Why has the ethnographic museum run out of steam?

27. Februar 2018

von Philipp Schorch

Please allow me to begin with a Latourian digression to frame what I want to say about the current debates over ethnographic museums. “What has become of critique,” Bruno Latour asked almost fifteen years ago, “when an editorial in the New York Times contains the following quote?

Most scientists believe that [global] warming is caused largely by man-made pollutants that require strict regulation. Mr. Luntz [a Republican strategist] seems to acknowledge as much when he says that “the scientific debate is closing against us.” His advice, however, is to emphasize that the evidence is not complete.

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Parzinger’s misconceptions and misrepresentations of the restitution of African artefacts

21. Februar 2018

von Kwame Tua Opoku

“The restitution of those cultural objects which our museums and collections, directly or indirectly, possess thanks to the colonial system and are now being demanded, must also not be postponed with cheap arguments and tricks.”

Gert v. Paczensky and Herbert Ganslmayr, Nofretete will nach Hause. (1)

In an interview dated February 2018, Dr Herrmann Parzinger, repeating an idea of Neil MacGregor, former director of the British Museum and now a founding director of the Humboldt Forum, declares that we need new stories: There must be new stories. (Es muss neue Erzählungen geben.) (2) Like MacGregor, Parzinger is uncomfortable with the history of the looted African artefacts in Western museums and would like to tell a different history but knows that the history of Europeans’ violent attacks and robbery in Africa and Asia are too well established. He would like to tell stories with the African objects when they are moved to a new location. Note the choice of words: ‘stories’ and not ‘histories’. What never seems to occur to Western museum experts who want to tell the stories of others, especially Africans, is that Africans may want to tell their own histories with the objects now withheld from them. This appears inconceivable to many Westerners. Perhaps they think we have some irreparable congenital deficiencies that prevent us from telling our own histories.

Das vergiftete Museum

13. Februar 2018

von Ulrich van Loyen

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Die Edda/ M. Mauss

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Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, hat sich in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Januar Emmanuel Macrons Vorschlag zu eigen gemacht: Artefakte, die in kolonialem Kontext nach Europa gekommen sind, am Ort ihrer Herkunft auszustellen.Der Preußische Staatsbesitz mit seinem Preußischen Schloss, diesem Vintage-Sarg, der zwar nicht die ganze Welt enthält, wie es Hegel vorschwebte, so doch immerhin das Verhältnis der Preußendeutschen zur ganzen Welt, sieht sich im Schatten Frankreichs in die Pflicht genommen, international groß aufzuspielen. Denn freilich bedarf es neben den politisch legitimierten gigantischen Forschungsgeldern, damit Provenienzen rekonstruiert, Handschriften entschlüsselt, Transparenz gegenüber Mittelgebern und Souverän verbürgt werden kann (Digitalisierung), vor allem internationaler Rahmenbedingungen der Ausstellungen, die dann vor Ort mit dem – am besten vom Restituenten identifizierten – richtigen Empfänger der Ausstellungsobjekte (der auch das richtige Haus und den richtigen Umgang mit den Objekten zu gewährleisten hat) den Rücklauf regeln. Ob es sich um juristisch verbindliche Rückgaben oder Ausleihen handelt, scheint für Parzinger erst einmal sekundär (und lässt tief blicken). Am Beispiel der Plastiken des Königshauses von Benin weist Parzinger auf, dass man ja erst einmal darüber nachdenken muss, wer denn nun etwas zurückbekomme. Und ja, am besten sollten ganz viele darüber nachdenken, ganz Europa, denn dort lagern schließlich verstreut die Objekte. Man könnte fürchten, dass daraus ein europäischer Erziehungsauftrag resultiert, in dem Fall gegenüber den Nigerianern, die zuerst einmal zu Geduld und Verständnis für die deutsche Mischung aus Barbarei und Pedanterie aufgerufen werden. Die Museen müssen gebaut und betrieben werden, dabei wünscht man dem Staat Nigeria viel Spaß. Aber – und diese Hoffnung scheint durch den Vorschlag – irgendwie könnte am Museum auch eine zerrissene Nation genesen bzw. eine „imagined community“ zusammenfinden. Als ob die Rückgabe diejenigen, denen es zurückgegeben wird, allererst herstellte. Das sind, neben den musealen Beziehungen, in die sich Deutschland gegenüber dem Rest der Welt einfinden will, doch schöne Aussichten.
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Photographie und Kolonialgeschichte im Museum

6. Februar 2018

von Elizabeth Edwards

In Britannien hat die Kolonialgeschichte unlängst ungewohnte Schlagzeilen gemacht. Der Grund war nicht etwa eine durch den Brexit heraufbeschworene neue Sensibilität (wie sah unsere Geschichte wirklich aus?), obschon auch dies ein unterschwelliger Strang der Erzählung sein könnte. Denn es gibt in der Tat ein wachsendes Interesse an und eine öffentliche Auseinandersetzung mit den visuellen Voraussetzungen der britischen Kolonialgeschichte. Zuerst forderten postkoloniale Aktivistinnen und –Aktivisten die Entfernung der Statue des Erzimperialisten Cecil Rhodes von der Straßenfront vor dem Oriel College in Oxford (die Forderung wurde nicht umgesetzt, aber heftig diskutiert); dann entbrannte ein Streit über die Umbenennung der bekannten Veranstaltungsstätte Colson Hall in Bristol, die nach einem lokalen Sklavenhändler und Philanthropen aus dem 18. Jahrhundert benannt ist; und zuletzt kam der Streit, aus dem das Projekt ‚The Ethics of Empire’ hervorging. Er wurde von einem Oxforder Theologen losgetreten, dem es um eine Neubewertung von ‚gut’ und ‚böse’ in der Kolonialgeschichtsschreibung ging und der die Vorherrschaft von letzterem, ja sogar die Unterstellung einer solchen, in den historischen Debatten und öffentlichen Darstellungen einer multikulturellen Gesellschaft in Frage stellte. Seine Stellungnahme provozierte zahlreiche Leserbriefe in den Zeitungen und eine lange, gemäßigte Erwiderung von über sechzig Oxforder Historikern und Ethnologen. Diese Proteste und die neuerliche Untersuchung unbequemer Wahrheiten der britischen Kolonialgeschichte verschafften der Debatte eine breitere Öffentlichkeit. Aber interessanterweise sprach niemand darüber, wie eine Beschäftigung mit dieser Geschichte in der Öffentlichkeit jenseits der Frage nach der Entfernung einer Statue aussehen sollte — oder auch nicht. Die Museen, die doch maßgebliche Multiplikatoren einer öffentlichen Geschichtsschreibung mit eigenem Bildungsauftrag sind, glänzten in dieser Debatte durch vornehme Zurückhaltung und auch ihre wichtigste Zeitschrift im Lande, The Museums Journal, blieb in der Sache bemerkenswert stumm. Das scheint wie eine versäumte Gelegenheit. Denn während diese Diskussionen tobten, insbesondere die letzte über die „Ethik des Empire“, wurde, versteckt in einem der obersten Stockwerke der Bristol City Art Gallery and Museum, eine kleine Photoausstellung eingerichtet, die Fragen zu einer mehrstimmigen Erfahrung des Empire und des kolonialen Vermächtnisses aufwarf und auslotete: Empire Through the Lens. Ich möchte mich auf diese kleine, aber zeitgemäße Intervention konzentrieren, weil sie nicht nur Fragen zur Repräsentation der Kolonialgeschichte im öffentlichen Raum und damit auch innerhalb der breiteren Aufgabenstellung des Humboldt-Forums aufwirft, sondern weil sie darüber hinaus die Möglichkeiten und die Problematik des Einsatzes von Photographien bei der Vermittlung von Geschichte thematisiert. Ich werde weiter unten auf die Besonderheiten dieser Ausstellung zurückkommen.
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Die Schönheit des Vorübergehenden. Für mehr ‚Konzept’, Experiment und Fragilität im Museum

30. Januar 2018

von Friedrich von Bose

Der Situation des Umbruchs, in der sich das ethnologische Museum momentan befindet, macht vieles gleichzeitig sichtbar: Plädoyers für wie auch Widerstände gegen konzeptuelle Erneuerung; die Frage des Umgangs mit der kolonialen Provenienz der Sammlungen, und daran anschließend die Debatten um Restitution. Ohne das Humboldt Forum im Berliner Schloss hätten viele dieser Fragen wohl kaum eine solche Prominenz in der kulturpolitischen Diskussion erfahren. Doch auch andernorts ist Bewegung gekommen in die Welt der deutschsprachigen ethnologischen Museen. Hamburg, Leipzig, Dresden, Basel, Frankfurt, Wien, Stuttgart – dies sind nur die momentan prominentesten, und sie lassen bisweilen den Eindruck entstehen, als seien die Potenziale für grundlegendere Befragung der eigenen Sammlungen wie auch der Ausstellungspraxis dort größer, wo das Rampenlicht weniger blendet.

Mehr Ethnologie ins Humboldt Forum! Zeit für eine sozial- und kulturanthropologische Intervention

23. Januar 2018

von Hansjörg Dilger

Die Zeit läuft: 2019 wird mit dem Humboldt Forum das aktuell „größte und finanziell ehrgeizigste Projekt der Bundeskulturpolitik“  im Herzen der Hauptstadt eröffnet. Ein Ort der Begegnung soll(te) es aus Sicht seiner MacherInnen werden, in dem „Kulturen auf Augenhöhe“ miteinander in den Dialog treten, um „deren Vielfalt [zu] würdigen“.

„zurückGESCHAUT“ und die Praxis des Blickens Eine Rezension zur Dauerausstellung im Berliner Museum Treptow

16. Januar 2018

von Anujah Fernando

Mitten im Handgemenge um Humboldts Erbschaften eröffnete im Oktober 2017 im Berliner Randbezirk Treptow eine Dauerausstellung mit dem unaufgeregten Titel „zurückGESCHAUT“. Das Heimatmuseum widmet sich der Ersten Deutschen Kolonialausstellung, die 1896 auf dem Gelände des Treptower Parks in Berlin stattfand und blickt insbesondere zurück auf die Geschichten der Ausstellungsteilnehmer_innen aus Afrika und Ozeanien. Diese Rezension nimmt den Titel der Ausstellung zum Anlass, um dem Umgang mit Blicken und den Praktiken des Blickens in dieser Ausstellung nachzuspüren.

Korb, Tonkrug, Kreuz

9. Januar 2018

von Mark Münzel

Die Körbe rebellierten: „«Die Menschen gehen aber schlecht mit uns um. Wenn sie uns nicht mehr brauchen, werfen sie uns fort. Die Tiere treten auf uns herum, die Schweine und die Hunde. Dann werfen sie uns in das Feuer und verbrennen uns. Ich bin dafür, daß wir uns vor den Menschen verbergen.» […] Sie entleerten sich und verließen das Haus. Nach einiger Zeit kam die Frau des Hauses mit Yuca und Bananen aus der Pflanzung. Die Körbe waren nicht weit fortgegangen. Sie hörten, wie die Frau sagte: «Wer hat meine Körbe fortgenommen? Worin soll ich alles aufbewahren?»“ Die Körbe lachten, doch dann kehrten sie zurück, weil ohne sie die Unordnung im Haus zu groß wurde. «Und wer hat alles aus euch hinausgeworfen?» fragte die Frau. «Wir haben es getan, das war richtig», sagten die Körbe.“

Kollateralschäden. Eine Polemik

19. Dezember 2017

von Karl-Heinz Kohl

„Europa ist eine Meisterin der Kritik. Wenn sie nicht kritisiert, so verschwindet sie. Vor der Nicht-Existenz fürchtet sie sich am meisten. Ich versuchte auch, sie zu kritisieren, weil sie es von mir verlangte, aber es gelang mir nicht. Ich konnte höchstens ihre Selbstkritik wiederholen.“[1] Diese Sätze der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada fielen mir ein, als ich einige der Blog-Beiträge las.  Yoko Tawada bezieht sie zwar auf Europa. Doch meint sie eigentlich Deutschland, das Land, in dem sie schon seit so vielen Jahren lebt.

Blick ins Weltmuseum Das relaunchte Wiener Völkerkundemuseum gibt einen Vorgeschmack auf das Berliner Humboldt Forum

12. Dezember 2017

von Johanna Di Blasi

Vor kurzem ist nach dreijähriger Umbauphase das frühere Völkerkundemuseum in der Wiener Hofburg als Wiener Weltmuseum (WWM) neu eröffnet worden. Für die Objektpräsentation und Inhaltsgestaltung zeichnete dasselbe Szenografiebüro verantwortlich, Ralph Appelbaum Associates, das zuletzt das Canadian National Museum of Human Rights in Winnipeg und das von Barack Obama eröffnete National Museum of African American History and Culture in Washington DC designte – und das außerdem das Humboldt Forum in Berlin vorbereitet. Daher gilt Wien als Testlauf für das ebenfalls in einem Schloss untergebrachte Berliner Großprojekt. Im Wiener Weltmuseum lässt sich der state of  the art ethographisch-szenografischer Sammlungspräsentation im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts paradigmatisch studieren und auch die neue Rolle von Gegenwartskunst in historischen Museen. Auf Letztere legte ich bei meinem Rundgang besonderes Augenmerk.