shop signs, and crumbling facades bear witness to the city’s tumultuous past. Monuments bear scars. The bronze reliefs of the Siegessäule (moved to its current location by the Nazis) are pockmarked with 1945 bullet holes. After Germany’s reunification, the tarnished Reichstag was rebuilt with a transparent dome, while inside, the graffiti of German soldiers was left in place. The echoes of a divided city, the devastation of war. A few weeks ago, on my way to the book presentation of Provenienzforschung zu ethnografischen Sammlungen der Kolonialzeit in Humboldt University, I had some time to spare and visited the Tränenpalast. Once, this benign-looking building had been an entrance point to the West from the Eastern half of the city. A free exhibition evokes the injustices of a city divided. Family heirlooms are on display. Treasured objects, carried in small suitcases by people fleeing the GDR. A set of tableware, buried in East-Germany in the 1950s, only to be dug up decades later, after the fall of the wall. And now, in the museum, viewed by visitors from all over the world, these highly personal mementoes carry new meanings as symbols of injustice and defiance.

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Das Museum der Befreiung Exkursion in die Frühgeschichte der Rückeroberung

8. Mai 2018

von Christian Kravagna

 

„Nothing is more galvanizing than the sense of a cultural past. This at least the intelligent
presentation of African Art will supply to us.“

– Alain Locke, A Note on African Art, Opportunity, 2, May 1924

 

In seinem Vorwort zum Katalog der Ausstellung Blondiau – Theatre Arts Collection of Primitive African Art, 1927 im New Art Circle in New York, schreibt Alain Locke im Anschluss an eine allgemeine Charakterisierung der ausgestellten Kunstwerke und ihrer Bedeutung für den europäischen Modernismus: „[…] it is curious to note that the American descendants of these African craftsmen have a strange deficiency in the arts of their ancestors.“[1] Wie schon in früheren Aufsätzen konstatiert der Philosoph einen Rückstand der bildenden Künste der Afroamerikaner_innen gegenüber ihrer Musik, dem Tanz und der Literatur. Während in diesen Genres eine Synthese von traditionellen Schwarzen und eminent modernen Ausdrucksweisen bereits gelungen wäre, hätten die plastischen Künste eine zeitgemäße und der modernen Schwarzen Erfahrung entsprechende Interpretation der Kunst der Vorfahren erst zu leisten. Die politische Bedeutung dieser Auseinandersetzung mit afrikanischer Kunst sieht Locke in der ermächtigenden Bestätigung, „that the Negro is not a cultural foundling without his own inheritance.“[2] Im entschiedenen Widerspruch zur verbreiteten Ansicht eines Kulturverlust der Schwarzen Amerikaner_innen durch die Jahrhunderte der Versklavung argumentiert Locke, dass jene afrikanische Kunst, die so wesentlich zur europäischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts beigetragen hat, umso legitimer von den Künstler_innen der afrikanischen Diaspora aufzugreifen und in einen ästhetischen Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins des New Negro Movement zu übersetzen wäre. Er spricht dabei unmissverständlich von der Notwendigkeit der Rückeroberung (recapture) der „kreativen Originalität“ der afrikanischen Künste.

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What do we know when we see? Or how can museums of “the world” renew cultural geographies? A view from the State Museums of Dresden

1. Mai 2018

by Monica Juneja

Museums that have built collections of “world cultures”, known to us today as either ethnological or the more encompassing, encyclopedic museums, have not ceased to be the subject of impassioned debates. Even a cursory glance through the diverse and insightful contributions to this blog give us a sense of the poles along which deliberations over the recent years have tended to oscillate, that is, between the poles of postcolonial critique and contemporary multiculturalism. Beyond these two, now well familiar binaries, further positions in the discussion seek to complicate our understanding of the issues at stake. One such argument is that we adopt “a worm’s eye view”, as Kavita Singh has done[i], a micro-perspective from the locality. Such a shift of scale would immediately draw our attention to the fact that not all communities in a given region or locality speak from the same position as the official voice of the nation-state.

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“Dialogue” und “Collaboration“ mit “Source Communities” Persönliche Reflexionen zum Schwerpunkt „gemeinsames Kulturerbe“

17. April 2018

von Rainer Hatoum

Ethnologische Museen und Sammlungen nehmen innerhalb der Museumslandschaft eine Sonderstellung ein. Diese ergibt sich u.a. daraus, dass viele der heutigen Nachfahren der Gemeinschaften, aus denen die Sammlungen ursprünglich stammen, eine Rückkopplung mit diesen Beständen suchen. Insofern weisen diese Institutionen eine neue, eigene Nutzergruppe auf, die „Source Communities“[i].

In meiner mehrjährigen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen dieser Entwicklung, die ich am Ethnologischen Museum in Berlin im Rahmen eines zweijährigen Volontariats und zwei dreijährigen Forschungsprojekten (2005-2012), aber auch in hierauf folgenden Forschungsprojekten seither sammeln konnte, beschäftigte ich mich zudem intensiv mit der Frage, inwiefern man diese Gemeinschaften stärker aktiv seitens der Museen als „Partner“ einbeziehen kann. Naheliegend ist dabei die Entwicklung des Grundgedankens eines „geteilten“ bzw. „gemeinsamen Kulturerbes” – schließlich sind die Sammlungen auch Produkte unserer verwobenen Interaktionsgeschichte(n). Diesen Gedanken beleuchtete ich auf der Grundlage mehrerer langfristiger, auf „collaboration“ ausgerichteter Projekte. Ziel war es, nicht nur die Geschichte einzelner Sammlungen aufzuarbeiten, sondern auch, deren Biografien fortzuschreiben. Die so gewonnenen Erfahrungen haben mir dabei die Notwendigkeit verdeutlicht, die eigene Rolle als „Dialogpartner“ in solchen Prozessen und die Frage „Was wollen wir eigentlich und zu welchem Zweck?“ verstärkt zu problematisieren.