Das Wissen der Anderen in der Provenienzforschung

29. Mai 2018

von Andrea Scholz

Im Jahr 2017 erlebten alle, die sich in Deutschland für ethnologische Sammlungen interessieren, einen heißen Sommer der Provenienzforschung. Befeuert wurde die Diskussion unter anderem durch den öffentlichkeitswirksamen Austritt der Kunsthistorikerin und Raubkunstexpertin Bénédicte Savoy aus dem Expertengremium des Humboldt Forums. In einem vielbeachteten Interview in der Süddeutschen Zeitung erklärte Savoy, die Bedeutung eines Objekts an seinem Herkunftsort interessiere sie nicht, sie wolle wissen, „(…) wieviel Blut von einem Kunstwerk tropft, wieviel wissenschaftlicher Ehrgeiz darin steckt, wieviel archäologisches Glück“[1]. In ihrer Stellungnahme „Aus aktuellem Anlass“ (23.8.2017[2]) reagierte Larissa Förster mit deutlichen Worten auf diese polemische Aussage Savoys: „Provenienzforschung als ein Nacherzählen der Stationen des Erwerbs und der Aneignung der Dinge durch Europäer greift zu kurz und ist eurozentrisch“[3]. Folgerichtig fordert Förster eine ethnologisch informierte Provenienzforschung, in Zusammenarbeit mit Expert*innen aus den Herkunftsregionen der Sammlungen: „Es geht um ein neues Paradigma: um die gemeinsame – einvernehmliche, aber möglicherweise durchaus kontroverse – Produktion von Wissen über diese Sammlungen“ [4].

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Ethnologische Sammlungen Keine Apologie – eine Richtigstellung

22. Mai 2018

von Fritz W. Kramer

 

Dieser Text wurde ursprünglich für diesen Blog unter dem Titel „Ethnologische Sammlungen. Keine Apologie – eine Richtigstellung“ geschrieben, erschien jedoch zuerst in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ vom 8. Mai 2018 (The text was originally written for this blog, but first published in German in „DIE ZEIT“, May 8th, 2018):

www.zeit.de/2018/20/tauschhandel-transaktionen-ethnologie-raubkunst

 

Auf diesem Blog finden Sie eine Übersetzung dieses Textes von Robin Cackett. (On this blog, you will find a translation of this text provided by Robin Cackett.)

Touching history Objects as witnesses, witnesses of objects

15. Mai 2018

by Leonor Faber-Jonker

In Berlin, history is tangible. It strikes me every time I visit the city. Empty plots, fading shop signs, and crumbling facades bear witness to the city’s tumultuous past. Monuments bear scars. The bronze reliefs of the Siegessäule (moved to its current location by the Nazis) are pockmarked with 1945 bullet holes. After Germany’s reunification, the tarnished Reichstag was rebuilt with a transparent dome, while inside, the graffiti of German soldiers was left in place. The echoes of a divided city, the devastation of war. A few weeks ago, on my way to the book presentation of Provenienzforschung zu ethnografischen Sammlungen der Kolonialzeit in Humboldt University, I had some time to spare and visited the Tränenpalast. Once, this benign-looking building had been an entrance point to the West from the Eastern half of the city. A free exhibition evokes the injustices of a city divided. Family heirlooms are on display. Treasured objects, carried in small suitcases by people fleeing the GDR. A set of tableware, buried in East-Germany in the 1950s, only to be dug up decades later, after the fall of the wall. And now, in the museum, viewed by visitors from all over the world, these highly personal mementoes carry new meanings as symbols of injustice and defiance.

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Das Museum der Befreiung Exkursion in die Frühgeschichte der Rückeroberung

8. Mai 2018

von Christian Kravagna

 

„Nothing is more galvanizing than the sense of a cultural past. This at least the intelligent
presentation of African Art will supply to us.“

– Alain Locke, A Note on African Art, Opportunity, 2, May 1924

 

In seinem Vorwort zum Katalog der Ausstellung Blondiau – Theatre Arts Collection of Primitive African Art, 1927 im New Art Circle in New York, schreibt Alain Locke im Anschluss an eine allgemeine Charakterisierung der ausgestellten Kunstwerke und ihrer Bedeutung für den europäischen Modernismus: „[…] it is curious to note that the American descendants of these African craftsmen have a strange deficiency in the arts of their ancestors.“[1] Wie schon in früheren Aufsätzen konstatiert der Philosoph einen Rückstand der bildenden Künste der Afroamerikaner_innen gegenüber ihrer Musik, dem Tanz und der Literatur. Während in diesen Genres eine Synthese von traditionellen Schwarzen und eminent modernen Ausdrucksweisen bereits gelungen wäre, hätten die plastischen Künste eine zeitgemäße und der modernen Schwarzen Erfahrung entsprechende Interpretation der Kunst der Vorfahren erst zu leisten. Die politische Bedeutung dieser Auseinandersetzung mit afrikanischer Kunst sieht Locke in der ermächtigenden Bestätigung, „that the Negro is not a cultural foundling without his own inheritance.“[2] Im entschiedenen Widerspruch zur verbreiteten Ansicht eines Kulturverlust der Schwarzen Amerikaner_innen durch die Jahrhunderte der Versklavung argumentiert Locke, dass jene afrikanische Kunst, die so wesentlich zur europäischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts beigetragen hat, umso legitimer von den Künstler_innen der afrikanischen Diaspora aufzugreifen und in einen ästhetischen Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins des New Negro Movement zu übersetzen wäre. Er spricht dabei unmissverständlich von der Notwendigkeit der Rückeroberung (recapture) der „kreativen Originalität“ der afrikanischen Künste.

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What do we know when we see? Or how can museums of “the world” renew cultural geographies? A view from the State Museums of Dresden

1. Mai 2018

by Monica Juneja

Museums that have built collections of “world cultures”, known to us today as either ethnological or the more encompassing, encyclopedic museums, have not ceased to be the subject of impassioned debates. Even a cursory glance through the diverse and insightful contributions to this blog give us a sense of the poles along which deliberations over the recent years have tended to oscillate, that is, between the poles of postcolonial critique and contemporary multiculturalism. Beyond these two, now well familiar binaries, further positions in the discussion seek to complicate our understanding of the issues at stake. One such argument is that we adopt “a worm’s eye view”, as Kavita Singh has done[i], a micro-perspective from the locality. Such a shift of scale would immediately draw our attention to the fact that not all communities in a given region or locality speak from the same position as the official voice of the nation-state.

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“Dialogue” und “Collaboration“ mit “Source Communities” Persönliche Reflexionen zum Schwerpunkt „gemeinsames Kulturerbe“

17. April 2018

von Rainer Hatoum

Ethnologische Museen und Sammlungen nehmen innerhalb der Museumslandschaft eine Sonderstellung ein. Diese ergibt sich u.a. daraus, dass viele der heutigen Nachfahren der Gemeinschaften, aus denen die Sammlungen ursprünglich stammen, eine Rückkopplung mit diesen Beständen suchen. Insofern weisen diese Institutionen eine neue, eigene Nutzergruppe auf, die „Source Communities“[i].

In meiner mehrjährigen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen dieser Entwicklung, die ich am Ethnologischen Museum in Berlin im Rahmen eines zweijährigen Volontariats und zwei dreijährigen Forschungsprojekten (2005-2012), aber auch in hierauf folgenden Forschungsprojekten seither sammeln konnte, beschäftigte ich mich zudem intensiv mit der Frage, inwiefern man diese Gemeinschaften stärker aktiv seitens der Museen als „Partner“ einbeziehen kann. Naheliegend ist dabei die Entwicklung des Grundgedankens eines „geteilten“ bzw. „gemeinsamen Kulturerbes” – schließlich sind die Sammlungen auch Produkte unserer verwobenen Interaktionsgeschichte(n). Diesen Gedanken beleuchtete ich auf der Grundlage mehrerer langfristiger, auf „collaboration“ ausgerichteter Projekte. Ziel war es, nicht nur die Geschichte einzelner Sammlungen aufzuarbeiten, sondern auch, deren Biografien fortzuschreiben. Die so gewonnenen Erfahrungen haben mir dabei die Notwendigkeit verdeutlicht, die eigene Rolle als „Dialogpartner“ in solchen Prozessen und die Frage „Was wollen wir eigentlich und zu welchem Zweck?“ verstärkt zu problematisieren.

Humboldt Forum, Ethnologie und kulturelles Erbe

27. März 2018

von Christian Feest

Kulturelles Erbe ist die Behauptung des mehr oder weniger exklusiven kollektiven Besitzes von identitätsstiftendem kulturellem Kapital (gleich ob materiell oder immateriell), dessen Ursprung in der Vergangenheit lokalisiert wird. Grundsätzlich gilt das für alle heutigen und vergangenen Gesellschaften der Welt, die sich aber voneinander in der Art und Weise unterscheiden, wie dieses Kapital akkumuliert und verwaltet, wie die Vergangenheit konstruiert und in welchem Ausmaß die Identitätsstiftung artikuliert bzw. reflektiert wird: sei es als Ausdruck einer lebendigen und sich kontinuierlich verändernden Überlieferung, sei es durch die Bewahrung von unveränderlichen materiellen Zeugnissen (einschließlich von Dokumenten von Handlungen oder Ereignissen in Schrift, Bild und Ton), sei es – wie in unserer Gesellschaft – durch ein niemals widerspruchsfreies Nebeneinander dieser beiden Strategien.

Exasperation An Outsider’s Take on (some of) the Current Debates Surrounding the Humboldt Forum

20. März 2018

by H. Glenn Penny

Last fall, when the editors of this blog asked me to join their discussions about the Humboldt Forum, I declined. They explained that they wanted to broaden the debate by bringing in outside views. They thought I would be a good candidate, given my past work on the history of German ethnology and ethnographic museums. I was not so sure. It is a strikingly internal debate, and to be quite honest, it’s disconcerting on many levels. I cannot touch on them all here; but I can share some of my exasperation.

What is a devolution? The circulation of remnants and demonstrations of trust and recognition of indigenous peoples in Brazil

6. März 2018

by Luísa Valentini

Reading the contents in this blog (the ones I could read, since I don’t speak German), it struck me that, while a lot of debates in museums have been organized in terms of repatriation, in Brazil I have often heard a different term: devolution or return. So when I received an invitation to contribute to this debate, I thought a consideration on the theme of devolution could be useful. This text has been assembled from perceptions and interlocutions I have gathered in my present doctoral research, concerning documental collections formed in Brazil by ethnologists who have worked with indigenous peoples since the 1960s. The aspects of anthropological practice I mention here can be considered to apply to anthropology in Brazil as a whole, but in the work developed in other ethnographic contexts there are, as in any relational work, different inflections in the ways devolution is conceived. So as not to extend the text – and expecting that colleagues from other countries might contribute as well – I have restricted this perspective to the Brazilian case.
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