Pompei in Afrika – oder die Rezentrierung der Welt

21. November 2017

von Paola Ivanov

Im Oktober 1894 eroberten die deutschen Kolonialtruppen Kalenga, die Festung und Residenz des Hehe-Herrschers Mkwawa, der sich im heutigen festländischen Tansania fast ein Jahrzehnt lang erfolgreich der deutschen Eroberung widersetzt hatte. Die Kolonialtruppen setzten die Stadt in Brand. Nach Friedrich von Schele, Gouverneur des damaligen Deutsch-Ostafrikas, starben bei der Eroberung von Kalenga mindestens 250 Menschen, vermutlich wesentlich mehr.

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Fragen über das Humboldt-Forum hinaus

14. November 2017

von Claus Deimel

Wenn Kultursenator Lederer (Berlin) bemerkt, dass „die Ethnologie gerade anfängt, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen“ (Viola König im Blogbeitrag vom 3.10.17), dann steht dies für uninformierte Meinungen auch anderer Politiker. Die Wissenschaft aber ist solchen Sprech auch in ihrer historischen Erfahrung gewohnt und nimmt falsche Darstellungen ihrer Geschichte mehr oder weniger gelassen hin, denn sie weiß, dass die Politik mit Abweichungen von der für koloniales Denken und Verhalten zugerüsteten „allgemeinen Meinung“ selten flexibel umgehen kann.

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Zwischen den Stühlen Der Fachverband der Ethnolog*innen diskutiert über das Humboldt Forum

7. November 2017

von Jonas Bens

„Ethnologie im Humboldt Forum: Quo vadis Berlin-Mitte – und mit wem?“ war der Titel einer Podiumsdiskussion, die als einer der Höhepunkte der diesjährigen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie stattfand. Moderiert durch den Journalisten Thomas Schmidt von der Wochenzeitung Die Zeit beteiligten sich vier Wissenschaftler*innen fachöffentlichkeitswirksam an der wieder hitziger geführten Debatte über das Humboldt-Forum: Albert Gouaffo (Professor für Germanistik in Dschang in Kamerun), Viola König (Direktorin des Ethnologischen Museums Berlin), Carola Lentz (Professorin für Ethnologie in Mainz) und Wolfgang Schäffner (Professor für Wissens- und Kulturgeschichte an der HU Berlin).

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Von blinden Flecken und Sternchen im Untertitel Wie auf die Ausstellung „Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ reagiert wird

31. Oktober 2017

von Cordula Weißköppel

Blinde Flecken sind aus der Individualpsychologie bekannt, wenn bestimmte, emotional unangenehme Sachverhalte vom subjektiven Bewusstsein ausgeblendet werden, so dass sie einer bewussten Bearbeitung nicht mehr zugänglich sind. In Museen hat man sie eher selten diagnostiziert, handelt es sich doch um jene Institutionen, die das Schöne und Wichtige einer Gesellschaft ausstellen, und auch bislang Verborgenes in besonderes Licht rücken können. Umso überraschender, dass Anfang August die Bremer Kunsthalle ihr Kupferstichkabinett öffnete, um die Sonderausstellung „Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ zu präsentieren und dafür als Leitmotiv „Der blinde Fleck“ gewählt wurde. War nicht in der kolonialen Epoche Europas eher von „weißen Flecken“ auf der Landkarte die Rede?

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Was für ein Wirbel Zweiter Teil: Ein Besuch im Souvenirladen

24. Oktober 2017

von Erhard Schüttpelz

Marx hatte recht, aber man kann sein berühmtes Diktum aus dem „Achtzehnten Brumaire des Louis Napoleon“ vertiefen. Geschichte ereignet sich nicht abwechselnd als Tragödie und Farce. Die Farce ist die Hülle der Tragödie. Also ihr Wesen und ihre Maske. Die Enthauptung eines vormaligen ethnologischen Museums ist eine Tragödie, die nicht erst jetzt die Form einer Farce angenommen hat, sondern von vielen kleinen tragikomischen Travestien vorbereitet wurde. Und nach 15 Jahren Diskussion werden alle Wiederholungen dieses Geschehens zwangsläufig zu Parodien, da nehme ich mich nicht aus. Ich widme mich der Farce, damit die Tragödie klarer erkennbar wird.

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Was für ein Wirbel Erster Teil: Splitter und Balken

17. Oktober 2017

von Erhard Schüttpelz

Über das Humboldtforum ist alles gesagt. Und es ist schon vor zehn Jahren gesagt worden. Die Diskussion bewegt sich seit langer Zeit im Kreise. In diesem Jahr haben die Feuilletons die Regie übernommen, ohne daß dabei neue Gesichtspunkte zur Sprache gekommen wären. Das einzig Neue ist der deutliche Sog nach unten, der in den beiden Beiträgen von Viola König und Bernhard Streck zur Diskussion kommt. Die Ethnologie ist von der Leitungsebene eines ethnologischen Museums oder einer permanenten ethnologischen Ausstellung ausgeschlossen worden, ohne Diskussion und ohne Gründe; und das Gebäude wird von einem fünf Meter hohen Kreuz gekrönt, das als Zeichen der Toleranz verstanden werden soll, damit die heidnischen Überlieferungen ihren Ort im Abendland finden können. Das eine klingt wie die Bestrafung eines wissenschaftlichen Fachs durch dessen Unmündigkeitserklärung; das andere wie eine Satire: Wer das Kreuz nicht will, ist eben nicht tolerant genug.

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Die Frösche haben klug gequakt, aber die Kühe trinken weiter Wasser aus dem Weiher Zur Debatte „Geteiltes Erbe? Koloniales Wissen in Geschichte und Gegenwart“ im Hamburger Völkerkundemuseum am 26. September 2017

10. Oktober 2017

von Michi Knecht

© Museum für Völkerkunde Hamburg. Photos: Arne Bosselmann

Es wird in den letzten Jahren selten vorgekommen sein, dass die 205 Sitzplätze des Patina-überzogenen, rundum holzgetäfelten großen Hörsaals des Hamburger Völkerkundemuseums (Baujahr 1912) bis auf den letzten Platz besetzt waren.[1] Gleichzeitig drängelten sich im Foyer draußen vor der Türe mehr als 80 Menschen, die nicht mehr eingelassen werden konnten. Das Museum unter neuer Führung (Dr. Barbara Plankensteiner, zuvor Weltkulturenmuseum Wien und Yale University Art Gallery) hatte zur Diskussion über „Koloniales Wissen in Geschichte und Gegenwart“ eingeladen und ein großes Publikum war gekommen. Offenbar gibt es im Bildungsbürgertum gegenwärtig so etwas wie ein Momentum, eine neue Dynamik und Intensität in der Auseinandersetzung mit dem kolonialen „Erbe“ – nachdem postkoloniale AktivistInnengruppen und einige wenige HistorikerInnen, EthnologInnen und benachbarte WissenschaftlerInnen so lange sehr marginalisiert gegen die „koloniale Amnesie“ und auch Apathie angekämpft haben. Dass wir es auch mit einer kolonialen Aphasie zu tun haben, einer politisch und gesellschaftlich tief verankerten, historisch erworbenen, multimodalen Sprach(zer)störung, schien in den Podiumsgesprächen und in der Publikumsdebatte immer wieder auf. Diese koloniale Sprachstörung wurde von den eingeladenen PodiumsteilnehmerInnen aber zumindest punktuell auch blitzgescheit herausgearbeitet und kommentiert.

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Bloß kein Völkerkundemuseum Zur aktuellen Konzeptentwicklung des Humboldt Forums

3. Oktober 2017

von Viola König

„Empört euch, aber bitte öffentlich! Ethnologie als Störwissenschaft“, so lautete der Titel einer von Cassis Kilian moderierten Plenarveranstaltung auf der DGV-Tagung „Verortungen. Ethnologie in Wissenschaft, Arbeitswelt und Öffentlichkeit“ 2013 in Mainz, auf der ich den damaligen Stand des Humboldt Forums referierte. Im Zentrum der Diskussion stand die allgemeine Klage, die Ethnologie werde zu zentralen Themen, zu denen sie etwas zu sagen hat, überhört. Vier Jahre später steht die Ethnologie – zumindest in Gestalt ihrer Museen –  im Zentrum der Öffentlichkeit, allerdings negativ. Was ist passiert?

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„Keine Macht für Niemand“ Lasst endlich die Exponate sprechen

3. Oktober 2017

von Bernhard Streck

Es ist erreicht. Was Adolf Bastian mit der Gründung des Museums für Völkerkunde mitten in der aufstrebenden Metropole Berlin einst wollte und was im Bombenhagel des II. Weltkriegs unterging, hat sich mit der Einrichtung des neuen Humboldt Forums wieder herstellen lassen. Bastian ging es allerdings um die zentrale Präsentation der Ergebnisse einer weltweit tätigen Rettungsforschung, eine sehr bildungsbürgerlich getönte Sicherstellung der unterschiedlichsten Kulturblüten, bevor die damals kolonial einhergehende Globalisierung sie zertreten konnte. Heute dagegen gibt es nichts mehr zu retten außer dem Rettungsgedanken selbst, der von der mehr staunenden als karitativen Anerkennung des kulturell Anderen lebt.

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Wie weiter mit Humboldts Erbe? Ethnographische Sammlungen neu denken

3. Oktober 2017

von Anna Brus, Michi Knecht, Larissa Förster, Verena Rodatus, Ehler Voss and Martin Zillinger

Das Humboldt Forum, das derzeit in der Mitte Berlins in der Hülle des rekonstruierten preußischen Stadtschlosses entsteht und ab 2018 die Sammlungen des Ethnologischen Museums Berlin neu präsentieren wird, ist zu einem Kristallisationspunkt für Debatten über den Umgang mit ethnographischen Sammlungen in Deutschland geworden.

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