Ovozire Somgu: Von woher sprechen wir? Kommentar zur laufenden Ausstellung im MARKK (bis zum 12.4.19), und in M.Bassy (bis zum 27.1.19), Hamburg

15. Januar 2019

von Cordula Weißköppel

 

Von woher kommen wir[1]?

Als junge Studentin der Ethnologie begann ich im Jahr 1988/89 meine Ausbildung am Rothenbaum, im Institut hinterm Museum für Völkerkunde. Das war vielen sofort ein Begriff, aber wenn ich erzählte, dass wir mehr oder weniger in einem Kellerraum des Gebäudes unsere Seminare abhielten und die Bibliothek aus allen Nähten platzte, weil das Museum keine Veranlassung sah, Räume abzutreten oder gar eine Zusammenlegung der Buchbestände mit der Universität anzustreben, interessierte das kaum jemanden. Nur zu unseren Vorlesungen durften wir den herrschaftlichen Vorlesungssaal in Eichenholz nutzen und den Sounds vom Zeigestock lauschen, wenn der Professor seinen Hiwis Signal gab, die Dias über seine Vorträge zu Ozeanien zu wechseln. Das Museum als Arbeitsfeld für Ethnologen hatte mich nie gelockt, schon bei meinen ersten Besuchen stellte ich wie schon so oft in andern Häusern mit vielen Glasvitrinen fest: alles sehr verstaubt. Vielleicht lag es auch daran, dass uns derselbe Professor deutlich zu verstehen gab, dass vor der Promotion im Museum sowieso nichts laufe, keine Idee von Projektstudium oder kooperativer Lehre mit den MitarbeiterInnen des Museums, streng getrennte Sphären zwischen den Objektexperten und denen des akademischen Diskurses über sie. Einzig der Besuch der Museums-Bibliothek war erlaubt, wo immer ein gastfreundlicher Ton der leitenden Bibliothekarin herrschte, war sie vermutlich an den Nutzerstatistiken interessiert, die sich durch uns Studierende erhöhte und dafür sorgte, dass die Etats für Neuanschaffungen nicht schrumpften? Angeregt durch eine Vorlesung in der Politologie zu Kolonialismus in Afrika hatte ich mich mal wieder in die schmalen Etagen dieser Museumsbibliothek begeben, um nach Werken über das Kolonialzeitalter zu suchen. Ich wurde fast in allen regionalen Abteilungen fündig: Ozeanien, die Amerikas, Afrika, China …. wo sollte ich bloß anfangen? Mir dämmerte, was alles überhaupt noch nie in meiner Schulzeit behandelt worden war, dabei hatte ich einen sehr guten Geschichtslehrer gehabt. Dafür studiert man wohl, dachte ich mir und stürzte mich mutig in das „Selbststudium“, das aber schnell  von anderen Anforderungen im Studium eingeholt wurde, meine guten Vorsätze blieben auf der Strecke, genauso wie die Vorlesung im Studium Generale bei den Politologen. Von Kolonialismus las ich erst wieder in einem Oberseminar, als ich zur Hauptstadt Khartum im Sudan ein Referat hielt und vom Mahdi-Aufstand erfuhr, eine der erfolgreichen Widerstandsbewegungen gegen die Briten, die bis heute als eine Wurzel sudanesischer Unabhängigkeitswerdung und Nationalstaatsbildung gewertet wird.

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Reversal of the gaze Epistemic violence, epistemic reconciliation, response-able knowledge production

8. Januar 2019

by Souad Zeineddine

The reversal of the gaze – whether in anthropology or in art history –, is neither a banal nor a simple undertaking. Both the ability to reverse the gaze and the practiced reversal of the gaze are necessary conditions for the critical inquiry of the interrelatedness of contemporary power relations and the production of knowledge. Reversing the gaze is not just a productive mode of knowledge production but goes hand in hand with taking on the ‘response-ability’[1] (Haraway and Kenney 2015: 256-257) for past-present-future knowledge production, circulation, mediation and accessibility of knowledge in its various forms.

„Der/Die Europäer/in wird selbst zum Objekt des Blickes und Gegenstand der Darstellung. […]. Die Verfremdung des Eigenen, die uns in diesen Skulpturen begegnet, ist manchmal komisch, manchmal verstörend.“
(Brus 2017: 123)

Unsicher blickte ich mich um, […] mehr Objekt der Beobachtung als Beobachter.“
(Zillinger 2013: 17)

These quotes, whether implicitly or explicitly, state that the production and mediation of knowledge give rise to similar emotions as those brought out by the debate on restitution that is currently fore fronted in the global arena. Taking into account the multiple vulnerabilities and including the manifold emotions that are explicitly sometimes implicitly articulated and negotiated in the debate, I would like to make a transgenerational and interdisciplinary contribution to the restitution debate. This might be an overambitious and possibly daring attempt, but let us see where it takes us…

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The ‘Restitution Report’ First Reactions in Academia, Museums, and Politics

18. Dezember 2018

by Margareta von Oswald

This review gives an overview of the first reactions to the so-called ‘restitution report’ handed in to French president Emmanuel Macron on Nov 23, 2018 by Felwine Sarr and Bénédicte Savoy[1]. The debate and reactions in politics, museums, academia, but also from the art market have been polarized and emotionally charged. Starting with first reactions in France, the review then gives an overview of the official responses by museums and politics in different European and African national contexts. After that, it attempts to resume how the report has been debated, challenged, and commented, notably in academia. Due to the quantity and speed of publications and reactions in circulation, this review can only present a selection of arguments and articles.

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„Die Wahrheit ist, dass Europa uns etwas geraubt hat, was es niemals zurückgeben kann“*

11. Dezember 2018

von Achille Mbembe

*Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

 

Endlich haben Bénédicte Savoy und Felwine Sarr ihren Bericht zur Restitution afrikanischer Kunstgegenstände aus französischen Museen an Präsident Emmanuel Macron übergeben. Aus verständlichen historischen Gründen hatte Macron den Auftrag auf die Gebiete beschränkt, für die die Republik Verantwortung trug. Man kann ihm kaum vorwerfen, ihn nicht über die Grenzen des afrikanischen Kolonialreichs hinaus ausgedehnt zu haben. Der Auftrag bestand auch nicht darin, das Erbe aus präkolonialen innerafrikanischen Konflikten zu erfassen. Da, wo es ein solches Erbe gibt, liegt die Lösung der Konflikte einzig und allein bei den Afrikanern.

Der Bericht von Sarr und Savoy enthält eine Reihe ehrlicher, vernünftiger und realistischer Vorschläge, deren Umsetzung über einen längeren Zeitraum hinweg einen fundierten kritischen Dialog zwischen den französischen und afrikanischen Museumseinrichtungen erfordert. So ein Dialog ohne Vorbedingungen und Vorurteile könnte den Weg für eine neue kulturelle französisch-afrikanische Beziehung mit Auswirkungen auf die ganze Welt öffnen.

Die Autoren des Berichts betonen immer wieder, dass ihr Ziel über die materielle Rückgabe von Artefakten hinaus gehe und auch darin bestehe, die Voraussetzungen für eine von Gegenseitigkeit und Gemeinschaftlichkeit geprägte Beziehung zu schaffen. Es geht also nicht darum, die Museen Frankreichs zu leeren, wie böswillige Kritiker unterstellen, sondern vielmehr darum, ein historisches Unrecht gutzumachen und Frankreich die Chance zu bieten, seine Beziehung zu Afrika auf neue Grundlagen zu stellen, zum Wohl der ganzen Welt.

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Alles, was Recht ist Anmerkungen zur Debatte um Provenienz und Rückgabe aus der Perspektive der Sozial- und Kulturanthropologie

6. Dezember 2018

von Larissa Förster

In der Debatte um kolonialen Provenienzen und die Restitution von Objekten aus ehemals kolonisierten Ländern in deutschen Museen ist immer ein Elefant im Raum. Der Elefant ist das Recht – die Frage, wann es sich z.B. um einen „Unrechtskontext“ handelt, wann dieser justiziabel ist oder sein sollte und wann ein Museumsobjekt folglich zurückgegeben werden muss. Vielerorts wird das Fehlen rechtlicher Instrumente beklagt, um Rückgaben auf juristisch soliden Boden zu stellen. Die einen vollziehen deshalb juristische Winkelzüge, die anderen lassen politische Gremien entscheiden, wieder andere plädieren für eine „Washingtoner Erklärung“ für die Kolonialzeit oder wollen durch „Third World Approaches to International Law“ eine Veränderung der gängigen Rechtspraxis erreichen. Viel geschrieben wird deshalb über koloniale Rechtsordnungen, über die Entwicklung des Völkerrechts, hard law und soft law, über deutsches öffentliches und privates Recht, früher und heute.[1]

Aus dem Blickwinkel der Sozial- und Kulturanthropologie jedoch fällt eine ganz andere Leerstelle in der Debatte auf: Kaum jemand fragt danach – geschweige denn untersucht genauer – welche Rechtsvorstellungen und welches Rechtsempfinden beispielsweise 1884, 1904 oder 1915 in den vom Deutschen Reich kolonisierten Gesellschaften geherrscht haben?[2] Vor dem Hintergrund welcher Normen und Rechtssysteme schenkten, tauschten, handelten oder überließen etwa afrikanische Akteure Dinge des Alltags oder des Kultus an Europäer? Vor dem Hintergrund welchen Rechts- und Gerechtigkeitsempfindens sahen Einheimische Dinge als gestohlen, erpresst oder geraubt an, wünschten und forderten sie zurück oder gaben sie für verloren? Welche Art von Reziprozität, Wiedergutmachung und auch Bestrafung, etwa für das Wegnehmen von Dingen, hielten sie für angemessen?

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Everything Must Go: Looting the Museum as Compensation for Looting the World Raubkunstforschung als angewandte Wissenschaft

28. November 2018

by Erhard Schüttpelz

Preliminary Remarks on: Felwine Sarr/Bénédicte Savoy, „The Restitution of African Cultural Heritage. Toward a New Relational Ethics“ (November 2018).

http://restitutionreport2018.com

Marx was right, but we can delve deeper into his famous dictum from „The Eighteenth Brumaire of Louis Bonaparte“. History does not repeat itself by alternating from tragedy to farce. Farce is the covering of tragedy, i.e., its being and its mask. The development of Berlin’s Humboldt Forum is a tragedy that hasn’t only now taken on the form of farce, but that was prepared by many little tragicomic travesties, and will be accompanied by several more. But even this capital tragicomedy pales in comparison with the art historical Chernobyl Accident of the decade, the „Report“ written by Felwine Sarr and Bénédicte Savoy for Mr. Macron. In the following lines, I try to devote myself to the tragedies involved in this „report“ to make the travesty more recognizable. There are many people in the fields of museum curating, anthropology and post-colonial exhibitions that could write a better commentary than I am able to assemble in the first rush of anger and perplexion. The only reason I have started writing this text is, that I have witnessed the ambivalence of others like myself. After all, is this not a historical landmark (or landslide) report? Are our sympathies not with all those who were robbed, humiliated and disinherited under colonial rule? And indeed, from what I can tell, museum people are behaving cautiously and act like diplomats, after all, they are depending on political decisions too; anthropologists do sympathize with the radicalism and the „payback“ promised after centuries of power abuse, and they think of the possibilities of the dispossessed being compensated for material and immaterial losses; nobody wants to be called a colonialist; and some older anthropologists have admitted defeat in the face of a new epoch that flies in the face of everything they stood for and the scholarly authority they could take for granted. And I feel like that too, sympathizing with the radicalism and the „payback“ offered after centuries and in the presence of power abuse. But that should be no reason to accept a proposal that is full of inconsistencies and injustice, uninformed and actively distorting history.

Please compare Nicolas Thomas’ passages in: https://www.theartnewspaper.com/comment/restitution-report-museums-directors-respond

 

 

  1. This report is not about looted art, it is about looting museums in the name of historical justice. That is, in the name of a concept of historical justice.
  2. The museology in this report is pseudo-museology. The history written in the report is pseudo-history.
  3. The legal principles of this report are against traditional principles of law. And they don’t try to acknowledge the legal conceptions of source communities either.
  4. The report is not about the restitution of property, but about getting rid of inalienable property, and especially about getting rid of the concept of inalienability.
  5. Making inalienable property into profane property means making it commercial property: the report creates a new art market (and a potentially violent art market too).
  6. If you give up the custody of scientific scholarship for political reasons, the artefacts will be political artefacts, and they will be disinherited many more times.
  7. If you give up the heritage of anthropological museums, you are not turning artefacts into art: you are preparing for historical amnesia, and for anthropological amnesia.
  8. If you put this report into practice, tragedy will be performed as travesty, and travesties will be parts of tragedies.

 

 

“Ein menschlicher Schädel als Ware: Geht das noch?”

20. November 2018

von Sarah Fründt und Oliver Lueb

Unter dem Titel „Wer so was kauft, muss einen kleinen Knall haben“ veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung am 18.10.2018 ein Interview mit dem Geschäftsführer des Auktionshauses Lempertz, Prof. Henrik Hanstein. In dem Gespräch (Autor: Jörg Häntzschel) ging es um eine Auktion am 24.10. in der Brüsseler Filiale des Hauses, bei der auch menschliche Überreste (ein Schrumpfkopf der im Amazonasbecken an der Grenze zwischen Ecuador und Peru lebenden Jívaro und mehrere Ahnenschädel aus Ozeanien) sowie Objekte mit eindeutig kolonialer Provenienz versteigert wurden. Auf der Homepage vom Lempertz konnte man den Katalog und entsprechend Abbilder aller Auktionsartikel einsehen. Nicht nur die Pläne des Auktionshauses, sondern auch viele der im Interview gemachten Äußerungen sorgen angesichts der insbesondere in den letzten Jahren auf nahezu allen Ebenen geführten Diskussion um das koloniale Erbe in ethnologischen Sammlungen für Irritation in Fachkreisen, aber auch einer breiteren Öffentlichkeit.

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Empirical notes on the exhibition “L’Un et l’Autre” (One and the Other) Palais de Tokyo, Paris 2018

6. November 2018

by Anna Seiderer

“It is so much easier if you are an art museum!”[1]

In the framework of the conference Exchanging perspectives: anthropologies, museum collections and colonial legacies between Paris and Berlin[2], I was asked to give an overview on the institutional changes of Parisian art museums with regard to colonial history.

Indeed, I could have mentioned several shows that have been presented during the last months in the city such as the current exhibitions by Bouchra Khalili or Daphnée Le Sergent at the Musée du Jeu de Paume, the Belgian artist Vincent Meessen or the South African artist David Goldblatt at the Centre Pompidou, Mohammed Bourouissa at the Musée d’Art Moderne de Paris, Black Dolls at la Maison Rouge, Julien Creuzet at Béton Salon and the project Practising colonial images – Propaganda films and private archives at the pluri-disciplinary art space Khiasma. All these projects are differently connected with colonial history. It would thus be worth to look at each of them systematically and precisely in order to observe the various ways in which art institutions in Paris today are confronted by (and confront themselves) the colonial pasts and its current resonances.

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[Announcement] Achille Mbembe on „The Capacity for Truth: Of ‘Restitution’ in African Systems of Thought“

2. November 2018

A.W. Amo Lecture
14th November 2018, 18h15, Melanchthonianum XX, MLU, Universitätsplatz 8/9, Halle

Achille Mbembe
WiSER, University of the Witwatersrand, Johannesburg

 

The Capacity for Truth: Of ‘Restitution’ in African Systems of Thought

The lecture will explore some of the meanings attached to the concept and practice of restitution in precolonial African systems of thought. It will dwell in particular on those traditions that considered the most damaging wrongs as those causing harm to one’s ‘vital force’. We will elicit the juridical underpinnings of the right to restitution and revisit the relation between ‘persons’ and ‘objects’ it presupposed.

Achille Mbembe is currently Research Professor at WiSER, University of the Witwatersrand, Johannesburg, South Africa. He obtained his Ph.D. in history at the University of Sorbonne in Paris, France, in 1989. He subsequently obtained a D.E.A. in political science at the Instituts d’études politiques also in Paris. He has held appointments at Columbia University in New York, Brookings Institute in Washington, D.C., University of Pennsylvania, University of California, Berkeley, Yale University, Duke University and at the Council for the Development of Social Science Research in Africa (CODESRIA) in Dakar, Senegal. Today, Achille Mbembe figures as the most renown philosopher, political theorist, and public intellectual of the African continent and won several outstanding prizes, also in Germany. His most important works are: Les jeunes et l’ordre politique en Afrique noire (1985) ; La naissance du maquis dans le Sud-Cameroun (1920-1960); Histoire des usages de la raison en colonie (1996); De la postcolonie. Essai sur l’imagination politique dans l’Afrique contemporaine (2000); Sortir de la grande nuit : Essai sur l’Afrique décolonisée (2003); Critique de la raison nègre (2013); Politique de l’inimitié (2016). Most of his books have been translated into English and German.

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