Mal d’archives revisited oder Archivübel aus postkolonialer Perspektive. Eine Sichtbehinderung

19. März 2019

von Knut Ebeling[1]

In der gegenwärtigen öffentlichen Debatte um die Restitution außereuropäischen Kulturerbes fällt (neben diversen anderen) eine Lücke besonders auf: Die Realitätsbedingungen der Suche nach Herkunft und Provenienz werden in der öffentlichen Diskussion systematisch ausgeblendet. Zwar weist die postkoloniale Provenienzforschung seit dreißig Jahren auf sie hin; entsprechend wird von den diversen Personen, die sich in den öffentlichen Medien in letzter Zeit zu diesem Thema äußerten, regelmäßig auf die Schwierigkeit der Rekonstruktion von Herkunft verwiesen sowie darauf, dass die Mittel für Provenienzforschung selbstverständlich aufgestockt werden müssen. Insbesondere in der politischen Debatte wird jedoch vielfach mit einer Illusion von Transparenz gearbeitet, die von dem Eindruck ausgeht, man könne entlegene und diverse Herkünfte komplizierter interkultureller Transaktionen ›einfach so‹ rekonstruieren und ohne Sichtbehinderung in die Vergangenheit blicken. Kurz: Die Mittel und Medien, die bei dieser Sicht in die Vergangenheit regelmäßig zum Einsatz kommen und die für eine erfolgreiche Rekonstruktion von Herkünften notwendig sind, werden ebenso regelmäßig ausgeklammert.

moreMal d’archives revisited oder Archivübel aus postkolonialer Perspektive. Eine Sichtbehinderung

Wessen Recht für wen?

12. März 2019

von Lilli Hasche

Der Umgang mit kolonialen Kulturgütern und Human Remains in europäischen Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen ist ohne Zweifel eine politische Frage, um die seit Jahrzehnten gekämpft wird. Dabei wird – auch auf diesem Blog – häufig auch mit der Rechtslage argumentiert. Das konfrontiert uns nicht nur mit der Frage, wie die Rechtslage ist oder sein könnte, sondern auch, wie wir emanzipatorische Intentionen bei politischen oder ethischen Auseinandersetzungen überhaupt im rechtlichen Register zur Geltung bringen können oder sollten. Ich möchte deshalb anlässlich der Abschlussfeier der Humboldt University Law Clinic für Grund- und Menschenrechte, Berlin eine post- und dekoloniale Perspektive auf die rechtswissenschaftliche Debatte rund um die Rückgabe außereuropäischer Objekte und die Versuche, rechtliche Lösungsansätze dafür zu entwickeln, einnehmen.

more „Wessen Recht für wen?“

Le patrimoine culturel à l’épreuve du temps au Bénin (Rapport de l’école doctorale au Bénin du 14 au 30 juillet 2018)

5. Februar 2019

Par Claudia Jürgens et Barpougouni Mardjoua
avec la collaboration de Verena Rodatus

(1) Otoiu (2018), président du Vodoun, Dada Daagbo Hounon Hounan II et le groupe doctoral.

L’école doctorale d’été « Processus de patrimonialisation, usages et muséification du passé » qui fait objet du présent rapport s’est déroulée à Porto-Novo au Bénin, du 14 au 30 juillet 2018. Dans cet article nous exposerons des discours temporels et spatiaux sur les processus de patrimonialisation au Bénin. Les processus de patrimonialisation incluent des discours sur le patrimoine culturel matériel et immatériel et leurs perceptions locales. Notre intérêt est de comparer les collections d’objets béninois en Allemagne – en particulier les collections des musées de Berlin – avec les discours d’espace et de temps prononcés par les différents acteurs. En somme, notre objectif est de contribuer aux débats contemporains sur la restitution d’objets appartenant aux collections ethnologiques d’Europe, dans une perspective spécifiquement locale, liée au Bénin.

more „Le patrimoine culturel à l’épreuve du temps au Bénin (Rapport de l’école doctorale au Bénin du 14 au 30 juillet 2018)“

Eurozentrismus setzt den Rahmen für Restitution Eine selektive Definition des afrikanischen Kulturerbes setzt das kolonialistische Paradigma fort*

22. Januar 2019

von Z. S. Strother

*übersetzt aus dem Englischen von Robin Cackett

Seit André Malraux 1959 bis 1969 das neu geschaffene Amt eines Kultusministers bekleidete, wird in Frankreich Kunstförderung in Afrika als Mittel der sanften Machtausübung eingesetzt. Als Präsident Emmanuel Macron im November 2017 verkündete, einen Fünfjahresplan zur „temporären oder definitiven Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes an Afrika“ auszuarbeiten, witterten daher viele Kommentatoren politische Motive hinter dem Versprechen. Man argwöhnte, Macron wolle damit den Zorn über die französische Einwanderungspolitik und die Präsenz französischer Truppen in Westafrika besänftigen. Einige Kritiker sahen darin auch den billigen Versuch, sich mit dieser scheinbar großzügigen Geste des französischen Kolonialerbes zu entledigen. Die Sache scheint umso dringlicher, als Frankreich in seinen ehemaligen Kolonien wirtschaftlich rasant an Boden gegenüber China verliert – so etwa beim Wettlauf um lukrative Ölförderverträge vor der senegalesischen Küste.

moreEurozentrismus setzt den Rahmen für Restitution Eine selektive Definition des afrikanischen Kulturerbes setzt das kolonialistische Paradigma fort*

Ovizire Somgu: Von woher sprechen wir? Kommentar zur laufenden Ausstellung im MARKK (bis zum 12.4.19), und in M.Bassy (bis zum 27.1.19), Hamburg

15. Januar 2019

von Cordula Weißköppel

 

Von woher kommen wir[1]?

Als junge Studentin der Ethnologie begann ich im Jahr 1988/89 meine Ausbildung am Rothenbaum, im Institut hinterm Museum für Völkerkunde. Das war vielen sofort ein Begriff, aber wenn ich erzählte, dass wir mehr oder weniger in einem Kellerraum des Gebäudes unsere Seminare abhielten und die Bibliothek aus allen Nähten platzte, weil das Museum keine Veranlassung sah, Räume abzutreten oder gar eine Zusammenlegung der Buchbestände mit der Universität anzustreben, interessierte das kaum jemanden. Nur zu unseren Vorlesungen durften wir den herrschaftlichen Vorlesungssaal in Eichenholz nutzen und den Sounds vom Zeigestock lauschen, wenn der Professor seinen Hiwis Signal gab, die Dias über seine Vorträge zu Ozeanien zu wechseln. Das Museum als Arbeitsfeld für Ethnologen hatte mich nie gelockt, schon bei meinen ersten Besuchen stellte ich wie schon so oft in andern Häusern mit vielen Glasvitrinen fest: alles sehr verstaubt. Vielleicht lag es auch daran, dass uns derselbe Professor deutlich zu verstehen gab, dass vor der Promotion im Museum sowieso nichts laufe, keine Idee von Projektstudium oder kooperativer Lehre mit den MitarbeiterInnen des Museums, streng getrennte Sphären zwischen den Objektexperten und denen des akademischen Diskurses über sie. Einzig der Besuch der Museums-Bibliothek war erlaubt, wo immer ein gastfreundlicher Ton der leitenden Bibliothekarin herrschte, war sie vermutlich an den Nutzerstatistiken interessiert, die sich durch uns Studierende erhöhte und dafür sorgte, dass die Etats für Neuanschaffungen nicht schrumpften? Angeregt durch eine Vorlesung in der Politologie zu Kolonialismus in Afrika hatte ich mich mal wieder in die schmalen Etagen dieser Museumsbibliothek begeben, um nach Werken über das Kolonialzeitalter zu suchen. Ich wurde fast in allen regionalen Abteilungen fündig: Ozeanien, die Amerikas, Afrika, China …. wo sollte ich bloß anfangen? Mir dämmerte, was alles überhaupt noch nie in meiner Schulzeit behandelt worden war, dabei hatte ich einen sehr guten Geschichtslehrer gehabt. Dafür studiert man wohl, dachte ich mir und stürzte mich mutig in das „Selbststudium“, das aber schnell  von anderen Anforderungen im Studium eingeholt wurde, meine guten Vorsätze blieben auf der Strecke, genauso wie die Vorlesung im Studium Generale bei den Politologen. Von Kolonialismus las ich erst wieder in einem Oberseminar, als ich zur Hauptstadt Khartum im Sudan ein Referat hielt und vom Mahdi-Aufstand erfuhr, eine der erfolgreichen Widerstandsbewegungen gegen die Briten, die bis heute als eine Wurzel sudanesischer Unabhängigkeitswerdung und Nationalstaatsbildung gewertet wird.

moreOvizire Somgu: Von woher sprechen wir? Kommentar zur laufenden Ausstellung im MARKK (bis zum 12.4.19), und in M.Bassy (bis zum 27.1.19), Hamburg

Reversal of the gaze Epistemic violence, epistemic reconciliation, response-able knowledge production

8. Januar 2019

by Souad Zeineddine

The reversal of the gaze – whether in anthropology or in art history –, is neither a banal nor a simple undertaking. Both the ability to reverse the gaze and the practiced reversal of the gaze are necessary conditions for the critical inquiry of the interrelatedness of contemporary power relations and the production of knowledge. Reversing the gaze is not just a productive mode of knowledge production but goes hand in hand with taking on the ‘response-ability’[1] (Haraway and Kenney 2015: 256-257) for past-present-future knowledge production, circulation, mediation and accessibility of knowledge in its various forms.

„Der/Die Europäer/in wird selbst zum Objekt des Blickes und Gegenstand der Darstellung. […]. Die Verfremdung des Eigenen, die uns in diesen Skulpturen begegnet, ist manchmal komisch, manchmal verstörend.“
(Brus 2017: 123)

Unsicher blickte ich mich um, […] mehr Objekt der Beobachtung als Beobachter.“
(Zillinger 2013: 17)

These quotes, whether implicitly or explicitly, state that the production and mediation of knowledge give rise to similar emotions as those brought out by the debate on restitution that is currently fore fronted in the global arena. Taking into account the multiple vulnerabilities and including the manifold emotions that are explicitly sometimes implicitly articulated and negotiated in the debate, I would like to make a transgenerational and interdisciplinary contribution to the restitution debate. This might be an overambitious and possibly daring attempt, but let us see where it takes us…

moreReversal of the gaze Epistemic violence, epistemic reconciliation, response-able knowledge production

The ‘Restitution Report’ First Reactions in Academia, Museums, and Politics

18. Dezember 2018

by Margareta von Oswald

This review gives an overview of the first reactions to the so-called ‘restitution report’ handed in to French president Emmanuel Macron on Nov 23, 2018 by Felwine Sarr and Bénédicte Savoy[1]. The debate and reactions in politics, museums, academia, but also from the art market have been polarized and emotionally charged. Starting with first reactions in France, the review then gives an overview of the official responses by museums and politics in different European and African national contexts. After that, it attempts to resume how the report has been debated, challenged, and commented, notably in academia. Due to the quantity and speed of publications and reactions in circulation, this review can only present a selection of arguments and articles.

moreThe ‘Restitution Report’ First Reactions in Academia, Museums, and Politics

„Die Wahrheit ist, dass Europa uns etwas geraubt hat, was es niemals zurückgeben kann“*

11. Dezember 2018

von Achille Mbembe

*Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

 

Endlich haben Bénédicte Savoy und Felwine Sarr ihren Bericht zur Restitution afrikanischer Kunstgegenstände aus französischen Museen an Präsident Emmanuel Macron übergeben. Aus verständlichen historischen Gründen hatte Macron den Auftrag auf die Gebiete beschränkt, für die die Republik Verantwortung trug. Man kann ihm kaum vorwerfen, ihn nicht über die Grenzen des afrikanischen Kolonialreichs hinaus ausgedehnt zu haben. Der Auftrag bestand auch nicht darin, das Erbe aus präkolonialen innerafrikanischen Konflikten zu erfassen. Da, wo es ein solches Erbe gibt, liegt die Lösung der Konflikte einzig und allein bei den Afrikanern.

Der Bericht von Sarr und Savoy enthält eine Reihe ehrlicher, vernünftiger und realistischer Vorschläge, deren Umsetzung über einen längeren Zeitraum hinweg einen fundierten kritischen Dialog zwischen den französischen und afrikanischen Museumseinrichtungen erfordert. So ein Dialog ohne Vorbedingungen und Vorurteile könnte den Weg für eine neue kulturelle französisch-afrikanische Beziehung mit Auswirkungen auf die ganze Welt öffnen.

Die Autoren des Berichts betonen immer wieder, dass ihr Ziel über die materielle Rückgabe von Artefakten hinaus gehe und auch darin bestehe, die Voraussetzungen für eine von Gegenseitigkeit und Gemeinschaftlichkeit geprägte Beziehung zu schaffen. Es geht also nicht darum, die Museen Frankreichs zu leeren, wie böswillige Kritiker unterstellen, sondern vielmehr darum, ein historisches Unrecht gutzumachen und Frankreich die Chance zu bieten, seine Beziehung zu Afrika auf neue Grundlagen zu stellen, zum Wohl der ganzen Welt.

more „„Die Wahrheit ist, dass Europa uns etwas geraubt hat, was es niemals zurückgeben kann“*“